Geothermie in der kommunalen Wärmeplanung: Warum die Stadtwerke München auf Thermalwasser setzen

Verfügbar zu jeder Tageszeit und bei jedem Wetter: Geothermie kann bei der Wärmewende eine Schlüsselrolle übernehmen. Die Stadtwerke München setzen hier einen ihrer Schwerpunkte: Karin Thelen, Geschäftsführerin Regionale Energiewende, teilt ihre Erfahrungen.

Geothermie Wärmeplanung
Geothermie-Heizkraftwerke wie dieses in Sauerlach sollten Schule machen: Bis zu 40 Prozent der Wärmeversorgung in Deutschland könnten sie übernehmen. Foto: Adobe Stock/Andy Ilmberger

Wenn über die Energiewende gesprochen wird, steht häufig die Stromversorgung im Mittelpunkt. Dabei ist die Wärmeversorgung mindestens genauso wichtig, macht sie doch einen wesentlichen Teil des Energieverbrauchs aus. Die Herausforderung besteht darin, Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit in Einklang zu bringen.

Hier bietet die Geothermie große Chancen. Sie liefert erneuerbare Wärme unabhängig von Tageszeit, Wetter oder Jahreszeit. Gleichzeitig stammt sie aus einer lokalen Quelle und verringert die Abhängigkeit von internationalen Energiemärkten – ein Vorteil, der in den vergangenen Jahren besonders deutlich geworden ist.

Münchens Standortvorteil bei der Tiefengeothermie

Die Potenziale sind beachtlich: Aktuelle Prognosen des Bundesverbands Geothermie zeigen, dass Geothermie künftig bis zu 40 Prozent der Wärmeversorgung in Deutschland übernehmen kann. Damit ist sie ein zentraler Baustein für eine sichere, klimafreundliche und wirtschaftlich erfolgreiche Wärmewende.

Die Region in und um München hat hier einen entscheidenden Standortvorteil. Denn im tiefen Untergrund des Molassebeckens befindet sich ein ergiebiges Thermalwasserreservoir. Die Kombination aus günstiger Geologie, hohem Wärmebedarf und einem leistungsfähigen Fernwärmenetz schafft hervorragende Voraussetzungen für die Nutzung der Tiefengeothermie.

Die Stadtwerke München (SWM) nutzen diesen Vorteil konsequent. Seit 2012 verfolgen sie das Ziel, den Münchner Fernwärmebedarf bis spätestens 2040 CO₂-neutral zu decken – überwiegend mit Wärme aus der Tiefe.

Die Wärmewende als langfristige Infrastrukturaufgabe

Die erste Geothermieanlage ging bereits 2004 in München-Riem in Betrieb. Inzwischen kamen fünf weitere Anlagen dazu. Damit verfügen die SWM über mehr als zwei Jahrzehnte Betriebserfahrung in dieser Technologie und haben eine Vorreiterrolle in Deutschland.

Die Projekte reichen von den frühen Pionieranlagen über regionale Kooperationen bis hin zu integrierten Quartierslösungen wie Freiham und großen Ausbauprojekten im Stadtgebiet. So entsteht mit der geplanten Geothermieanlage am Michaelibad – sie ist die größte Geothermieanlage Kontinentaleuropas – eine Anlage in der Stadt. Sie nutzt bereits vorhandene Infrastruktur (das Bad), anstatt neue Flächen zu erschließen.

Bei all den Projekten ist eine wichtige Erkenntnis gereift: Der Erfolg hängt nicht allein von der Verfügbarkeit des heißen Thermalwassers ab. Vielmehr müssen viele Räder ineinander greifen.

Die Wärmewende ist deshalb nicht nur eine Frage der Energieerzeugung, sondern eine langfristige Infrastrukturaufgabe, in deren Annahme wir kontinuierlich lernen: Gewonnene Erfahrungen fließen laufend in Planung und Betrieb ein. Standortbestimmung durch moderne 3D-Seismik, neue Bohrkonzepte, Monitoringverfahren und Weiterentwicklung vorhandener Vorkommen (Reservoirbewirtschaftung) erlauben heute deutlich präzisere und effizientere Projekte als noch vor wenigen Jahren.

Regional denken

Die Zukunft der Geothermie liegt in einem regionalen Ansatz. Denn geothermisches Potenzial orientiert sich nicht an Stadt- oder Gemeindegrenzen.

So untersuchen die Stadtwerke München aktuell mit ihren Partnern mit dem Projekt „GIGA-M“ Vorkommen im Großraum München. Eine großflächige 3D-Seismik über knapp 1100 Quadratkilometer soll die Datenbasis verbessern und eine nachhaltige Nutzung des Reservoirs in der Region München ermöglichen. Ziel ist es, den geothermischen Untergrund langfristig koordiniert zu bewirtschaften und die Wärmewende somit effizienter und schneller voranzubringen. Das heißt auch, vorhandene Standorte besser zu nutzen.

Mit „GIGA-M“ schaffen wir aber vor allen Dingen die wesentliche Grundlage, die Nutzung der Wärmeversorgung aus Geothermie in den nächsten Jahren deutlich auszubauen, um die CO₂-neutrale Wärmeversorgung erheblich voranzutreiben.

Warum Kooperation weiterbringt

Thermalwasserreservoire erstrecken sich über ganze Regionen. Umso wichtiger werden Kooperationen zwischen Kommunen, Stadtwerken und regionalen Partnern. Gemeinsame Infrastruktur, abgestimmte Wärmeplanung und eine koordinierte Reservoirausnutzung können helfen, Kosten zu senken und Risiken zu reduzieren.

Nicht nur das macht die Wärmewende zu einer Gemeinschaftsaufgabe. In verdichteten Räumen konkurrieren Bohrstandorte, Energiezentralen und Wärmenetze mit anderen Nutzungen. Gleichzeitig erfordern Geothermieprojekte hohe Anfangsinvestitionen und langfristige Planungssicherheit. Verlässliche Förderbedingungen, effiziente Genehmigungsverfahren und ein zügiger Verwaltungsvollzug sind deshalb wesentliche Voraussetzungen für den weiteren Ausbau.

Ebenso wichtig ist die gesellschaftliche Akzeptanz. Transparente Kommunikation und frühzeitiger Bürgerdialog sind aus unserer Erfahrung keine Begleitmaßnahmen, sondern wesentliche Erfolgsfaktoren. Gerade bei Infrastrukturprojekten profitieren alle Beteiligten davon, wenn Informationen offen bereitgestellt, Fragen beantwortet und Anliegen frühzeitig aufgegriffen werden.

Aus mehr als zwei Jahrzehnten Geothermie-Erfahrung können wir diese Empfehlungen ableiten:

  • Geothermie frühzeitig in die kommunale Wärmeplanung integrieren,
  • Wärmequelle, Netz und Kundenanlagen gemeinsam betrachten,
  • auf belastbare Daten und Potenzialanalysen setzen,
  • übergreifende Kooperationen aktiv prüfen,
  • Akzeptanz und Kommunikation von Beginn an mitdenken – Bürgerinnen und Bürger im Prozess mitnehmen,
  • langfristig Fachwissen und organisatorische Kompetenz aufbauen.

Wie Geothermie in die Zukunft führt

Geothermie ist kein kurzfristiges Projekt – und die Wärmewende wird auch nicht durch eine einzelne Technologie gelingen. Entscheidend ist das intelligente Zusammenspiel verschiedener Lösungen sowie die enge Verzahnung von Wärme- und Stromversorgung. Denn eine nachhaltige Wärmeversorgung setzt auch ausreichend erneuerbaren Strom voraus. Neben Geothermie werden Windenergie, Photovoltaik, Wärmepumpen und weitere Lösungen benötigt.

Bei den Stadtwerken München versuchen wir, diese Bausteine gemeinsam zu denken, Flexibilitäten zu nutzen und ihr Zusammenspiel intelligent zu gestalten.

Karin Thelen


Die Autorin

Dr. Karin Thelen ist Geschäftsführerin des Ressorts Regionale Energiewende bei den Stadtwerken München (SWM).


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