Nachhaltiges Bauprojekt in Berlin Neukölln: Holz, Ziegel und Lehm im Praxistest

Klimafreundlich und zugleich bezahlbar? Lowtech und doch komfortabel? Hier setzt ein Forschungsprojekt an: In Berlin Neukölln entstehen zwei fünfgeschossige Gebäude mit 36 Mietwohnungen – Reallabore, deren Erfahrungen und Ergebnisse auch über Berlin hinaus nützen sollen.

Blick in die Zukunft: So sollen die beiden „Nachhaltigkeitspiloten“ in Alt-­Britz in Berlin einmal aussehen. Vorentwurf: Bruno Fioretti Marquez

Mit einem Nachhaltigkeitsprojekt in Berlin Neukölln werden neue Wege für den klimafreundlichen, ressourcenschonenden und zugleich bezahlbaren Wohnungsbau erprobt. Auf einem Grundstück in Alt-Britz in Berlin Neukölln errichtet die Stadt und Land Wohnbauten-Gesellschaft zwei fünfgeschossige Gebäude mit insgesamt 36 Mietwohnungen, davon 18 barrierefrei und sechs öffentlich gefördert.

Das Projekt wird von der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz sowie der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert. Die Umsetzung erfolgt in Kooperation mit der ARGE ZRS Architekten und Bruno Fioretti Marquez, wissenschaftlich begleitet von der TU Berlin, der TU Braunschweig und der Universität Stuttgart.

Neue Bauweisen werden erprobt

Die beiden Gebäude sind Reallabore, in denen neue Bauweisen mit ökologischen Baustoffen wie Holz, Ziegel und Lehm erprobt werden. Ziel ist es, Strategien für klimafreundliches, ressourceneffizientes und zugleich sozialverträgliches Bauen zu entwickeln, die auf den Mietwohnungsbau übertragbar sind.

Dabei steht nicht nur die Verringerung des CO2-Fußabdrucks im Fokus, sondern auch die Entwicklung von Lowtech-Strategien, die auf reduzierte Gebäudetechnik setzen. Weniger Technik bedeutet: geringerer Wartungsaufwand, niedrigere Betriebskosten und höhere Wirtschaftlichkeit über den gesamten Lebenszyklus.

Die Wahl der Materialien ist bewusst getroffen: Holz speichert CO2 und ermöglicht eine schnelle, saubere Bauweise. Lehm reguliert Feuchtigkeit und sorgt für ein ausgeglichenes Raumklima. Ziegel bietet Stabilität und Langlebigkeit. Gemeinsam bilden sie ein System, das umweltfreundlich, kreislaufgerecht und bautechnisch belastbar ist.

Im Rahmen des Projekts werden die bauphysikalischen und klimatischen Eigenschaften dieser Materialien untersucht. Das Institut für Bauklimatik und Energie in der Architektur führte hierzu hygrothermische Simulationen durch, um zu analysieren, wie sich die Baustoffe auf Wärme-, Schall- und Brandschutz auswirken. Ziel ist es, den Einsatz ökologischer Materialien mit den Anforderungen des modernen Geschosswohnungsbaus in Einklang zu bringen.

Neue Wege trotz alter Vorschriften

Die Bauarbeiten sind in vollem Gange: Im März 2025 wurde der Richtkranz gehoben, die Fertigstellung ist für Ende 2025 geplant. Bereits die Bauphase zeigt, dass die Integration nachhaltiger Baustoffe in bestehende Bauvorschriften eine Herausforderung darstellt. Themen wie Brandschutz, Statik und bauaufsichtliche Zulassungen erfordern enge Abstimmungen mit Fachbehörden und Prüfinstitutionen.

Durch die Zusammenarbeit aller Projektpartner und die wissenschaftliche Begleitung können praxisnahe Lösungen entwickelt werden, die künftig auch für andere Bauvorhaben nutzbar sind. Die Förderung durch die Senatsverwaltung und die DBU unterstützt die Realisierung.

Die voraussichtliche Nettokaltmiete liegt bei rund 15 Euro pro Quadratmeter für freifinanzierte und etwa sieben Euro pro Quadratmeter für geförderte Wohnungen. Damit zeigt das Projekt, dass nachhaltiges Bauen und Bezahlbarkeit sich nicht ausschließen.

Neues Wohnen im Quartier

Neben den ökologischen Vorteilen bietet das Projekt auch ökonomische Perspektiven: Durch den bewussten Verzicht auf komplexe Gebäudetechnik sinken Wartungsaufwand und Betriebskosten. Die Gebäude können langfristig einfacher instand gehalten werden und leisten so einen Beitrag zur Kostenstabilität im Mietwohnungsbau.

Die Nachhaltigkeitspiloten fügen sich harmonisch in die gewachsene Struktur des Ortsteils Britz ein. Das Projekt stärkt die nachhaltige Quartiersentwicklung und schafft neuen, zukunftsorientierten Wohnraum in einem etablierten Berliner Stadtteil. Die Bewohnerinnen und Bewohner profitieren von hoher Aufenthaltsqualität, gesundem Raumklima und moderaten Nebenkosten.

Nach der Fertigstellung wird ein Monitoring durchgeführt, das Energieverbrauch, Raumklima, Nutzerzufriedenheit und ökologische Wirkung untersucht. Die Ergebnisse sollen als Grundlage für weitere nachhaltige Bauprojekte dienen.

Modellcharakter über Berlin hinaus

Mit dem Projekt in Alt-Britz kann gezeigt werden, wie nachhaltiges und sozialverträgliches Bauen konkret umgesetzt werden kann. Die Kombination aus bewährten Materialien, wissenschaftlicher Begleitung und sozialem Anspruch kann Modellcharakter weit über Berlin hinaus haben.

Auch andere Kommunen und Wohnungsunternehmen könnten aus diesem Ansatz lernen: Neue Materialien und Konstruktionsweisen sollten frühzeitig in Modellprojekten erprobt und durch wissenschaftliche Evaluation begleitet werden, um belastbare Daten für zukünftige Standards zu schaffen.

Das Projekt könnte zudem zeigen, dass Lowtech-Lösungen häufig die robustere und wartungsärmere Alternative darstellen. Weniger Technik muss dabei nicht weniger Komfort bedeuten, sondern kann mehr Effizienz und Langlebigkeit ermöglichen. Der Bau in Alt-Britz kann damit ein Beispiel dafür sein, wie der Wohnungsbau der Zukunft aussehen könnte – nachhaltig im Material, effizient im Betrieb und sozial ausgewogen im Ergebnis.

Die Nachhaltigkeitspiloten leisten damit einen Beitrag, die Wohnbauwende voranzubringen – hin zu kreislauffähigen, klimaneutralen und zukunftssicheren Quartieren.

Anja Libramm


Die Autorin

Anja Libramm ist stellvertretende Pressesprecherin der Stadt und Land Wohnbauten-Gesellschaft mbH.


Mehr zum Thema

Impulse für nachhaltiges Bauen

Impulse für nachhaltiges Bauen: An diesen Stellschrauben können Kommunen ansetzen

Nachhaltiges Bauen braucht keine strengeren Vorgaben, neue Standards oder zusätzliche Berichtspflichten, sagt Florian Pronold. Seine These: „Es braucht vor allem …
Nachhaltiges Bauen

„Da geht noch mehr!“: Wie nachhaltiges Bauen gelingen kann

Der Wille ist da, und doch werden die guten Vorsätze oft in der Umsetzung ausgebremst – tatsächlich muss energieeffizientes Bauen …
Nachhaltiges Bauen

Nachhaltiges Bauen: Die Projektsteuerung ist entscheidend

Der Bausektor ist erst spät in den Nachhaltigkeitsfokus gekommen, entsprechend groß ist der Nachholbedarf. Wie geht es voran? Was können …