Reallabor für die Stadt von morgen: Kaiserslautern erprobt klimaneutrales Quartier

Auf dem ehemaligen Pfaff-Industriegelände in Kaiserslautern entsteht ein klimaneutrales Quartier. Mit der Inbetriebnahme der Energiezentrale erreicht das Forschungsprojekt EnStadt:Pfaff einen wichtigen Meilenstein. Es demonstriert, wie innovative Technologien, digitale Lösungen und nachhaltige Planung zu einem effizienten Gesamtsystem verknüpft werden können.

EnStadt:Pfaff
Das Forschungsprojekt EnStadt:Pfaff in Kaiserslautern ist ein Modellprojekt mit Strahlkraft für Kommunen bundesweit, Foto: Adobe Stock/uslatar

Rund zwei Kilometer vom Kaiserslauterer Stadtzentrum entfernt hat das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE gemeinsam mit sieben Partnern die Umwandlung einer ehemaligen Industriebrache in ein klimaneutrales Quartier aktiv begleitet.

Auf dem früheren Gelände produzierte das Traditionsunternehmens Pfaff über 150 Jahre hinweg Nähmaschinen. Heute sind dort vier sanierte Bestandsgebäude in Nutzung. Parallel dazu hat die Neubebauung des Geländes begonnen.

Mit der Einweihung der Energiezentrale am 12. Mai 2026 wurde ein wichtiger Meilenstein des Leuchtturmprojekts „EnStadt:Pfaff“ erreicht. Dies berichtet das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in einer Mitteilung.

Forschungsprojekt EnStadt:Pfaff erprobt klimaneutrale Quartiere

Die Energiezentrale bildet das zentrale Element der Wärmeversorgung im Quartier. Von hier aus wird Niedertemperaturwärme mit einer Vorlauftemperatur von rund 65 °C verteilt. Diese stammt überwiegend aus dem Rücklauf der städtischen Fernwärme.

Ergänzend wird die Abwärme von Kältemaschinen in das Wärmenetz eingespeist. Zudem beherbergt die Anlage ein Labor zur Erforschung des bidirektionalen Ladens von Elektrofahrzeugen. Der kubische Neubau ist mit einer innovativen Photovoltaikfassade ausgestattet, deren rote Farbbeschichtung auf MorphoColor®-Modulen basiert. Diese am Fraunhofer ISE entwickelte Beschichtungstechnologie gewährleistet eine hohe Effizienz der farbigen PV-Module.

Seit seinem Start im Jahr 2017 verfolgte das Forschungsprojekt EnStadt:Pfaff einen ganzheitlichen Ansatz zur Untersuchung und Erprobung von Technologien sowie Erfolgsfaktoren für klimaneutrale Quartiere. Neben Lösungen für eine klimafreundliche Energieversorgung und Gebäudetechnik standen auch nachhaltige Mobilitätskonzepte und nutzerorientierte Digitalisierungsansätze im Fokus, die erforscht und demonstriert wurden. Darüber hinaus befasste sich das Projekt mit sozialwissenschaftlichen Fragestellungen.

Die Herausforderungen zukunftsfähiger Projekte sichtbar machen

„Klimaneutrale Quartiere erfordern eine fundierte Planung und den Einsatz innovativer Technologien, die zu einem effizienten Gesamtsystem zusammengefügt werden“, betont Gerhard Stryi-Hipp vom Fraunhofer ISE, wissenschaftlicher Leiter des Projekts.

Prof. Dr. Peter Schossig, Bereichsleiter Wärme und Gebäude am Fraunhofer ISE, ergänzt: „Um die Herausforderungen in der Planung und Umsetzung zukunftsfähiger Quartiere zu erkennen und anwendungsreife Lösungen zu entwickeln, sind interdisziplinäre Reallabor-Projekte wie EnStadt:Pfaff erforderlich.“

Solaranlagen und Gründächer sind Pflicht

Auch das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE aus Kaiserslautern beteiligte sich an dem Projekt. „Digitale Lösungen erhöhen die Effizienz in der Planung und im Betrieb von klimaneutralen Quartieren“ so Dr. Frank Elberzhager, Teilprojektleiter am Fraunhofer IESE.

„Sie erleichtern jedoch auch das klimafreundliche Verhalten und das Zusammenleben der Bewohnerinnen und Bewohner im Quartier z.B. durch die Unterstützung der Nutzung lokaler Mobilitätsangebote, weshalb wir in EnStadt:Pfaff Plattformlösungen und digitale Dienste für das Quartier entwickelt haben.“

Dicht bebaute innerstädtische Quartiere wie das 19 Hektar große Pfaff-Areal mit seinen Wohn-, Dienstleistungs- und Gewerbeflächen können nicht vollständig durch vor Ort erzeugte erneuerbare Energien versorgt werden. Dies belegt das Energiekonzept. Umso entscheidender ist die konsequente Nutzung der verfügbaren Potenziale.

Vor diesem Hintergrund wurde im Bebauungsplan eine Pflicht zur Installation von Solaranlagen auf den Dächern festgelegt. Ebenso wurde die Anlage von Gründächern vorgeschrieben, unter anderem um Überschwemmungsrisiken zu reduzieren. Die Photovoltaikanlagen decken knapp 40 Prozent des jährlichen Strombedarfs im Quartier.

Reallabor-Zentrum auf dem Pfaff-Gelände

Auf dem Pfaff-Gelände wurde zudem ein Reallabor-Zentrum eingerichtet. Dieses soll die Projektergebnisse insbesondere an Akteure zu vermitteln, die Quartiere planen und umsetzen. Eine Ausstellung veranschaulicht mithilfe von Augmented Reality die einzelnen Schritte zur Entwicklung klimaneutraler Quartiere.

Ergänzend ermöglicht ein Besucherpfad mit Online-Audioguide Interessierten, die im Rahmen von EnStadt:Pfaff demonstrierten Technologien direkt vor Ort zu erkunden.

Red.


Über das Projekt

Das Projekt „EnStadt:Pfaff“ wurde vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) sowie vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) als eines von sechs bundesweiten Leuchtturmvorhaben gefördert. Konzipiert als Reallabor, entwickelte und demonstrierte die Stadt Kaiserslautern gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft praxisnahe Ansätze für klimaneutrale Quartiere am Beispiel des Pfaff-Quartiers.


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