Zukunftsfähige Stadtentwicklung: Wie Innenstädte zu Wohlfühlorten werden können

Zentren sind mehr als räumliche Gefüge – sie sind zum Gradmesser gesellschaftlicher Stabilität geworden, betont Jürgen Block für die Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland. Er nennt Lösungen und Beispiele, die zeigen, dass Innenstädte (wieder) attraktiv werden können.

Zukunftsfähige Stadtentwicklung
Blick über die Grenze ins belgische Mechelen: eine Stadt, die sich intensiv mit ihrer Verantwortung für das Zusammenleben auseinandersetzt. Foto: Adobe Stock/Ekaterina Belova

Kaum ein Thema bewegt Kommunen sowie ihre Bürgerinnen und Bürger so stark wie der Zustand
ihrer Innenstädte. Abseits von vermeintlich einfachen Lösungen hat der in der Folge differenziertere Diskurs um das Stadtbild deutlich gemacht, dass die Innenstadt längst mehr als ein räumliches Gefüge ist – sie ist zum Gradmesser gesellschaftlicher Stabilität geworden.

Die Stadt als Erfahrungs- und Begegnungsraum steht unter Druck. Wenn Städte Orte bleiben sollen, an denen Menschen Sicherheit, Orientierung, Gemeinschaft und Freiheit erfahren, braucht es politische und gesellschaftliche Prioritätensetzung zugunsten der kommunalen Ebene. Die Forderung nach einem Stadtgipfel ist angesichts der aktuellen und fast flächendeckenden Schieflage der kommunalen Finanzen nur folgerichtig.

Schwindende Identifikation mit den Innenstädten

Die zentralen Herausforderungen sind struktureller Natur. Fehlende Aufenthaltsqualität, Leerstände und soziale Verwerfungen sind Symptome, keine Ursachen. Dahinter stehen eine chronische Unterfinanzierung der Kommunen bei gleichzeitiger überbordender Aufgabenzuweisung und das einhergehend mit einer wirtschaftlichen Stagnation.

Hinzu kommt ein Vertrauensverlust in die Handlungsfähigkeit der öffentlichen Hand: Wenn öffentliche Räume ungepflegt wirken, Sicherheitsgefühl und Sauberkeit nachlassen, der ÖPNV und die Erreichbarkeit insgesamt unzuverlässig daherkommen, der Zugang zu Kultur und Freizeit schwieriger zu leisten ist, schwindet die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Innenstadt, und sie verlieren den Glauben an die Gestaltungskraft des Gemeinwesens.

Was attraktive Zentren auszeichnet

Entscheidend sind vier Grundpfeiler, wenn man dieses Vertrauen zurückgewinnen möchte:

  • Die sichtbare Durchsetzung von Rechtsstaatlichkeit und Ordnung – nur ein sicherer öffentlicher Raum schafft Zutrauen.
  • Die konsequente Sicherstellung von Sicherheit, Sauberkeit und Service – denn Lebensqualität beginnt mit den kleinen Erfahrungen im Alltag.
  • Eine menschliche Stadtgestaltung, die Grünflächen, Schatten, Wasser, Barrierefreiheit und Mischnutzung als Qualitätsmerkmale begreift.
  • Echte Teilhabe und soziale Integration, damit alle Bürgerinnen und Bürger Zugang zu den Angeboten der Stadt haben und sich mit ihren Fähigkeiten einbringen können.

Erfolgreiche Innenstädte entstehen dort, wo diese vier Prinzipien mit einer kooperativen Steuerung verbunden werden.

Die Voraussetzungen für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung

Die aktuellen Probleme zeigen sich in unterschiedlichen Ausprägungen. Wenn man es stark vereinfacht, kämpfen Metropolen mit Übernutzung – zu viel Verkehr, zu viele konkurrierende Interessen, zu hohe Bodenpreise. Verdichtung und Nutzungskonkurrenzen führen zu Zielkonflikten zwischen Mobilität, Wohnen, Freizeit und Gewerbe.

Kleinere und mittlere Städte hingegen sehen sich oft mit abnehmender Frequenz, Kaufkraftabfluss und sinkender Investitionskraft konfrontiert. Ihnen fehlt meist nicht die Idee, sondern die Umsetzungskapazität. Gemeinsam ist jedoch allen Städten, dass die Innenstadt als reiner Konsumort an Bedeutung verliert.

Eine zukunftsfähige Stadtentwicklung erfordert deshalb Verwaltung und Gestaltung sowie die Übernahme von Verantwortung und das Schaffen von Angeboten. Stadtmarketing kann und muss dabei die Rolle einer verbindenden Instanz übernehmen, die Verwaltung, Wirtschaft, Kultur und Bürgerschaft zusammenführt.

Stadtmarketing kann als koordinierende Schnittstelle wirken, die ressortübergreifende Strategien bündelt und den Übergang von einer reaktiven zu einer gestaltenden Verwaltungspraxis begleitet und kommuniziert. Dafür braucht es klare Angebote und Zuständigkeiten, feste Kommunikationsroutinen und verlässliche Partnerschaften – eingebettet in eine ganzheitliche Entwicklungsstrategie und ein Mut machendes städtisches Narrativ.

Entwicklung zu Wohlfühlorten

Mehrere Städte zeigen, dass dieser Weg erfolgreich beschritten werden kann:

  • Hanau (Hessen) hat seine Innenstadt konsequent entwickelt – mit klarer Führung, sichtbarer Stadtgestaltung, authentischer Kommunikation und umfassender Gemeinschaft derjenigen, die für die kooperative Stadtentwicklung aktiv sind.
  • Auch das nordrhein-westfälische Bocholt setzt auf eine eng verzahnte Kooperation von Stadtmarketing, Stadtplanung und Wirtschaftsförderung, die Innenstadt als Erlebnisraum versteht und durch Veranstaltungen sowie Bürgerbeteiligung stetig weiterentwickelt.
  • Münster (Nordrhein-Westfalen) zeigt, wie strategisches Stadtmarketing zur Schlüsselfunktion für städtebauliche Prozesse werden kann: Hohe Kommunikationsqualität und innovative Formate der Bürgerteilhabe sorgen dafür, dass der menschliche Maßstab („human scale“) Kompass der Münsteraner Stadtentwicklung ist.
  • Oder Mechelen: Die Stadt in Belgien verdeutlicht, dass soziale Integration, Ordnung und Vorbildfunktion mit Haltung zur Grundlage städtischen Zusammenhalts und prosperierender Entwicklung werden kann. Dort gilt das Leitmotiv: „Citizens make the city, but the city also makes (better) citizens“ – Bürger machen die Stadt, aber die Stadt macht auch (bessere) Bürger“.

Appell an die Kommunen

Für die kommunale Praxis heißt das: Lebensqualität ist gestaltbar. Stadtentwicklung ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis konsequenter Haltung und abgestimmter Zusammenarbeit.

Kommunen können Verantwortung übernehmen, Kooperation fördern und Bürgerinnen und Bürger ernsthaft beteiligen. Sie schaffen so Innenstädte, die nicht nur funktionieren, sondern verbinden – als sichtbare Orte von Vertrauen, Teilhabe und gelebter Demokratie.

Jürgen Block


Der Autor

Jürgen Block ist Geschäftsführer der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland e.V. (bcsd).


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