Die Wegwerfmentalität sollte der Vergangenheit angehören – auch und gerade beim Umgang mit Bestandsgebäuden: Das ist der Appell des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten an die Kommunen. Für den BDA erläutert Pressereferent Benedikt Hotze, worauf es ankommen sollte.

Die Ressourcenkrise ist in den Städten längst angekommen. Was wir früher Bauschutt nannten, ist heute ein Rohstofflager: Beton, Ziegel, Stahl, Holz, Türen, Fenster, technische Anlagen. In Gebäuden, Infrastrukturen und Deponien lagern Milliarden Tonnen Material. Zugleich steigen Preise, Deponieräume werden knapp, Lieferketten bleiben unsicher. Urban Mining ist deshalb keine Spezialfrage für Abfallwirtschaft und Vergabestellen, sondern eine kommunalpolitische Kernaufgabe.
Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten hat diese Perspektive in mehreren Initiativen forciert. Bereits im Positionspapier „Das Haus der Erde“ von 2019 heißt eine Position „Bauen als materielle Ressource“: Alle Materialien müssen so geplant werden, dass sie vollständig wiederverwendbar oder kompostierbar sind; Rezyklate und wiederverwendete Bauteile gehören nicht an den Rand, sondern in den architektonischen Entwurf.
Umbau statt Neubau
In dem Ausstellungs- und Publikationsprojekt „Sorge um den Bestand“ von 2021 führt die Strategie „100% Ressource“ diesen Gedanken weiter: Das vorhandene Gebäude ist nicht nur Fläche oder Kostenstelle, sondern Materialdepot, Klimaspeicher und Ausgangspunkt künftiger Baukultur.
Der Aufruf „BDAcalls – Wirtschaftsideen für ein Postwachstum im Bauen“ von 2022 zeigt, dass daraus wirtschaftliche Modelle entstehen: Umbau statt Neubau, zirkuläre Stadt, Wiederverwendung, Materialreduktion und neue Kooperationen zwischen Planung, Handwerk, Industrie und öffentlicher Hand.
Unbedingt die Perspektive wechseln
Für Kommunen folgt daraus ein einfacher Perspektivwechsel: Vor jedem Abriss steht die Frage, ob ein Gebäude weitergenutzt, umgebaut, aufgestockt oder in Teilen rückgebaut werden kann. Erst dann beginnt Urban Mining.
Sortenreiner Rückbau ersetzt den schnellen Abriss. Materialpässe und Kataster ersetzen das nachträgliche Sortieren. Zwischenlager und Bauteilbörsen ersetzen die Deponie. Das ist anfangs anspruchsvoll, vermeidet aber Transporte, Entsorgungskosten und neue Rohstoffentnahmen.
Vom Pilotprojekt in die kommunale Routine
Einige Städte zeigen, wohin die Reise gehen kann. Heidelberg verbindet im Projekt Circular City den Umgang mit großen Beständen mit digitalen Materialinformationen. Berlin hat Strategien für Recyclingbeton und die Wiederverwendung mineralischer Bauabfälle entwickelt.
Hannover arbeitet mit Rückbauschulen an Wissen im Handwerk. Osnabrück dokumentiert freigesetzte Materialien. Solche Beispiele übersetzen Urban Mining vom Pilotprojekt in die kommunale Routine.
Wie Märkte geschaffen werden können
Gerade bei Beton, Ziegel, Sand und Kies ist der Handlungsdruck hoch. In Deutschland fallen jedes Jahr große Mengen mineralischer Bauabfälle an. Sie werden zwar oft verwertet, aber zu häufig minderwertig. Aus Gebäuden werden dann Füllmaterialien, nicht wieder Baustoffe. Dabei sind Recyclingbeton, geprüfte Gesteinskörnungen, wiederverwendete Ziegel, Holzbauteile oder Ausbauelemente technisch erprobt.
Das Problem ist weniger die Machbarkeit als die fehlende Nachfrage. Öffentliche Bauherrschaften können Märkte schaffen: Wer in Ausschreibungen Recyclingquoten, Rückbaukonzepte und Materialpässe verlangt, macht zirkuläres Bauen planbar.
Auch Erdaushub und Böden verdienen Aufmerksamkeit. Boden ist keine beliebig verfügbare Masse, sondern Teil kommunaler Klima- und Freiraumpolitik. Wiederverwendbarer Aushub kann im Landschaftsbau, in Grünflächen, zur Entsiegelung und zur Rekultivierung eingesetzt werden. Dafür braucht es klare Standards, frühe Erkundung und regionale Vermittlungsplattformen.
Was Kommunen aktuell tun sollten
Vier Aufgaben stehen jetzt an:
– Bestand vor Neubau
Kommunen sollten für eigene Liegenschaften Abrissmoratorien oder verpflichtende Abrissbegründungen einführen. Was abgebrochen werden soll, muss vorher auf Umbau-, Umnutzungs- und Rückbaupotenziale geprüft werden. Die „Achtung des Bestands“ aus dem „Haus der Erde“ wird so Verwaltungspraxis.
– Materialwissen
Jede Kommune braucht ein Materialkataster für öffentliche Gebäude und große Entwicklungsflächen. Es muss nicht perfekt beginnen. Entscheidend ist, dass bei Sanierungen, Verkäufen und Rückbauten Daten entstehen, die wieder nutzbar sind.
– Infrastruktur schaffen
Urban Mining braucht Orte: kommunale oder interkommunale Rückbauzentren, Zwischenlager, Prüfstellen, digitale Bauteilbörsen und Kooperationen mit lokalen Betrieben. Ohne solche Infrastrukturen bleibt Wiederverwendung Zufall.
– Nachfrage organisieren
Kommunale Vergabe kann Mindestanteile für Recyclingmaterialien, Anforderungen an Demontierbarkeit und die Wiederverwendung geeigneter Bauteile festschreiben. Wo Regeln noch unsicher sind, helfen Modellprojekte und Experimentierklauseln.
Mehr als Recycling – Bauen neu denken
Urban Mining ist damit nicht nur Recycling. Es ist eine neue Ordnung des Bauens: sorgsamer mit Bestand, intelligenter im Umgang mit Material, sparsamer beim Flächenverbrauch, mutiger in der kommunalen Organisation. Die Zukunft des Bauens entscheidet sich nicht in Rohstoffgruben, sondern in Rathäusern, Bauhöfen, Vergabestellen und Planungsämtern. Dort kann die Stadt lernen, sich selbst als Ressource zu verstehen.
Benedikt Hotze



