Dächer, Innenhöfe, brachliegende Areale: Im Klimawandel gilt es noch einmal mehr, die Flächen im urbanen Raum zu entdecken, die begrünt werden können. Wie sollten sich Kommunen anpassen? Welche Best-Practice-Beispiele gibt es, die anregen können? Antworten aus dem Bundesamt für Naturschutz.

Urbane Räume stehen unter hohem Nutzungsdruck. Wohnungsbau, Verkehr und technische Infrastruktur prägen vielerorts das Stadtbild. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass Städte und Gemeinden ohne ausreichend Grün- und Freiräume an Lebensqualität verlieren und gegenüber Klimafolgen wie Hitze oder Starkregen weniger widerstandsfähig sind.
Auch ist der weiterhin hohe Flächenbedarf für Wohnen, Gewerbe und Infrastruktur ein starker Faktor des Biodiversitätsverlusts, der mindestens eine ebenso große Herausforderung wie der Klimawandel ist. Vor diesem Hintergrund rückt die Frage in den Fokus, wie sich grüne Stadtentwicklung und Naturschutz in urbanen Räumen wirksam miteinander verbinden lassen.
Was Stadtnatur leisten kann
Städte und Gemeinden weisen ein beachtliches Potenzial an naturnahen Flächen auf: Neben Parks und Grünanlagen spielen kleinere Flächen wie Straßenbegleitgrün, Innenhöfe, Dächer oder brachliegende Areale, aber auch Bäume eine wichtige Rolle.
Diese Strukturen übernehmen ökologische Funktionen, fördern die biologische Vielfalt und tragen zugleich zur Klimaanpassung bei. Entscheidend ist, dass sie nicht isoliert betrachtet werden, sondern als Teil einer zusammenhängenden urbanen grünen Infrastruktur vielfältige Leistungen erbringen.
Naturschutz frühzeitig mitdenken
Stadtnatur kann als multifunktionale Infrastruktur verstanden werden, die ökologische, soziale und stadtklimatische Anforderungen miteinander verbindet. Förderprogramme des „Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz“ sowie der Städtebauförderung und kommunale Strategien eröffnen Spielräume, um Grünflächen aufzuwerten, Baumerhalt zu stärken, neue Freiräume zu schaffen und bestehende Strukturen besser miteinander zu verknüpfen.
Besonders tragfähig sind dabei Ansätze, bei denen Naturschutz frühzeitig in städtebauliche Prozesse eingebunden wird und nicht erst in späteren Projektphasen Berücksichtigung findet. Unterstützend können hierbei auch die Orientierungswerte für öffentliches Grün des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) wirken.
Mit Blick auf künftige Anforderungen wird Artikel 8 der EU-Wiederherstellungsverordnung wichtig. Er verpflichtet die Mitgliedstaaten, den Zustand städtischer Grünflächen und die Baumüberschirmung zu erhalten und zu fördern, um in einem ersten Schritt – bis 2030 – weiteren Nettoverlust zu vermeiden. Ab 2031 ist ein steigender Trend vorgesehen. Für Kommunen entsteht damit unmittelbar die Aufgabe, bestehendes Grün besser zu schützen und in Planungsprozesse einzubeziehen. Dies schafft zugleich eine fachliche Grundlage, um Stadtnatur gezielt weiterzuentwickeln und bestehende Maßnahmen zu bündeln.
Gute Ideen werden bereits umgesetzt
Wie eine gute Einbindung in Prozesse möglich ist, zeigen Beispiele aus dem Werkzeugkasten Stadtnatur des Bundesamtes für Naturschutz.
- In Leipzig wurde etwa eine Bahnbrachfläche schrittweise in einen artenreichen Grünzug überführt, der sowohl Aufenthaltsqualität schafft als auch zur Vernetzung von Lebensräumen beiträgt.
- Oder Hannover: Die niedersächsische Stadt verfolgt mit ihrem Biotopverbundkonzept einen langfristigen Ansatz. Dabei werden Grünflächen im gesamten Stadtgebiet systematisch miteinander verbunden, um ökologische Funktionen zu stärken und Tier- sowie Pflanzenarten bessere Ausbreitungsmöglichkeiten zu bieten.
- Auch Würzburg verdeutlicht, dass Veränderungen im Bestand wirksam sein können. Dort wurde die Pflege öffentlicher Grünflächen sukzessive angepasst, mit dem Ziel, die biologische Vielfalt zu erhöhen und zugleich den Pflegeaufwand langfristig effizienter zu gestalten.
Mit dem Zuschuss „Natürlicher Klimaschutz in Kommunen“ der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW 444), der im Rahmen des „Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz“ gewährt wurde, werden aktuell mehr als 600 Städte und Gemeinden unterstützt, ihr Grünflächenmanagement ökologisch umzustellen, Bäume zu pflanzen und zu erhalten, verschiedene Typen von Grünflächen anzulegen und Flächen zu entsiegeln. Damit erleichtert die KfW-Förderung die Umsetzung naturbasierter Lösungen.
Trotz dieser positiven Entwicklungen bestehen weiterhin Herausforderungen: Flächenkonkurrenzen, begrenzte personelle Ressourcen und unterschiedliche Zuständigkeiten innerhalb der kommunalen Verwaltung erschweren die Umsetzung integrierter Konzepte. Zudem wird Stadtnatur vielerorts noch sektoral-projektbezogen gedacht, statt als dauerhafte Aufgabe der Stadtentwicklung verstanden zu werden.
Was biologische Vielfalt bringt
Forschungsergebnisse und kommunale Erfahrungen zeigen jedoch, dass langfristige Zielsetzungen, klare Zuständigkeiten und eine frühzeitige Abstimmung zwischen Fachämtern wesentlich dazu beitragen, solche Hemmnisse zu reduzieren. Dabei sind auch neue Allianzen einzugehen, beispielweise mit Gesundheitsämtern. Es ist wissenschaftlich belegt, dass mehr biologische Vielfalt gesund für die Menschen ist. Sie profitieren unmittelbar von mehr Grün, was sich insbesondere während der Coronapandemie gezeigt hat.
Die bisherigen Erfahrungen machen deutlich, dass grüne Stadtentwicklung kein einheitliches Modell kennt. Erfolgreich sind Lösungen, die an die lokalen Rahmenbedingungen angepasst sind und Stadtnatur als selbstverständlichen Bestandteil kommunaler Entwicklung begreifen.
Dort, wo Grün und Freiräume kontinuierlich mitgedacht werden, entstehen Städte, die ökologisch vielfältiger, klimaangepasster und für ihre Bewohner langfristig lebenswerter sind.
Arne Kunkel
Der Autor
Arne Kunkel ist im Bundesamt für Naturschutz tätig – im Fachgebiet Landschaftsplanung, räumliche Planung und Siedlungsbereich.



