Wärmewende in Altbauquartieren: Schöneberger Norden als Reallabor

Berlin treibt die Wärmewende voran – doch gerade in dicht bebauten Altbauquartieren ist die Umsetzung komplex. Das Forschungsprojekt WärmSchöN entwickelt im Schöneberger Norden praxisnahe Ansätze für eine klimafreundliche und bezahlbare Wärmeversorgung.

Wärmewende in Altbauquartieren
Dicht bebaute Altbauquartiere stellen in Berlin besondere Anforderungen an die klimaneutrale Wärmeversorgung – hier setzt das Forschungsprojekt WärmSchöN an. Foto: Adobe Stock/Friedberg

Das Land Berlin will in den kommenden Monaten seinen Wärmeplan vorlegen. Anschließend steht die Umsetzung der Wärmewende im Fokus. Besonders anspruchsvoll gestaltet sich dies in den zahlreichen Altbauquartieren der Hauptstadt.

Ziel des Forschungsprojekts WärmSchöN ist es daher, Lösungsansätze für eine klimafreundliche und zugleich bezahlbare Wärmeversorgung von Bestandsgebäuden in stark verdichteten Innenstadtbereichen zu entwickeln.

Mit dem Schöneberger Norden als Modellraum analysiert das Projekt, wie Bezirk, Land und lokale Akteure die Wärmewende auf Quartiersebene koordiniert vorantreiben können und inwiefern sich die gewonnenen Erkenntnisse auf andere Quartiere übertragen lassen.

Herausforderungen im Gebäudebestand auf dem Weg zur Klimaneutralität

Obwohl Berlin bis 2045 klimaneutral werden will, ist Erdgas in der Hauptstadt noch immer die wichtigste Wärmequelle. „Damit Heizen auch in Zukunft bezahlbar bleibt, braucht es energetische Sanierungen und einen Ausstieg aus fossilen Wärmequellen“, so Projektleiterin Dr. Julika Weiß vom Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). 

„Der Schöneberger Norden ist ein typisches Beispiel für die Situation von Berliner Altbauquartieren: Sie bestehen überwiegend aus vermieteten Bestandsgebäuden, die aktuell einen hohen Energieverbrauch haben und – wenn sie nicht in Fernwärmenetzgebieten liegen – noch überwiegend mit Gas beheizt werden.“

Das Quartier zeichnet sich durch eine dichte Blockrandbebauung aus der Gründerzeit um 1900 aus, die durch markante Nachkriegsbauten sowie soziale Wohnungsbauprojekte aus den 1970er-Jahren ergänzt wird.

In Bestandsquartieren, die in absehbarer Zeit nicht an die Fernwärmeversorgung angeschlossen werden, stellt sich die Frage nach künftigen klimaneutralen Heizlösungen. Als mögliche Option gelten Nahwärmenetze, die auf erneuerbaren Energien oder lokal verfügbarer Abwärme basieren und sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich tragfähig sein können. Derzeit bestehen jedoch noch zahlreiche Hürden bei der Initiierung und Umsetzung solcher lokalen Wärmenetzstrukturen.

Die Zusammenarbeit verbessern

„Damit eine sozialverträgliche Wärmewende gelingt, müssen Senat, Bezirk und Unternehmen vor Ort gut zusammenarbeiten. Zugleich sollten Bürger*innen frühzeitig einbringen können, was ihnen wichtig ist“, betont Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann. Das Projekt WärmSchöN untersucht die dafür nötigen Prozesse und Werkzeuge. 

Die gewonnenen Erkenntnisse sollen auch in anderen dicht besiedelten Bestandsquartieren in Berlin sowie darüber hinaus als Orientierungsrahmen für klimaneutrale und sozialverträgliche Wärmeversorgungskonzepte dienen. Vorgesehen sind aufbereitete Konzepte und Informationsmaterialien, die Bezirke und weitere Akteure bei Planung, Kommunikation und Umsetzung unterstützen.

Vier Handlungsfelder für die Wärmewende auf Quartiersebene

Vier Projektbereiche stehen im Fokus des transdisziplinären Projektteams:

  • Erstens werden als zentraler Baustein Kooperationsmodelle für die Finanzierung und den Betrieb eines potenziellen lokalen Wärmenetzes analysiert.
  • Zweitens erarbeitet das Projektteam auf Grundlage von Gesprächen mit Bürgerinnen und Bürgern ein Konzept für eine partizipative sowie sozialverträgliche Gestaltung der Wärmeversorgung.
  • Drittens steht die Analyse und Erweiterung der Handlungsspielräume von Land und Bezirksamt im Fokus, beispielsweise bei der Bereitstellung von Flächen für Wärmeerzeugung und -speicherung.
  • Viertens werden verschiedene technische Varianten für die klimaneutrale Wärmeversorgung und die energetische Sanierung verglichen und bewertet. Dazu betrachten die Forschenden etwa, welche lokalen Wärmequellen wie Geothermie oder Abwärme – etwa von Abwasser – in dem Untersuchungsgebiet verfügbar und wirtschaftlich erschließbar sind.

Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg kooperiert mit dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), dem Hermann-Rietschel-Institut der Technischen Universität Berlin (TU Berlin), der Gewobag Energie- und Dienstleistungsgesellschaft, der AG Wärmewende beim Quartiersrat Schöneberger Norden und der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (SenMVKU). Förderer des Projekts in das Bundeswirtschaftsministerium.

Red.

Mehr zum Thema

Kommunale Wärmewende

Kommunale Wärmewende: Studie zeigt, wie Städte und Gemeinden ihre Wärmeversorgung neu ausrichten

Kommunen stehen vor der Aufgabe, ihre Wärmeversorgung neu auszurichten. Eine Studie des Öko-Instituts und Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme zeigt, dass …
Energiewende und Denkmalschutz

Energiewende und Denkmalschutz: Holzpellets und Photovoltaik für Schloss Salem

Auf dem Weg zur Klimaneutralität werden Heizzentralen und Wärmenetze schrittweise umgestellt, wenn sie im Auftrag des Bundeslandes Baden-Württemberg betrieben werden …
Rechenzentrum als Wärmequelle

Abwärme als Ressource: Norderstedts Rechenzentrum treibt Wärmewende voran

Die Stadtwerke Norderstedt nutzen ihr Rechenzentrum als Wärmequelle – und treiben so die Energiewende voran. Über 10 Millionen Kilowattstunden Serverwärme …