Mehr Grün und die Entwicklung zur Schwammstadt: Längst ist klar, was (Groß-) Städte brauchen, um klimaresilient zu werden. Die Herausforderung liegt in der Umsetzung – zum Beispiel München: Silvia Gonzalez teilt Einschätzungen und Erfahrungen aus Sicht einer Umweltorganisation.

Begrünte Straßen, Plätze und Gebäude, eine gelingende Mobilitätswende und Menschen, die sich für nachhaltige Lösungen einsetzen: Das alles braucht es für ein gutes Stadtklima. Tatsächlich aber steht der öffentliche Raum stark unter Nutzungsdruck – und sehr viel Potenzial liegt in einer konsequent klimaresilienten Stadtentwicklung.
Zum Beispiel München, die Metropole, in der die Umweltorganisation Green City aktiv ist. München verfügt zwar über große und wertvolle Grünflächen – ihre kühlende Wirkung wirkt jedoch vor allem in ihrer direkten Umgebung und reicht oft nicht in die dicht bebauten Straßen hinein.
Klimaanpassung in München mithilfe der 3-30-300-Vision
Der Klimawandel verstärkt diese Herausforderung: Die Zahl der Hitzetage steigt, in Hitzeperioden bleibt die nächtliche Abkühlung aus, und immer häufiger kommt es zu Starkregen. Dadurch wächst der Bedarf an einer leistungsfähigen grünen und blauen Infrastruktur. Das heißt: Jede Straße braucht Grün – Bäume, Sträucher oder andere bepflanzte Elemente –, damit die kühlende Wirkung unmittelbar im Wohn- und Lebensumfeld gespürt werden kann.
Es bewegt sich aber einiges. Die Landeshauptstadt München hat die Bedeutung der Klimaanpassung erkannt und entsprechend reagiert. So wurde 2022 die Fortschreibung des Konzepts zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels beschlossen. In diesem neuen Konzept spielen Standards für eine leistungsfähige grün-blaue Infrastruktur eine zentrale Rolle.
Ein konkretes Ziel, das 2025 festgelegt wurde, ist die 3-30-300-Vision:
- Jede Person soll mindestens drei Bäume vom Wohnort aus sehen können.
- Im öffentlichen Raum sollen 30 Prozent Baumkronenüberschattung erreicht werden.
- Innerhalb von 300 Metern soll für alle eine Grün- oder Freifläche erreichbar sein.
Bäume nach dem Schwammstadtprinzip anordnen
Ein weiterer Beschluss aus dem Jahr 2023 sieht vor, in den kommenden Jahren rund 3500 zusätzliche Bäume im Stadtgebiet zu pflanzen. Konkret bedeutet das:
- 700 Bäume im Straßenraum,
- 1300 Bäume in bestehenden Grünanlagen,
- 1570 Bäume auf zuvor versiegelten Flächen, etwa durch das Entfernen von Asphalt oder Pflaster.
Besonders wichtig ist dabei, dass die neuen Baumstandorte nach dem Schwammstadtprinzip gebaut werden. Sie können bis zu 12.000 Liter Wasser speichern und machen die Bäume damit widerstandsfähiger gegenüber heißen und trockenen Sommern. Auch private Maßnahmen wie die Begrünung von Fassaden, Dächern und Innenhöfen werden durch Förderprogramme der Stadt unterstützt.
Was noch aussteht
Diese Schritte sind bedeutend, bleiben jedoch oft kleinteilig. Aus Sicht von Green City ist es entscheidend, dass Pilotprojekte flächendeckend umgesetzt und mit ausreichend Budget hinterlegt werden. Ebenso wichtig ist eine schnellere Umsetzung, um mit den fortschreitenden Auswirkungen des Klimawandels Schritt zu halten.
Zudem müssen Verkehrsflächen konsequent zugunsten klimaresilienter Stadträume umgewandelt werden. Diese neu gewonnenen Freiräume sollten so gestaltet werden, dass sie mehrere Funktionen erfüllen: Sie sollen Abkühlung bringen, Begegnung ermöglichen und Wasser speichern oder versickern lassen.
Ganz einfach ist das natürlich nicht. In einer wachsenden Stadt wie München steht zusätzlicher Grünraum fast immer in Konkurrenz zu anderen Nutzungen. Umso wichtiger ist es, Klimaanpassung als klare Priorität zu setzen. Sie sollte nicht nur als notwendige Maßnahme, sondern als Chance verstanden werden – denn sie kann langfristig Kosten reduzieren, etwa im Gesundheitsbereich oder durch Schäden an der Infrastruktur.
Wie mehr gehen könnte
Private Akteure sollten dabei stärker in die Verantwortung genommen werden, zum Beispiel durch strengere Vorgaben zum Erhalt von Bäumen bei Bauprojekten oder mehr Verpflichtungen zur Fassaden- und Dachbegrünung. Beschleunigte Genehmigungsverfahren und mehr Ermessensspielräume können helfen, solche Maßnahmen schneller umzusetzen.
Empfehlungen für Kommunen
Klimaanpassung sollte als gemeinsame Pflichtaufgabe verstanden und entsprechend hoch priorisiert werden. Dafür braucht es klar definierte und verbindliche Maßnahmen für mehr Grün im Stadtgebiet. Schwammstadt-Elemente sollten in allen Neubau- und Sanierungsprojekten fest verankert sein, und Entsiegelungsziele sollten verbindlich für öffentliche und auch für private Flächen festgelegt werden.
Flächen für Sofortmaßnahmen sollten unbürokratisch für Entsiegelung und Begrünung freigegeben werden – auch wenn es sich zunächst nur um provisorische Lösungen handelt. Dabei ist es wichtig, Bürger einzubeziehen sowie Kooperationen mit Vereinen, Initiativen, Gewerbe und der Wohnungswirtschaft zu fördern.
Aufruf zum Handeln
Die Herausforderungen des Klimawandels sind allen Kommunen bekannt. Entscheidend ist nun, den Willen zur Veränderung in konkrete und verbindliche Schritte umzusetzen. Investitionen in Klimaanpassung sind Investitionen in eine zukunftsfähige Stadt und in Lebensqualität.
Silvia Gonzalez
Die Autorin
Silvia Gonzalez ist für die Umweltorganisation Green City e.V. in München in den Bereichen Klima und Stadtgestaltung aktiv.
Münchner Impulse
In Münchner Quartieren werden bereits zahlreiche nachbarschaftliche Begrünungsprojekte umgesetzt. Einige der erfolgreichsten mit besonders gut skalierbaren Ansätze sind:
- Grünpatenschaften – Pflege kleiner Grünflächen wie Baumscheiben oder Streifen im Straßenbegleitgrün direkt vor der Haustür.
- Zwischennutzungen – öffentliche Flächen werden temporär für gemeinschaftliche Garten- oder Kulturprojekte genutzt, die Nachbarschaft stärken und Flächen begrünen.
- Parklets – konsumfreie, nachbarschaftliche Aufenthaltsräume, die von April bis Oktober auf ehemaligen Autoparkplätzen installiert werden können. Sie steigern die Aufenthaltsqualität und schaffen begrünte Begegnungsorte.



