Es muss nicht der Neubau sein: Gabriele Renz erläutert, warum die Architektenkammer Baden-Württemberg sich für Bauen im Bestand engagiert – und Altgebäude und Leerstände nicht als Last sieht, sondern als Potenzial.

Bestandsbau: Für viele Verantwortliche in Kommunen ist das ein Reizwort. Wird darüber diskutiert, ob im Zusammenhang mit Baudenkmälern, ungenutzten Einkaufszentren oder in die Jahre gekommenen Siedlungshäusern – werden oftmals zuallererst die Unwägbarkeiten ins Feld geführt. Beispielsweise überdimensionierte Anforderungen wie Ausgleichsmaßnahmen und, damit verbunden: unkalkulierbare Kosten, die den Bürgerinnen und Bürgern erklärt und begründet werden müssen.
Politik denkt in Legislaturen. Und Bauen dauert. Innerhalb einer Wahlperiode kommt es selten zu vorzeigbaren Ergebnissen. Nicht wenige kommunale Bauverwaltungen schlagen deshalb den Gemeinderätinnen und Gemeinderäten Abriss und die Beauftragung von Generalunternehmen vor, die Neubau zum Festpreis „alles aus einer Hand“ bieten – allerdings auch oft von der Stange.
Doch davon abgesehen, dass auch Abriss, Entsorgung und Neubau Geld kosten: Jede Kommune hat ihr eigenes Gesicht. Die Architektenkammer Baden-Württemberg ist überzeugt, dass nur intakte, qualitätsvolle Orts- und Stadtbilder ihre identitätsstiftende Funktion erfüllen können und zukunftsfest sind. Wir beziehen uns nicht auf die jüngst vom Bundeskanzler angestoßene Diskussion über das „Stadtbild“, auch wenn alles mit allem zusammenhängt. Wenn Ortsmitten veröden und markante Gebäude oder Straßenzüge lange leer stehen und verfallen, schwindet die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger.
Leerstand als verborgenes Kapital
„Leerstand? Lücken? Potenziale!“ lautete das Motto am diesjährigen „Tag der Architektur“, um auf die ungenutzten Chancen von Stadtentwicklung in den Kommunen aufmerksam zu machen. Leerstände sind das verborgene Kapital einer Gemeinde. Bauen im Bestand ist nicht nur aus Gründen der Ressourcenschonung und des Klimaschutzes ein Gebot der Stunde, sondern auch, um die Innenbereiche der Städte und Gemeinden lebendig und attraktiv zu halten.
Bauen und Sanieren im Bestand ist in der Tat meist aufwendiger als Neubau – dann jedenfalls, wenn zu Beginn keine intensive Analyse steht. Doch die Diskussion über das „einfache Bauen“ zeigt bereits Wirkung. Die Neubau-Standards werden mit speziellen Vorschriften für Bestandsbauten vom Gesetzgeber sukzessive abgelöst.
Potenziale von Bestandsbauten nutzen
So widersprüchlich es klingen mag: Den Bestand zu ertüchtigen, ist auch – übers Ganze gerechnet – finanziell lohnend. Insbesondere, wenn mit hoffnungsvollem Blick auf den Zuzug neuer Bürger und zusätzliche Steuereinnahmen die Ausweisung weiteren Baulands erwogen wird. Wenn für Neubaugebiete keine mehrgeschossigen Wohngebäude, sondern Häuser mit einer oder zwei Wohneinheiten vorgesehen sind, verschlingen sie hohe Summen für den Auf- und Ausbau sowie die Instandhaltung von Infrastruktur wie Wasser, Abwasser, Glasfaser, Straßen, Gehwege und Beleuchtung.
Die Kommune investiert für einige wenige, statt das knappe Geld zum Nutzen aller einzusetzen – und in 30 bis 40 Jahren sieht sie sich vor die gleichen Probleme gestellt wie heute: Was tun mit den leerstehenden Einfamilienhäusern?
Viele Senioren wünschen sich weniger Ballast im Alter – und weniger Einsamkeit. Für sie kann das Seniorenwohnen im Ortskern oder der Aus- und Umbau des Einfamilienhauses mit einer weiteren Wohneinheit ein gutes Angebot sein. Solche strategischen Entscheidungen brauchen den fachlichen, guten Rat – der nicht teuer sein muss. Architektinnen und Architekten, Stadtplanerinnen und Stadtplaner sowie Landschaftsarchitekten sind darin geschult, verschiedene Interessen und Ansprüche zusammenzubringen.
Plädoyer für den Gestaltungsbeirat
Es lohnt den unabhängigen Blick von außen. Die Architektenkammer Baden-Württemberg bietet Expertise an – in Gestalt von Ortsentwicklungsbeiräten aus Stadtplanerinnen und Stadtplanern, die Potenziale des Ortes analysieren und Vorschläge machen. Für konkrete Vorhaben – sei es die Umnutzung eines alten Firmenareals, Handelshauses oder eines Kirchengemeindebaus – kann die Kommune einen Gestaltungsbeirat einsetzen. Rund 50 Kommunen in Baden-Württemberg haben mit Hilfe eines solchen Gremiums gute, nachhaltige Lösungen für ihren Ort entwickelt, die – so wird häufig berichtet – ohne den Impuls von außen möglicherweise nicht zustande gekommen wären.
Aus Spargründen auf Gestaltungsbeiräte zu verzichten, ist zu kurz gedacht. Kommunen, die auf qualitativ gute Lösungen und langfristige Akzeptanz zielen, binden ihre Bürger durch partizipative Formate ein.
Akteure frühzeitig einbeziehen
Auch hier gilt: Frühes Einvernehmen spart harte Auseinandersetzungen zu einem späteren Zeitpunkt. Konzeptvergaben für die Bebauung oder eine Ertüchtigung von erhaltenswerter Bausubstanz auf kommunalen Grundstücken sind probate Mittel. Überzeugte und leidenschaftliche Mitstreiter fürs Bauen im Bestand können Genossenschaften, aber auch kommunale Wohnungsunternehmen sein. Das Angebot an Förderprogrammen ist groß und unübersichtlich. Architekturbüros, Energieberaterinnen und -berater oder spezielle Fördermittelberater können durch den Dschungel helfen.
Am bekanntesten ist die Städtebauförderung als Instrument zur Sicherung historischer Bausubstanz und Sanierungsprojekte. Das Programm „Wachstum und nachhaltige Erneuerung“ unterstützt beispielsweise bei der Bewältigung des wirtschaftlichen und demografischen Wandels in Gebieten, die von erheblichen städtebaulichen Funktionsverlusten und Strukturveränderungen betroffen sind.
Umbau als Frage der Haltung
Bei allem kommt es wesentlich auf die Gemeinderätinnen und Gemeinderäte an: Ihre Aufgeschlossenheit und Überzeugungskraft als Entscheider sind gefragt, wenn es um Erhalt und Umnutzung von Bestandsbau geht. Umbau ist Haltung. Mut wird belohnt.
Gabriele Renz
Unterstützung
Bestandsbauten und Leerstand erwei sen sich für Städte und Kommunen häufig als große Herausforderungen. Sie können sich aber Unterstützung suchen – hier sind einige Beispiele:
- Städtebauförderung
- Plattform für die Aktivierung von Leerstand
- Programm „Wohnen und Leerstand“
- Gestaltungsbeiräte/Ortsentwicklungsbeiräte der AKBW
Impulse
Bereits umgesetzte Umbauten können Anregungen geben. Zum Beispiel:
- Kocherwerke – Umnutzung denkmalgeschützter Industriegebäude in Forchtenberg-Ernsbach
- Gemeinschaftsschule am Brenzpark in Heidenheim (ehemalige Industriegebäude)
- Urban Living – Stuttgart Gewerbe wird Wohngebäude in Stuttgart



