Rellingen macht sich seit Langem für die digitale Infrastruktur stark – und setzt jetzt noch einen drauf: Um vorwärtszukommen, finanziert die Gemeinde den Glasfaser-Hausanschluss. Was versprechen sich die Verantwortlichen davon? Und wie ist die Resonanz auf das Angebot? Antworten von Bürgermeister Marc Trampe.

Die Diskussion über die kommunale Daseinsvorsorge wird häufig mit Straßen, Schulen, Feuerwehren
oder der Wasserversorgung verbunden. Doch im digitalen Zeitalter gehört auch eine leistungsfähige Telekommunikationsinfrastruktur zu den zentralen Standortfaktoren einer Kommune. Glasfaser ist heute ebenso unverzichtbar wie Strom, Wasser oder ein gut ausgebautes Verkehrsnetz. Sie entscheidet darüber, wie attraktiv ein Ort für Familien, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen ist.
Die Gemeinde Rellingen hat diese Entwicklung bereits im Jahr 2011 erkannt und sich bewusst für einen Weg entschieden, der damals keineswegs selbstverständlich war: den Aufbau eines gemeindeeigenen Glasfasernetzes. Nach intensiven politischen Vorberatungen wurde ein Eigenbetrieb Breitband gegründet und eine europaweite Ausschreibung für Bau, Betrieb und Pachtung eines Breitbandnetzes im September 2012 gestartet.
Die Gemeinde finanziert das Netz, der Betreiber pachtet es
Mehrere Bieter erörterten mit dem Arbeitskreis die Angebote, zwei Bieter gaben finale Angebote ab. Am 6. November 2013 beschloss die Gemeindevertretung die Auftragsvergabe an die wilhelm.tel GmbH aus Norderstedt. Der Vertrag sieht vor, dass wilhelm.tel das flächendeckende Glasfasernetz für die Gemeinde errichtet und betreibt und dafür nach dem Bau – den die Gemeinde finanziert – von der Gemeinde langfristig pachtet.
Im April 2014 wurde der erste Spatenstich für das Netz vorgenommen. Das Netz umfasst eine Trassenlänge von Rellingen bis Hannover (150 Kilometer), Glasfaserleitungen bis Köln (450 Kilometer) und über 2500 angeschlossene Gebäude.
Der letzte Ausbaucluster wurde Mitte 2015 fertiggestellt – seitdem verfügt die Gemeinde über ein fast flächendeckendes Glasfasernetz. Anfangs lagen die Investitionen bei rund acht Millionen Euro, durch Nachverdichtungen sind es bis heute rund zwölf Millionen Euro.
Glasfasernetz als Cash Cow für den Gemeindehaushalt
Die Entscheidung für ein gemeindeeigenes Glasfasernetz war keine Reaktion auf einen kurzfristigen Trend, sondern Ausdruck einer langfristigen Infrastrukturstrategie. Heute zeigt sich, dass sich dieser Weitblick auszahlt. Durch Pachterträge, die von wilhelm.tel an die Gemeinde gezahlt werden, ist der Eigenbetrieb bereits nach einigen Jahren zu einer Cash Cow für den Gemeindehaushalt geworden.
Das Glasfasernetz befindet sich im Eigentum der Gemeinde. Für den Betrieb arbeitet Rellingen seit vielen Jahren vertrauensvoll mit der wilhelm.tel GmbH zusammen. Diese Aufgabenteilung verbindet kommunale Steuerung mit der technischen Kompetenz eines erfahrenen Telekommunikationsunternehmens. Aus unserer Sicht ist dieses Modell ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Die Gemeinde behält die langfristige Gestaltungshoheit über die Infrastruktur, während der Netzbetrieb durch einen professionellen Partner erfolgt.
Kommunen stehen zunehmend vor der Herausforderung, nicht nur ihre klassische Infrastruktur zu erhalten, sondern gleichzeitig die digitale Transformation aktiv zu gestalten. Dabei reicht es nicht aus, auf den Ausbau durch den Markt zu hoffen.
Der Ausbau ist gelungen, jetzt geht es um die Anschlüsse
Mit dem nahezu flächendeckenden Ausbau der Haupttrassen bis 2015 hat Rellingen früh die Grundlage für eine zukunftsfähige digitale Infrastruktur geschaffen. Inzwischen sind rund 90 Prozent der erforderlichen Netzinfrastruktur bereits vorhanden – die Glasfaserleitungen reichen bis an die Grundstücksgrenzen nahezu aller Wohngebäude.
Aktuell nutzen aber nur rund 52 Prozent der Rellinger Haushalte den Glasfaseranschluss. Daher besteht die aktuelle Herausforderung nicht mehr im Ausbau des Netzes, sondern in dessen konsequenter Nutzung. Der Fokus liegt auf der sogenannten Nachverdichtung: Ziel ist es, die bislang noch nicht angeschlossenen Gebäude an das vorhandene Glasfasernetz anzubinden und damit die Auslastung der bestehenden Infrastruktur deutlich zu erhöhen.
Das Angebot der Gemeinde
Hierzu haben die Gemeinde Rellingen und die wilhelm.tel GmbH im Frühjahr 2026 die gemeinsame Kampagne „Die Zukunft liegt vor unserer Tür“ gestartet. Das Ziel: möglichst viele Eigentümerinnen und Eigentümer von den Vorteilen eines direkten Hausanschlusses zu überzeugen.
Im Mittelpunkt steht ein für Eigentümerinnen und Eigentümer attraktives Angebot: Die Gemeinde finanziert den Glasfaser-Hausanschluss im Aktionszeitraum vollständig, während wilhelm.tel die Planung und bauliche Umsetzung übernimmt.
Dieses Angebot wird derzeit umfassend in der Gemeinde beworben. Neben direkten Anschreiben an die Eigentümer, einer Plakatkampagne, persönlichen Sprechzeiten im Rathaus und Flyern wird auch in den sozialen Medien intensiv für die Kampagne geworben.
Der Rellinger Plan geht auf
Die Zahlen zeigen das Potenzial dieser Initiative: Die Kampagne lief bis Ende Juli, aber schon rund vier Wochen vorher konnte die Anschlussquote im ersten Bauabschnitt bereits auf knapp 75 Prozent gesteigert werden. Das avisierte Ziel, dass acht von zehn Haushalte angeschlossen sind, liegt damit in erreichbarer Nähe. In zwei Bauabschnitten wird die Nachverdichtung in den Jahren 2026 und 2027 erfolgen.
Aus kommunaler Sicht ist diese Nachverdichtung weit mehr als eine Marketingkampagne. Jeder zusätzliche Anschluss verbessert die Wirtschaftlichkeit der bestehenden Infrastruktur, steigert den Nutzen der bereits getätigten Investitionen und erhöht gleichzeitig den Wert der angeschlossenen Immobilien. Zudem werden erneute Tiefbaumaßnahmen in einigen Jahren vermieden, wenn die Nachfrage nach Glasfaser weiter steigt.
Nachverdichtung ist deshalb ein wichtiger Baustein nachhaltiger kommunaler Infrastrukturpolitik. Deshalb verstehen wir die aktuelle Kampagne als konsequente Fortsetzung unseres langfristigen Engagements für die digitale Zukunft Rellingens.
Glasfaser als Zukunftspolitik
Der Ausbau des Glasfasernetzes in Rellingen zeigt, dass Kommunen die digitale Transformation aktiv gestalten können. Voraussetzung sind eine langfristige Strategie, politische Entschlossenheit und ver-lässliche Partnerschaften. Infrastrukturpolitik bedeutet heute mehr denn je, nicht nur an den Bedarf von heute zu denken, sondern an die Anforderungen von morgen.
Die Investitionen haben sich gelohnt
Rellingen hat diesen Weg früh eingeschlagen. Glasfaser ist kein Selbstzweck, sondern eine Investition in die Wettbewerbsfähigkeit einer Gemeinde. Heute profitieren wir von den Entscheidungen, die vor Jahren getroffen wurden. Daher gilt allen Entscheidungsträgern unser großer Dank für die weitsichtige Planung, von der wir jetzt profitieren.
Marc Trampe



