Bis 2045 soll der Gebäudesektor klimaneutral werden. Wie die geforderte CO2-Reduzierung von der sozial orientierten Wohnungswirtschaft erreicht werden kann, zeigen Beispiele aus Hessen.

Fachkräftemangel, Energiekrise, Preissteigerungen, Lieferengpässe, stetig steigende Anforderungen von EU und Bund – der Weg zur Klimaneutralität ist kein leichter. Entsprechend müssen Klimastrategien angepasst werden. So hat auch die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt (NHW) ihre 2018 entwickelte Klimastrategie überarbeitet.
Mittels verringerter Eingriffstiefe bei der Modernisierung und mit Schwerpunkt auf der Defossilierung im Heizungskeller soll das Gros der rund 61.000 Bestandsimmobilien, vorwiegend aus den Jahren 1950 bis 1970, bis 2045 den CO2-Ausstoß drastisch senken. In Pilotprojekten werden weitere Maßnahmen überprüft, die dazu beitragen könnten, die Kosten im Rahmen zu halten und die geforderte Treibhausgasreduktion in diesem engen Zeitfenster umzusetzen.
Ein Beispiel: In Maintal-Bischofsheim erhalten vier Gebäudezeilen aus den 1965er Jahren mit insgesamt 96 Wohnungen dank serieller Sanierung ein technisches und optisches Update. Das genutzte System ist nachhaltig, effizient und ressourcenschonend: Nach dem niederländischen Energiesprong-Prinzip werden nach digitalem 3D-Vermessen vorgefertigte Fassadenelemente montiert. Sie sind bereits mit Dämmung, Fenstern und haustechnischen Einbauten ausgestattet. Das verkürzt den Sanierungsprozess und stellt auch für die Mieter eine geringere Belastung dar.
Umfassendes Sanierungskonzept
Parallel werden Dachgeschoss- und Kellerdecken-Dämmung erneuert. Zudem tragen eine neue Anlagentechnik mit Eigenstrom aus PV-Modulen dazu bei, die CO2-Emissionen auf jährlich elf anstatt 31 Kilogramm pro Quadratmeter Wohnfläche zu reduzieren. Künftig werden alle Gebäude dem KfW-Effizienzhaus-55-Standard entsprechen. Hier wird dank innovativer Verfahren ein Beitrag zu einer nachhaltigen Gebäudeentwicklung geleistet.
Bereits vor zwei Jahren wurden im selben Quartier vorgefertigte Wärmepumpen-Module in Betrieb genommen. Sie wurden auf Freiflächen zwischen neun Gebäuden mit 216 Wohnungen installiert. Unter der ansprechenden Tiny-House-Optik mit Holzlammellen und begrüntem Dach verbergen sich effiziente Wärmepumpen-Technik in Kaskadenschaltung und effektive Speichertechnologie.
Dank des Plug-and-Play-Prinzips sorgten sie rasch für klimafreundliche Wärme fürs Heizen und die Bereitung von Warmwasser. Kurze Einbauzeiten, hohe Versorgungssicherheit, Defossilierung – und damit auch ein geringerer CO2-Ausstoß – gehen hier Hand in Hand.
Hessens erstes Recycling-Haus
Ein weiteres Beispiel: In Kelsterbach wurde 2022 Hessens erstes Recycling-Haus realisiert. Durch Aufstocken eines Bestandsgebäudes entstanden 126 Quadratmeter zusätzlicher Wohnraum – zur Hälfte mit recycelten Materialien aus eigenen Bauprojekten. So wurden elf Tonnen CO2 vermieden und der Abfall um die Hälfte reduziert. Eingesetzt wurden ausschließlich mit Gutachten oder Fachingenieur-Konzepten hinterlegte recycelte Baustoffe.
Künftig will die NHW auch bei Neubauten das „Cradle to Cradle“-Konzept nutzen und sie von Anfang an so gestalten, dass diese wiederverwendet und recycelt werden können oder zumindest biologisch abbaubar sind.
Re-Use bei der Aufstockung
In Mörfelden-Walldorf wurden im Re-Use-Verfahren mit wiederverwendeten Baumaterialien zwölf Wohnungen vollständig modernisiert und vier durch Aufstocken ergänzt. So entstanden rund 300 Quadratmeter zusätzlicher Wohnraum.
Bei Rückbaumaßnahmen oder Modernisierungen fallen Wertstoffe an, die noch nicht am Ende ihres Lebenszyklus angekommen sind. Diese Materialien können entsorgt werden, wie es vielfach noch üblich ist – oder sie können dem Materialkreislauf in Form der Wiederverwertung zugeführt werden. Besonders eignen sich Glasbrüstungen, Fenster, Balkonverkleidungen, Holzböden, Dachstuhl- und Deckenbalken, aber auch Lampen und Lichtschalter.
Im Mehrfamilienhaus in Mörfelden-Walldorf konnten Materialien ohne aufwendiges Einlagern direkt vor Ort wiederverwendet und weitergenutzt werden. Durch Aufstocken mit eingeschossigen Holz-Modulbauten und Nutzen des bisherigen Dachstuhls entstanden je zwei neue Wohnungen pro Hauseingang.
Klimafreundliche Wärme
Ein innovatives Element des Projekts: die gemeinsame Wärmeerzeugungsanlage im einem ehemaligen Ölkeller. Sie besteht aus einer Wasser-Wasser-Wärmepumpe, die Heizenergie über einen Brunnen außerhalb des Gebäudes bezieht. Dank ihr, einer Außendämmung, neuen Fenstern sowie einer PV-Anlage auf dem Dach werden so neuneinhalb Tonnen CO2 jährlich eingespart.
Monika Fontaine-Kretschmer
Die Autorin
Monika Fontaine-Kretschmer ist Technische Geschäftsführerin der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte (NHW).



