Bundesweite Abwärmebörse – Ein „Goldschatz“ für die Kommunen

Millionen Haushalte könnten mit Abwärme aus Gewerbe und Industrie beheizt werden – eine bundesweite Abwärmebörse soll nun dazu beitragen, dass dieses große Potenzial gehoben werden kann. Boris Bartenstein erklärt, warum aus Sicht der KEA-BW die Daten für Kommunen und Stadtwerke so wertvoll sind.

Abwärmebörse
Abwärme kann eine mögliche Wärmequelle für Wärmenetze darstellen. Erforderlich hierfür ist die Verlegung von Wärmenetzrohren, wie hier in Offenburg. Foto: KEA-BW

Rund 125 Milliarden Kilowattstunden Abwärme aus Gewerbe und Industrie verpuffen jährlich bundesweit. Das hat die Deutsche Energie-Agentur (dena) ermittelt. Damit könnten theoretisch rund zehn Millionen Haushalte beheizt werden.

Der Wert der in die Umwelt abgegebenen Wärme beziffert sich auf bis zu fünf Milliarden Euro, sofern sie innerbetrieblich verwendet werden kann. Wärme, die im Unternehmen nicht nutzbar ist, lässt sich unter Umständen auch verkaufen. Ein Teil der nicht verwendeten Abwärme kann etwa in Wärmenetze eingespeist werden und damit fossile Energieträger ersetzen.

Allein in Baden-Württemberg liegt das theoretische Potenzial industrieller Abwärme bei bis zu 9,3 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr. Das hat eine Studie zur Abwärmenutzung in Unternehmen im Auftrag des Umweltministeriums Baden-Württemberg gezeigt. Damit ließen sich bis zu  740.000 Haushalte im Südwesten mit Raumwärme und Warmwasser aus Abwärme versorgen.

Die am 1. Januar gestartete bundesweite Plattform für Abwärme soll diesen derzeit noch verborgenen Schatz sichtbar machen und heben. Die Abwärmebörse ermöglicht erstmals eine Übersicht zu gewerblichen Abwärmepotenzialen in Deutschland. Ziel ist es, die Energie nutzbar zu machen und damit die Energieeffizienz in Deutschland weiter zu steigern.

Abwärmebörse
Die Nutzung von Abwärme trägt dazu bei, von Gas- und Ölimporten unabhängiger zu werden – gleichzeitig werden CO2-Emissionen reduziert: Das streicht die KEA-BW heraus. Foto: Adobe Stock/Fotolyse

Verantwortlich für den Aufbau und Betrieb der Plattform für Abwärme ist die Bundesstelle für Energieeffizienz (BfEE) im Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). Die gesetzliche Grundlage ist das Energieeffizienzgesetz (EnEfG) von 2023.

Das gewerbliche Abwärmepotenzial

Unternehmen mit einem Gesamtendenergieverbrauch von mehr als 2,5 Millionen Kilowattstunden pro Jahr müssen ihre Daten auf der Plattform hochladen. Diese Daten können von potenziellen Abnehmern von Abwärme vor Ort eingesehen werden.

Zu den Wärmedaten gehören unter anderem der Namen des Unternehmens, sein Standort, die jährliche Wärmemenge, die maximale thermische Leistung, die zeitliche Verfügbarkeit im Jahresverlauf sowie das durchschnittliche Temperaturniveau in Grad Celsius.

Abwärmebörse
Die Idee der Abwärmebörse: Abwärme aus industriellen Prozessen nicht ungenutzt in die Atmosphäre pusten, sondern damit Gebäude heizen. Foto: Adobe Stock/PANORAMO

Unternehmen liefern bereits Daten

Eine erste Auswertung des BAFA (Stand Mitte Januar 2025) zeigt, dass bereits 2668 Unternehmen Daten zu ihren Abwärmepotenzialen geliefert haben. Insgesamt liegt das bisher gemeldete Abwärmepotenzial damit bei mehr als 160 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr – und damit noch deutlich höher als die von der dena vor ein paar Jahren berechnete Menge.

Nordrhein-Westfalen führt die Liste der Bundesländer mit knapp 60 Milliarden Kilowattstunden an, insbesondere aufgrund der Schwer- und Chemieindustrie sowie der Energieerzeugung in dem Bundesland. Die übrigen Bundesländer haben Abwärmemengen bis rund 15 Milliarden Kilowattstunden. Baden-Württemberg kommt auf knapp zehn Milliarden Kilowattstunden Abwärmepotenzial. Das sind Zahlen, die mit denen der Studie des Umweltministeriums Baden-Württemberg übereinstimmen.

Für Kommunen und Stadtwerke, die derzeit an den Auf- oder Ausbau eines Wärmenetzes denken oder eine kommunale Wärmeplanung erstellen, ist die Abwärmebörse Gold wert. Dort können sie sehen, ob und in welchem Umfang vor Ort nutzbare Abwärme zur Verfügung steht, mit der etwa Wärmenetze gespeist werden können. Ist dies der Fall, wäre eine Versorgung mit dezentralen Einzelheizungen in einem Gebiet oder eine andere Wärmeversorgung der Wärmenetze, etwa mit Großwärmepumpen, deutlich teurer.

Über die Plattform sind bereits erste interessante Kontakte entstanden. Auf ihr werden teilweise Ansprechpartner der Unternehmen genannt. Das macht die Seite auch für Projektentwickler interessant.


Musterverträge

Um die Hürden für die Unternehmen zu senken, hat die KEA-BW Musterverträge für die Erschließung von Abwärme aus Gewerbe- und Industriebetrieben in Wärmenetzen erstellt. Diese Musterverträge können bei der KEA-BW per E-Mail bestellt werden unter waermewende@kea-bw.de.
Die Landesenergieagentur bietet zum Thema auch eine kostenlose Beratung an.
Weitere Informationen zur Abwärmenutzung gibt es auf www.kea-bw.de/waermewende/wissensportal/abwaerme-in-waermenetzen


Für Stadtwerke, Unternehmen und Haushalte ist der Handel mit Abwärme eine Win-Win-Win-Situation. Die Stadtwerke müssen keine zusätzlichen Wärmeerzeuger bauen und finanzieren. Für sie fallen beim Wärmekauf auch keine zusätzlichen CO2-Emissionen und nur ein geringer Verbrauch an Flächen an.

Vorteile der Abwärmebörse auch für Unternehmen

Die Unternehmen können sich in manchen Fällen mit dem Wärmeverkauf eine neue Einnahmequelle erschließen – je nach Qualität und Verfügbarkeit der Abwärme. Außerdem können sie Kühlkosten einsparen, da die anfallende Abwärme in vielen Fällen ansonsten aktiv weggekühlt werden muss. Eine Abwärmenutzung kann dies zumindest zum Teil unnötig machen. Darüber hinaus kann das Unternehmen mit dem Angebot von CO2-freier oder -armer Abwärme sein Image verbessern.

Auch die Haushalte profitieren: Heizen sie ihr Haus mit Abwärme aus einem Wärmenetz, nutzen sie Energie vor Ort und müssen sich um eine eigene Heizung keine Gedanken mehr machen.

Eine vermehrte Nutzung von Abwärme stärkt des Weiteren die regionale Wirtschaft und trägt dazu bei, von Gas- und Ölimporten unabhängiger zu werden. Gleichzeitig ist es aufgrund der verminderten CO2-Emissionen ein lohnenswerter Schritt in Richtung einer lebenswerten Umwelt.

Boris Bartenstein


Der Autor

Boris Bartenstein ist stellvertretender Bereichsleiter Wärmewende der KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW).


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