Nachhaltiges Bauen braucht keine strengeren Vorgaben, neue Standards oder zusätzliche Berichtspflichten, sagt Florian Pronold. Seine These: „Es braucht vor allem die kluge Nutzung bestehender Spielräume.“ Der Bau- und Umweltexperte gibt Tipps, an welchen Stellschrauben Kommunen ansetzen können.

Nachhaltigkeit entsteht durch vernetzte Planung, verantwortungsvolle Entscheidungen und die
Umsetzung konkreter Projekte – im Neubau ebenso wie in der Sanierung.
Wer im Lebenszyklus denkt, erkennt, dass Ökologie und Wirtschaftlichkeit im Bau oft keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig stärken können.
Stellplatzvorgaben – wenn weniger mehr ist
In vielen Städten gilt noch immer die alte Logik, dass für jede Wohnung eine bestimmte Zahl an Stellplätzen geschaffen werden muss. Doch dort, wo der öffentliche Nahverkehr gut ausgebaut ist, sollten diese Vorgaben entfallen.
Eine Tiefgarage mit mehreren Stellplätzen kann die Baukosten einer Wohnung um bis zu 30 Prozent erhöhen – und verschlechtert zugleich die Ökobilanz erheblich. Betonmengen und Energieaufwand bei der Erstellung sind enorm.
Wer auf Tiefgaragen verzichtet und stattdessen auf Sharing-Angebote, E-Mobilitäts-Hubs oder den öffentlichen Personennahverkehr setzt, schafft bezahlbaren Wohnraum und senkt den ökologischen Fußabdruck der Gebäude spürbar.
Im ländlichen Raum wird der vollständige Verzicht auf das Auto in absehbarer Zeit kaum möglich sein. Doch auch hier lassen sich Lösungen finden, um Zweit-oder Drittwagen zu ersetzen: etwa gemeinschaftliche Carsharing-Modelle oder kombinierte Mobilitätsknotenpunkte.
Im Quartier denken und nicht Haus für Haus
Klimaschutz im Gebäudebestand gelingt nur durch vernetztes Denken. Es ergibt wenig Sinn, in einer Siedlung aus den 1980er-Jahren jedes Einfamilienhaus einzeln zu dämmen und zu sanieren. Der finanzielle Aufwand ist hoch, der ökologische Effekt aufgrund von Materialeinsatz und Entsorgung oft gering.
Effektiver ist es, das gesamte Quartier an eine CO2-arme Nahwärmeversorgung anzuschließen – etwa über Biomasse, Geothermie oder industrielle Abwärme – und die Gebäude gleichzeitig mit weniger Aufwand zu sanieren. So bleiben die Investitionskosten überschaubar, die laufenden Kosten sinken, und die CO2-Bilanz des gesamten Quartiers verbessert sich deutlich.
Erhalten statt Abreißen
Auch Kommunen können mit gutem Beispiel vorangehen. Viele Rathäuser, Schulen oder Sporthallen aus den 1960er- bis 1990er-Jahren gelten heute als Sanierungsfälle. Doch der reflexartige Abriss ist selten die nachhaltigste Lösung. In diesen Gebäuden steckt enorme „graue Energie“ – also die bereits gebundene Energie aus Materialien und Bauprozessen der Vergangenheit.
Wer Bauten erhält und gezielt umbaut, spart CO2 und Kosten zugleich. Mit modernen Heizsystemen, Photovoltaik und intelligenter Gebäudesteuerung lassen sich Bestandsgebäude effizient betreiben und an neue Nutzungen anpassen. Oft braucht es dafür vor allem Mut zu neuen Nutzungskonzepten.
Bestehende Flächen doppelt nutzen
In wachsenden Städten ist Flächenknappheit einer der größten Bremsfaktoren beim Wohnungsbau. Dabei liegen viele Flächen bereits erschlossen und gut angebunden da – etwa Parkplätze vor Behörden, Krankenhäusern oder Bildungseinrichtungen.
Wenn dort „Wohnungen auf Stelzen“ entstehen, bleibt die ursprüngliche Nutzung weitgehend erhalten, gleichzeitig entsteht zusätzlicher, bezahlbarer Wohnraum – etwa für Pflegekräfte, Erzieherinnen oder Feuerwehrleute. Ein mehrfacher Gewinn: kein zusätzlicher Flächenverbrauch, keine neuen Grunderwerbskosten und eine Stärkung des Wohnungsmarkts sowie der sozialen Infrastruktur direkt am Arbeitsplatz.
Solche Konzepte zeigen, dass Flächennutzung intelligenter werden kann, ohne dass Kommunen neue Baugebiete ausweisen müssen. Der beschlossene „Bauturbo“ auf Bundesebene eröffnet hier zusätzlichen Handlungsspielraum.
Einfach neu bauen – aber klug
Auch beim Neubau gilt: Einfachheit kann ökologisch sein. Massive Wände und höhere Decken galten lange als überholt – dabei tragen sie entscheidend zur Speicherfähigkeit und zum Raumklima eines Gebäudes bei.
Dieser architektonische Ansatz erlebt eine Renaissance. Massive Gebäude mit thermischer Trägheit benötigen im Sommer weniger Kühlung und im Winter weniger Heizung. Doch Investoren rechnen häufig nach Quadratmetern Wohnfläche und maximaler Geschosszahl.
Genau hier braucht es kommunale Flexibilität: Wenn ein ökologisches Konzept höhere Decken oder dickere Wände vorsieht, sollten Ausnahmen bei der überbauten Fläche oder Gebäudehöhe möglich sein.
Denken in Lebenszyklen – Planen mit Verantwortung
Nachhaltigkeit beginnt nicht mit neuen Satzungen, sondern mit einem veränderten Blick auf die Stadtplanung und den Lebenszyklus von Gebäuden. Kommunen verfügen hier über erhebliche Gestaltungsfreiheit – im Bebauungsplan, in städtebaulichen Verträgen, in Förderprogrammen oder bei der Vergabe kommunaler Grundstücke.
Diese Freiheit sollte genutzt werden, um Lebensqualität, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit zu verbinden. Verzichten, wo es sinnvoll ist. Vernetzen, wo Synergien entstehen. Erhalten, wo Bestand Wert hat. Verdichten, wo Fläche mehrfach genutzt werden kann.
Florian Pronold
Der Autor
Florian Pronold ist Geschäftsführer des Instituts Bauen und Umwelt e.V. (IBU). Zuvor war er Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt und Bauen. Außerdem gehörte er mehrere Jahre dem Stadtrat und Kreistag von Deggendorf an.



