Was unter der Erde unauffällig vor sich hinfließen soll, wird im Klimawandel stärker auch oben zum Thema – und eine Herausforderung nicht nur für kleinere Kommunen, aber insbesondere für sie. Bert Bosseler weiß, wo sie Unterstützung finden.

Kanalnetze gehören zur kommunalen Infrastruktur, die zuverlässig im Verborgenen arbeitet – bis sie es nicht mehr tut. Angesichts wachsender Herausforderungen durch Alterung, Klimakrise und Fachkräftemangel steht die Abwasserentsorgung unter zunehmendem Druck. Kommunale Entscheidungsträger sind gefordert, jetzt die Weichen für zukunftsfeste Systeme zu stellen.
Tendenziell ist von einem hohen Sanierungsbedarf für die Abwassernetze auszugehen – insbesondere in kleineren Kommunen mit begrenztem Fachpersonal. Genaue Zustandsdaten liegen allerdings meist nur dezentral bei den Netzbetreibern vor. Eine Umfrage der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) deutet auf rund 20 Prozent sanierungsbedürftige Kanalhaltungen hin.
Sanierung der Abwassernetze wird oft ausgebremst
Ein zentrales Problem liegt weniger im fehlenden Geld, sondern in der praktischen Umsetzung: Zeitraubende Vergabeprozesse, überlagernde Genehmigungsanforderungen und teils überholte technische Regelwerke erschweren dringend notwendige Erhaltungsmaßnahmen. Wie ein Kollege aus einer großen Stadtentwässerung es formulierte: „Wir kriegen das Geld nicht unter die Erde!“
Starkregen fordert mehr
Die klassischen Entwässerungssysteme sind für häufige Regenereignisse ausgelegt, um hohe Schmutzfrachten einer Reinigung zuzuleiten – und nicht für die Aufnahme von Extremregen. Infolge des Klimawandels treten aber zunehmend Starkregenereignisse auf, bei denen Rückstau, Überflutung und Anlagenversagen drohen. Die grundsätzliche Lösung liegt nicht in größeren Rohren, sondern in einem neuen Verständnis von Entwässerung: Flächen müssen als Rückhalteräume mitgedacht, Anlagen robuster ausgelegt und bei Ausfall schnell wiederherstellbar sein.
Reformen für die Oberfläche
Oberirdische Ableitung und dezentrale Rückhaltung sind essenzielle Ergänzungen zur Kanalisation – rechtlich, finanziell und organisatorisch aber häufig nicht ausreichend geregelt. Ein grundlegendes Problem besteht darin, dass für das sogenannte „Oberflächensystem“, also die Rückhaltung und Ableitung von Oberflächenabfluss außerhalb der klassischen Kanalisation, bislang ein klarer Regelungsrahmen fehlt.
Zuständigkeit und Finanzierung
Für die Sanierung und den Ausbau der Abwasserinfrastruktur stehen bewährte Finanzierungsinstrumente wie Abwassergebühren und Abwasserabgabe zur Verfügung. Für das Management des Oberflächenabflusses – insbesondere bei seltenen, aber folgenschweren Starkregen – gibt es jedoch keine vergleichbar klare Zuständigkeit oder Finanzierungslogik.
Hier böten sich Regelungen in Analogie zur Abwasserbeseitigungspflicht an. Verantwortlichkeiten, Finanzierung und Maßnahmenumfang müssten definiert werden – ähnlich wie dies über das Abwasserbeseitigungskonzept für die Kanalisation bereits etabliert ist. Aktuell herrscht vielerorts allerdings eine Grauzone zwischen kommunalen Abwasserbetrieben, Tiefbauämtern und anderen Beteiligten.
Innovation ermöglichen
Viele rechtliche Vorgaben zur technischen Umsetzung stammen noch aus den 1990er Jahren. So schreiben Eigenkontroll- und Selbstüberwachungsverordnungen starre Kanalinspektionsintervalle von zum Beispiel 15 Jahren vor – unabhängig vom Zustand oder der Lage im Netz. Dabei ermöglichen moderne Sensorik und KI-gestützte Systeme heute wesentlich dynamischere und effizientere Inspektionsstrategien.
Unterstützung für Kommunen
Auch bei der Sanierungspriorisierung fehlt häufig der Blick aufs Risiko: Schadhafte Leitungen mit geringem Ausfallrisiko konkurrieren mit weniger beschädigten, aber kritischen Leitungen in sensiblen Lagen. Rechtliche Öffnungsklauseln für innovative Methoden und eine klarere Risikoorientierung sind überfällig.
Gerade für kleinere und mittlere Kommunen ist es schwer, all diese Herausforderungen im Alleingang zu bewältigen. Hier setzt das Kommunale Netzwerk Abwasser an: Über 200 kommunale Abwasserbetriebe im deutschsprachigen Raum tauschen sich untereinander aus, entwickeln gemeinsam praxisnahe Lösungen und stärken ihre Stimme in Fachgremien und Politik.
Netzwerken hilft beim Abwasser
Die Teilnahme ermöglicht konkrete Unterstützung bei Fragen zur Betriebsführung, Organisation, Fachkräftesicherung und Digitalisierung. Darüber hinaus bietet das Netzwerk Zugang zu Schulungen, Forschungskooperationen und Reallaboren. Wer dabei ist, profitiert vom Wissen vieler – und muss das Rad nicht ständig neu erfinden.
Bereits seit über 20 Jahren verleiht das Institut für Unterirdische Infrastruktur (IKT) den „Goldenen Kanaldeckel“ an engagierte Kanalbetriebe. Die ausgezeichneten Projekte zeigen: Innovation, Wirtschaftlichkeit, Bürgerfreundlichkeit und Nachhaltigkeit lassen sich verbinden. Sie bieten inspirierende Vorbilder – auch für kleinere Kommunen mit begrenzten Mitteln.
Wie die Zukunft gelingen kann
Denn die Abwasserinfrastruktur ist eine Daueraufgabe – und auch eine Chance, um durch vorausschauendes Handeln zukünftige Generationen zu entlasten. Kommunen brauchen dabei klare rechtliche Rahmenbedingungen, praktikable Vergabe- und Förderinstrumente und Räume zum Mitgestalten. Netzwerke wie KomNetAbwasser zeigen, wie gemeinsames Handeln gelingt.
Bert Bosseler
Der Autor
Prof. Dr.-Ing. habil. Bert Bosseler ist Wissenschaftlicher Leiter am IKT – Institut für Unterirdische Infrastruktur gGmbH in Gelsenkirchen. Das IKT organisiert das Kommunale Netzwerk Abwasser (KomNetAbwasser).
Zum Nachlesen
Auf diese Quellen bezieht sich Bert Bosseler in seinem Beitrag:
- Zustand der Kanalisation in Deutschland, DWA-Umfrage (2020)
- Stellungnahme 18/2558 zur Anhörung der Enquetekommission III NRW, IKT (2025)
- Runderlass Hochwasserschutz Abwasseranlagen, NRW (2024)
- Wasserwirtschaftsstudie NRW, IWW–FiW–IKT (2019)
- Pushing the Boundaries of Urban Drainage: AI, Drones, Sensors & Robotics, IKT (2025)



