In Braunschweig nutzt der Energieversorger BS Energy Abwärme aus einem Rechenzentrum: So kann ein benachbartes Neubaugebiet mit mindestens 600 Wohneinheiten mit Wärme für Heizung und Warmwasser versorgt werden.

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich im Rahmen des Pariser Klimaabkommens verpflichtet, bis 2045 treibhausgasneutral zu werden. Das soll mithilfe der Energiewende gelingen. Dabei ist die Wärmewende essenziell für das Gelingen der Energiewende: Denn über 50 Prozent der Energie werden in Deutschland laut Umweltbundesamt für die Wärmeerzeugung eingesetzt.
In Privathaushalten werden sogar fast 90 Prozent der Energie für Wärme wie Heizung, Warmwasser und Klimatisierung aufgewendet – mit rund zwei Dritteln entfällt der Löwenanteil auf das Heizen. Dabei wird, wie eine Auswertung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zeigt, die Hälfte aller Wohnungen in Deutschland mit Gas beheizt, in einem Viertel der Wohnungen kommt Heizöl zum Einsatz, und 14 Prozent beziehen Fernwärme.
Die Braunschweiger Wärmeversorgung
In Braunschweig (Niedersachsen) liegt der Fernwärmeanteil bei der Wärmeversorgung bei deutlich mehr als 30 Prozent – rund 60.000 Haushalten, öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen stellt der städtische Energieversorger BS Energy in der Löwenstadt bereits Fernwärme zur Verfügung. Durch den im April 2024 vollzogenen Kohleausstieg und dank des neuen Biomasse-Heizkraftwerk (BMHKW) beträgt der Anteil erneuerbarer Energie an der Wärmeversorgung bereits heute etwa 35 Prozent.
Möglich wurde dies durch die Modernisierung und den Neubau von Erzeugungsanlagen mit der größten Investition in der Firmengeschichte des Energieversorgers in Höhe von rund 250 Millionen Euro. In dem neuen Biomasse-Heizkraftwerk mit dem Hauptbrennstoff Altholz werden in effizienter Kraft-Wärme-Kopplung Strom und Wärme erzeugt.
Im Mai 2026 hat BS Energy einen Transformationsplan für die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung veröffentlicht, der Ziele für die kommenden Jahre darstellt und den Weg dorthin technisch und wirtschaftlich skizziert. Dabei bewegt sich Braunschweig stets in einem Dreiklang aus Versorgungssicherheit, Treibhausgasneutralität und Wirtschaftlichkeit. Ein Ziel ist es unter anderem, den Anteil der Fernwärme an der Braunschweiger Wärmeversorgung deutlich zu steigern und weitere Teile des Stadtgebiets zu erschließen.
Fern- und Nahwärmenetze
Neben dem Fernwärmenetz werden in Braunschweig sieben Nahwärmenetze betrieben. Solche Quartierslösungen, auch Energie Effizienz Quartiere (EEQ) genannt, bieten eine dezentrale Energieversorgung für Wohn- und Industriegebiete, insbesondere wenn sie nicht an das Fernwärmenetz angeschlossen werden können.
Im Braunschweiger Stadtteil Rautheim entstand auf dem ehemaligen Gelände der Bundeswehrkaserne „Heinrich der Löwe” das gleichnamige Neubaugebiet. Bereits frühzeitig in der Planungsphase haben sich der Energieversorger, die Stadt Braunschweig und Investoren zusammengesetzt, um gemeinsam ein nachhaltiges, dezentrales Wärmekonzept zu entwickeln.
Das Besondere an dem EEQ „Heinrich der Löwe” ist, dass es die Abwärme aus einem benachbarten Rechenzentrum nutzt, um die rund 600 Wohneinheiten des Quartiers mit Wärme zu versorgen.
Vorhandene Wärme wird genutzt
Rechenzentren erzeugen bei ihrem Betrieb große Mengen an Wärme, die oftmals ungenutzt an die Umgebung abgegeben wird. Im EEQ „Heinrich der Löwe“ wird die Abwärme in eine Energiezentrale geleitet, und dort wird die Wärme mithilfe einer leistungsstarken Wärmepumpe von etwa 25 Grad Celcius auf rund 72 Grad Celcius erhöht und in ein speziell errichtetes Niedertemperatur-Nahwärmenetz eingespeist.
Das Nahwärmenetz verteilt die Wärme an die Haushalte, wo sie sowohl für die Raumheizung als auch für die Warmwasserbereitung genutzt wird. Im Rücklauf wird das abgekühlte Wasser zurück zur Wärmepumpe geleitet, um erneut Wärme aus dem Rechenzentrum aufzunehmen – ein Kreislauf, der kontinuierlich Energie spart.
Ausgezeichnetes Versorgungskonzept
Zudem ist das Quartier zusätzlich über einen Wärmetauscher mit dem bestehenden Braunschweiger Fernwärmenetz verbunden, um auch bei hohen Wärmebedarfen die Wärmeversorgung sicherstellen zu können. Diese intelligente Kombination sorgt für eine besonders effiziente Nutzung der Wärme und gewährleistet eine zuverlässige Versorgung.
Als Modellprojekt wurde das EEQ „Heinrich der Löwe” durch das EU-Projekt „ReUseHeat“ gefördert. Es ist Teil einer Pilotreihe zur Nutzbarmachung von Abwärme im städtischen Raum. Als Beispiel für moderne, nachhaltige Wärmeversorgung wurde das Energie Effienz Qurartier „Heinrich der Löwe” beim internationalen „Global District Energy Climate Award“ in der Kategorie „New Scheme“ ausgezeichnet.
Katharina Ricklefs



