Schritt für Schritt nach oben auf der Karriereleiter – das ist längst nicht mehr die einzige Perspektive: Die Vorstellungen davon, was Karriere „machen“ bedeutet, verändern sich. Was Bewerberinnen und Mitarbeiter wollen und wie sich Verwaltungen darauf einstellen können, schlüsselt KGSt-Referent Marc Beys auf.

Karriere wird oft mit dem „Weg nach oben“, der Treppe des Erfolgs oder der klassischen Karriereleiter assoziiert. Doch ist dieses Bild noch zeitgemäß? Oftmals nein, denn der Blick auf den Berufsweg hat sich grundlegend gewandelt, und diese Bilder greifen zu kurz.
Anstelle der aufstiegsorientierten Karrierepfade treten heute zunehmend Bedürfnisse nach individueller Weiterentwicklung und flexiblen Arbeitsmodellen in den Vordergrund. Die sich wandelnden Anforderungen und Wünsche führen viele Beschäftigte zu der Frage, ob Karriere immer ein vertikaler Aufstieg sein muss.
Andere Werte werden wichtiger
Zu diesen Veränderungen zählt ein gestiegenes Bewusstsein für Werte wie Freizeit- und Familienorientierung. Gleichzeitig werden Macht, Status und Prestige immer häufiger hinterfragt. Zudem erlebt nahezu jede Person im Laufe der Zeit Veränderungen ihrer Lebensentwürfe – etwa durch Krankheit, Familiengründung, Interessensverschiebungen oder Krisen. Dadurch können sich Prioritäten im Leben verschieben, und das hat wiederum Einfluss auf die Karriereziele und -entscheidungen.
Orientierung in Lebensphasen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter suchen daher nach Perspektiven, die sich an ihren Lebensphasen orientieren und ihre persönlichen Ziele, Werte sowie Kompetenzen in den Mittelpunkt rücken. Dafür braucht es eine ausreichende Flexibilität, um die Karriere so zu gestalten, dass sie zur persönlichen Lebenssituation passt.
Karriere „machen“ bedeutet heute, die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten zu kennen und aktiv gestalten zu können. In der Praxis besteht aber häufig nur die Möglichkeit, über eine Führungsposition weiterzukommen. Dies kann als Einschränkung der persönlichen Entwicklung empfunden werden. Denn nicht alle Mitarbeiter wollen in Führung gehen.
Karriere beschreibt heute – und das wird sich in Zukunft verstärken – die Reise als das Ziel und muss als fortlaufende persönliche Entwicklung hin zum individuellen Karriereerfolg verstanden werden. Der Karriereerfolg wird subjektiv definiert: durch das Erleben von Erfolg und Zufriedenheit in der individuellen Karriere und dem eigenen Entwicklungsverlauf.
Tipps für die Personalpraxis in Kommunen
Kommunale Karrierewege bilden diese Individualität bislang nur selten ab und bieten dementsprechend wenig Raum für bewegte Lebensverläufe der Beschäftigten. Um die Vorteile einer zeitgemäßen Definition von Karriere nutzen zu können, sollten Organisationen dieses Verständnis in ihre Struktur, Kultur und Strategie integrieren.
Ein zeitgemäßes Karriereverständnis unterstützt die Strategie: Ein Ziel ist, den Karriereerfolg der Mitarbeiter mit den strategischen Zielen der Organisation bestmöglich in Einklang zu bringen. Ein zeitgemäßes Karriereverständnis fördert die Weiterentwicklung von Kompetenzen, um persönliche Ziele zu erreichen – und erhöht gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit, dass auch die strategischen Ziele der Organisation realisiert werden.
- Personalentwicklungsinstrumente strategisch ausrichten: Die Personalentwicklungsinstrumente sollen das zeitgemäße Karriereverständnis unterstützen und fördern. Es gilt daher, mögliche Mehrwerte für das gewünschte Karriereverständnis zu identifizieren, um Synergien der Instrumente zu nutzen.
- Angebot verschiedener Karrierewege: Vielerorts wird lediglich die Führungskarriere gefördert. Doch Expertinnen und Experten benötigen ebenso die Honorierung ihrer Expertise in Form von Verantwortung sowie (hierarchischer und monetärer) Anerkennung innerhalb der Organisation. Neben Führungskarrieren sollten daher auch Projekt- und Fachkarrieren angeboten werden, die in ihrer Wertigkeit möglichst gleichgestellt sind. Davon profitieren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie auch die Organisation.
- Durchlässige Karrierewege: Ein zeitgemäßes Karriereverständnis kennt keine feste Richtung. Jeder Wechsel sollte als Entwicklungsschritt angesehen werden. So können Mitarbeiter flexibel zwischen Rollen wechseln, ohne einen Gesichtsverlust befürchten zu müssen: Ein Wechsel aus einer Führungs- in eine Fachverantwortung ist kein Rück-, sondern ein weiterer Entwicklungsschritt.
Ein zeitgemäßes Karriereverständnis bindet Mitarbeitende: Die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb der Organisation sind gemäß dem „Bleibebarometer Öffentlicher Dienst“ der Beratungsagentur Next:Public (2022) der stärkste Bindungsfaktor. Wenn Karrierewege besser wahrgenommen werden, sinkt die Wechselbereitschaft. Gleichzeitig können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Stärken und Potenziale bestmöglich einbringen.
Ein zeitgemäßes Karriereverständnis gewinnt potenzielles Personal: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind die authentischsten Markenbotschafterinnen und -botschafter einer Arbeitgebendenmarke – innerhalb und außerhalb der Organisation. Die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb der Organisation stehen auf Platz vier der Weiterempfehlungsrate im Next:Public „Bleibebarometer Öffentlicher Dienst“ (2022).
Es lohnt sich also, umzudenken: Ein zeitgemäßes Karriereverständnis ist ein Gewinn für alle – für die Beschäftigten ebenso wie für die Organisation.
Marc Beys
Der Autor
Marc Beys ist Referent im Programmbereich Personalmanagement der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt).



