Bislang galt Microsoft in öffentlichen Einrichtungen als unverzichtbar, doch zunehmend werden europäische Konzepte ins Spiel gebracht. Fachjournalist Tillmann Braun erläutert, warum er dafür argumentiert – jetzt mehr denn je.

Es ist ein Zeichen mit Signalwirkung: Anstatt weiterhin mit Microsoft zu arbeiten, hat der Internationale Strafgerichtshof sich entschieden, auf openDesk zu wechseln. Dabei handelt es sich um eine europäische Lösung, die unter der Federführung des deutschen Zentrums für Digitale Souveränität (ZenDiS) entwickelt und angeboten wird. Der digitale Arbeitsplatz basiert auf Open-Source-Software und gilt als besonders sicher. Zudem hat die US-Regierung in diesem Fall keine Zugriffsrechte – und somit auch kein Druckmittel.
Die Entscheidung des Internationalen Strafgerichtshofs lässt sich leicht nachvollziehen. Auf Anordnung der US-Regierung hatte Microsoft unter anderem das Nutzerkonto des Chefanklägers beim Internationalen Strafgerichtshof, Karim Khan, stillgelegt. Dabei wurde einmal mehr klar, dass selbst ein IT-Riese wie Microsoft machtlos ist, wenn die US-Regierung ihren Willen durchsetzen möchte. Jedenfalls dann, wenn der Softwareanbieter wie im Fall Microsoft aus den USA stammt.
ZenDiS verkündete Start eines neuen Partnerprogramms
In der deutschen Politik findet die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs Zustimmung. „Wenn wir als Staat und Institutionen souverän bleiben wollen, müssen wir auch unsere digitale Unabhängigkeit stärken und kritische Abhängigkeiten auflösen“, betont Johannes Schätzl von der SPD. Ralph Brinkhaus von der CDU, digitalpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, sieht in der Entscheidung für ein Open-Source-Modell sogar eine Aktion mit „internationaler Signalwirkung“ – an der sich die Verwaltungen in Deutschland ein Beispiel nehmen könnten.
Es ist davon auszugehen, dass viele Institutionen wie auch Unternehmen dies tun werden. Allein verantwortlich für diesen Trend wird der Internationale Gerichtshof jedoch nicht sein. Bereits auf der Smart Country Convention in Berlin, als die Entscheidung des Gerichtshofs noch nicht publik war, hatte das ZenDiS den Start eines neuen Partnerprogramms verkündet. Öffentliche IT-Dienstleister können ab sofort mit dem ZenDiS zusammenarbeiten. Die Vermarktungslizenzen für private IT-Dienstleister werden öffentlich ausgeschrieben. Geplant ist der Start der europäischen Ausschreibung für November 2025.
Steigende Nachfrage nach openDesk
Mit diesem Schritt will das vom Bund ins Leben gerufene ZenDiS sicherstellen, dass die steigende Nachfrage nach dem digitalen Arbeitsplatz bedient werden kann. Bislang wurden laut ZenDiS mehr als 80.000 Arbeitsplätze in der öffentlichen Verwaltung erfolgreich auf openDesk migriert. Mit Hilfe des neuen Partnerprogramms sollen es nun deutlich mehr werden – und erstmals sollen auch private Unternehmen von der Open-Source-Lösung profitieren können. Für die digitale Souveränität in Deutschland und Europa ist das ein wichtiger Schritt.
Alles unter einer Oberfläche
Die quelloffene Office- und Kollaborations-Suite vereint die verschiedenen Funktionen eines digitalen Arbeitsplatzes unter einer Oberfläche. Zu den einzelnen Elementen, die auf erprobten Open-Source-Anwendungen führender deutscher und europäischer Anbieter basieren, gehören unter anderem E-Mail, Kontakte und Kalender, ein gemeinsames Datei- und Dokumentenmanagement, Chat und Videokonferenz, Projekt- und Aufgabenmanagement, Wiki und Notizen sowie Identitäts- und Zugriffsmanagement.
Anders als bei Microsoft kann openDesk wahlweise als SaaS-Angebot aus einem souveränen deutschen Rechenzentrum bezogen oder im eigenen Rechenzentrum (On-Premise) betrieben werden. Da der Quellcode jederzeit einsehbar ist, lassen sich Probleme zudem schnell erkennen und lösen.
Mangelhafter Support aus Übersee
Wie wichtig das ist, zeigte sich einmal mehr Anfang September. In den E-Mail-Systemen der Landesregierung Thüringen sowie der Ministerien traten plötzlich Störungen auf. Betroffen waren rund 25.000 E-Mail-Postfächer, die über Exchange-Server von Microsoft zur Verfügung gestellt werden.
Das Problem konnte vom Thüringer Landesrechenzentrum (TLRZ), das die E-Mail-Postfächer für die Landesverwaltung betreibt, nicht behoben werden – auch weil man auf die Hilfe von Microsoft angewiesen ist. Zwar wurde die Störung durch das TLRZ bei Microsoft auf die höchste Priorität gehoben. Dennoch war selbst Wochen später noch unklar, wann das Problem mit dem E-Mail-System behoben sein wird.
Damit Europa sich tatsächlich von US-Software abnabeln und damit digital unabhängig machen kann, wird mehr nötig sein als eine Aktion des Internationalen Gerichtshofs mit Symbolwirkung oder ein neues Partnerprogramm des ZenDiS. Solange allein aus Deutschland jährlich über eine Milliarde Euro für die behördliche Nutzung von Lizenzen an Tech-Konzerne aus den USA und Asien fließt, während das ZenDiS mit niedrigen Millionenbeträgen auskommen muss, wird ein Ungleichgewicht bestehen bleiben. Dies könnte sich jedoch ändern, wenn die deutsche Regierung den Ernst der Lage erkennt und sich andere europäische Länder der Bewegung anschließen.
Wie es weitergehen könnte
Zumindest beim letzten Punkt gibt es erste positive Anzeichen. Mit Italien, Spanien, Österreich, Polen und Dänemark gibt es bereits Kandidaten, die an einer Zusammenarbeit mit dem ZenDiS interessiert sind. Einige erste gemeinsame Maßnahmen wurden eingeleitet.
Die digitale Souveränität in Europa nimmt Fahrt auf – diesen Schwung gilt es nun zu nutzen.
Tillmann Braun
Der Autor
Tillmann Braun ist Fachjournalist mit Schwerpunkt IT und Digitalisierung aus Haiterbach.



