Kalte Nahwärme: Wie Kommunen von neuen Konzepten profitieren können

Nicht nur die Heizgeräte, vor allem auch die Wärme-Infrastruktur sollte im Blick sein: Dafür plädiert Verbandsexperte Amir Giebel. Er schlüsselt auf, wie entscheidende Akzente gesetzt werden, was an kalter Nahwärme besonders ist und wie Kommunen von ihr profitieren können.

Kalte Nahwärme
„Kalte Wärmenetze sind eine der überzeugendsten Antworten auf die Frage, wie Kommunen bezahlbare, klimaneutrale und resiliente Wärmeversorgung als Daseinsvorsorge organisieren können“, so Verbandsexperte Amir Giebel. Foto: Adobe Stock/Pakin

Die Wärmewende entscheidet sich nicht allein im Heizungskeller. Sie entscheidet sich dort, wo Kommunen heute festlegen, welche Infrastruktur ihre Quartiere tragen soll. Kalte Wärmenetze sind dafür ein starkes Instrument: Sie verteilen Umweltwärme auf niedrigem Temperaturniveau – etwa aus Erdreich, Grundwasser, Gewässern oder Abwärme – und heben sie erst im Gebäude mit dezentralen Wärmepumpen auf das benötigte Niveau. Das klingt technisch, ist kommunalpolitisch aber vor allem eines: eine langfristige Standortentscheidung.

Der wichtigste Vorteil liegt im Systemgedanken. Statt jedes Gebäude einzeln mit Außenluft-Wärmepumpen, individuellen Wartungsverträgen und späteren Ersatzinvestitionen auszustatten, entsteht eine gemeinsame Energieinfrastruktur.

Wo kalte Wärmenetze besonders sinnvoll sind

Das verbessert die städtebauliche Qualität, reduziert sichtbare Außengeräte sowie Schallkonflikte und schafft klare Verantwortlichkeiten. In Neubauquartieren, Nachverdichtungen, Campusarealen, Gewerbegebieten oder Ortskernen mit Ankerkunden können kalte Wärmenetze eine robuste Lösung sein. Hinzu kommt: Sie können nicht nur Wärme liefern, sondern auch beim Kühlen helfen – ein Thema, das mit heißeren Sommern relevanter wird.

Die Zwischenbilanz ist ermutigend, aber noch nicht zufriedenstellend. Technisch sind kalte Wärmenetze keine Zukunftsmusik mehr. Viele Projekte zeigen, dass die Kombination aus niedrigen Netztemperaturen, lokalen Quellen und Wärmepumpen funktioniert. Auch die kommunale Wärmeplanung rückt solche Lösungen stärker in den Blick.

Gelungen ist vor allem, dass Wärmenetze heute nicht mehr nur als „Fernwärme alter Prägung“ verstanden werden, sondern als offene Plattform für erneuerbare Quellen, Speicher und Sektorenkopplung. Luft nach oben gibt es bei Standardisierung, Vergleichbarkeit von Wirtschaftlichkeitsrechnungen und Genehmigungsroutinen. Die größten Herausforderungen liegen selten in der Physik, sondern in Organisation, Finanzierung und Kommunikation.

Was kalte Wärmenetze brauchen

Ein kaltes Wärmenetz braucht eine gute Wärmebedarfsanalyse, passende Quellen, eine realistische Anschlussquote und ein belastbares Betreibermodell. Es braucht außerdem den Mut, Anfangsinvestitionen nicht isoliert mit der billigsten Einzelanlage zu vergleichen, sondern über Lebensdauer, Resilienz, Wohnqualität und regionale Wertschöpfung zu bewerten.

Hier können Kommunen den Unterschied machen: durch Flächensicherung, koordinierte Tiefbauplanung, Vorgaben in Bauleitplanung und städtebaulichen Verträgen, die Aktivierung von Stadtwerken oder Genossenschaften und transparenten Dialog.

Die Öl- und Gaspreiskrise hat den Blick vieler Menschen verändert. Versorgungssicherheit, Preisschwankungen und Abhängigkeiten sind nicht länger abstrakte Energiethemen, sondern Erfahrungen in Haushalten, Rathäusern und Betrieben. Das kann ein Booster für kalte Wärmenetze sein – allerdings nur, wenn Kommunen die Krise als Anlass für strategische Infrastrukturpolitik nutzen.

Fossile Preise bleiben volatil, CO2-Kosten steigen, und erneuerbarer Strom wird für Wärmepumpensysteme wichtiger. Wer jetzt geeignete Quartiere identifiziert, Quellen sichert und Betreibermodelle vorbereitet, verkürzt später Umsetzungszeiten.

Wie Kommunen jetzt handeln sollten

Was erwarten wir als Verband von kommunalen Entscheidern? Erstens: Kalte Wärmenetze früh und technologieoffen in der Wärmeplanung prüfen – nicht erst, wenn Einzelentscheidungen bereits gefallen sind. Zweitens: Quartiere als Ganzes betrachten – die Frage lautet nicht, welche Heizung für ein einzelnes Haus heute am günstigsten ist, sondern welche Infrastruktur für den Ort langfristig den größten Nutzen schafft. Drittens: Kommunikation als Teil des Projekts verstehen.

Kommunikation ist zentral, denn Menschen brauchen Orientierung: Was bedeutet ein möglicher Anschluss konkret? Welche Kosten, Chancen und Zeiträume sind realistisch? Wo bestehen noch Unsicherheiten? Vertrauen entsteht durch nachvollziehbare Prozesse.

Best-Practice-Kommunen zeichnen sich weniger durch perfekte Ausgangsbedingungen aus als durch Konsequenz. Sie sichern lokale Wärmequellen früh, bündeln Tiefbau mit Glasfaser-, Straßen- oder Kanalarbeiten, gewinnen Ankerkunden wie Schulen, Pflegeeinrichtungen, kommunale Gebäude oder Gewerbebetriebe und schaffen Beteiligungsmöglichkeiten vor Ort.

Gute Projekte zeigen: Regionale Wertschöpfung ist kein Nebeneffekt. Planung, Bau, Betrieb und Service können Handwerk, Ingenieurbüros, Stadtwerke und Bürgerenergiegesellschaften stärken – und damit Akzeptanz erhöhen.

Was kalte Wärmenetze leisten können

Kalte Wärmenetze sind kein Allheilmittel. Aber sie sind eine der überzeugendsten Antworten auf die Frage, wie Kommunen bezahlbare, klimaneutrale und resiliente Wärmeversorgung als Daseinsvorsorge organisieren können.

Der BVKW versteht sich dabei als Kompetenzzentrum und Brückenbauer: zwischen Verwaltung und Technik, Stadtwerken und Wohnungswirtschaft, Forschung, Praxis und Politik. Denn die Wärmewende wird nicht von einzelnen Geräten gewonnen. Sie gelingt dort, wo Kommunen Infrastruktur mutig, langfristig und gemeinsam denken.

Amir Giebel


Der Autor

Amir Giebel ist Geschäftsführer des Bundesverbands Kalte Wärmenetze e. V. (BVKW).


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