Smart City in der Praxis: Was Jena auf dem Weg in die Zukunft bereits geschafft hat

73 Modellprojekte Smart Cities werden vom Bund gefördert, eine davon ist Jena: Die Städte sollen praktische Lösungspfade erkunden, um die Smart-City-Entwicklung bundesweit voranzutreiben. Was ist bereits gelungen – und was können sich andere
Kommunen von Jena abschauen? Antworten von Projektleiterin Dorothea Prell.

Smart City Jena
Das Smart City Projekt Jena verbindet Digitalisierung mit Stadtentwicklung, Bildung, Teilhabe und Verwaltung. Ziel ist es, digitale Möglichkeiten dort einzusetzen, wo sie einen konkreten Mehrwert für die Menschen schaffen. Foto: Steffen Walther/Stadt Jena

Unsere Zwischenbilanz fällt sehr positiv aus. Wir sind inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem aus vielen Ideen sichtbare und konkrete Umsetzungsprojekte geworden sind. Besonders wichtig ist für uns, dass wir nicht nur einzelne digitale Anwendungen entwickelt, sondern auch Strukturen geschaffen haben, die langfristig wirken können – etwa mit „WISSENsAllmende“ als kommunaler Dateninfrastruktur, dem JEDI (Jena Digital Innovation Hub) als Ort für digitale Innovation oder dem ProbierLaden als Anlaufstelle für digitale Teilhabe.

Besonders stolz bin ich darauf, dass wir Digitalisierung nicht ausschließlich technisch denken. Wir verbinden Daten, Verwaltung, Stadtentwicklung, Bildung, Teilhabe und gesellschaftliche Innovation miteinander. Gleichzeitig haben wir gelernt, neue Lösungen gemeinsam mit den Menschen zu entwickeln, zu erproben und weiterzuentwickeln.

Was wir in den vergangenen Jahren erreicht haben, ist eine echte Teamleistung. Hinter den einzelnen Projekten stehen viele engagierte Kolleginnen und Kollegen sowie zahlreiche Partner innerhalb und außerhalb der Stadtverwaltung, die ihr Fachwissen, ihre Perspektiven und viel Engagement einbringen. Ohne diese enge Zusammenarbeit wäre vieles von dem, was heute sichtbar geworden ist, nicht möglich gewesen.

Was jetzt in Jena ansteht

Bis zum Ende der Förderung im Jahr 2027 geht es nun vor allem um die Verstetigung. Wir müssen beantworten: Was funktioniert so gut, dass es dauerhaft bestehen soll? Wer übernimmt künftig Verantwortung? Und wie lassen sich Betrieb und Finanzierung langfristig sichern? Für mich ist dieser Schritt mindestens genauso wichtig wie die Entwicklung neuer Projekte.

Schwerpunkte für die Entwicklung

Unser Leitgedanke lautet: „Jena digitalisiert, lernt und teilt. Wir schaffen und nutzen Wissen für eine gerechte, nachhaltige und innovative Stadt.“ Daraus ergeben sich unsere fünf Handlungsfelder: digitale Infrastruktur und Datenpolitik, Stadtentwicklung, Umwelt und Verkehr, Bildung, Kultur und Soziales, Wirtschaft und Wissenschaft sowie Digitale Verwaltung. Dabei verfolgen wir bewusst einen integrierten Ansatz.

Smart City bedeutet für uns zum Beispiel nicht, möglichst viele Sensoren zu installieren oder möglichst viele digitale Anwendungen zu entwickeln. Entscheidend ist vielmehr, digitale Möglichkeiten dort einzusetzen, wo sie konkrete Probleme lösen und die Lebensqualität in der Stadt verbessern können.

Smart City ist viel mehr als Technik

Eine Smart City zu entwickeln, ist vor allem eine Veränderungsaufgabe – und weniger eine rein technische. Denn die Technik selbst ist häufig nicht die größte Herausforderung. Anspruchsvoller ist es, neue Arbeitsweisen, Zuständigkeiten und Denkweisen innerhalb einer Verwaltung zu etablieren.

Eine wesentliche Voraussetzung ist dabei, dass die Verwaltungsspitze von der Idee einer Smart City überzeugt ist und den Prozess mitträgt. Fehlt diese politische Unterstützung, werden sowohl der weitere Projektverlauf als auch notwendige Entscheidungen deutlich schwieriger.

Hinzu kommen knappe personelle und finanzielle Ressourcen. Gerade für kleinere Kommunen ist es eine Herausforderung, zusätzlich zum Tagesgeschäft Innovationen voranzutreiben und anschließend auch deren dauerhaften Betrieb zu finanzieren.

Netzwerk über die Verwaltung hinaus

Sehr geholfen hat uns deshalb ein starkes Netzwerk innerhalb und außerhalb der Verwaltung. Wir arbeiten eng mit Fachbereichen, kommunalen Unternehmen, Wissenschaft, Wirtschaft und Stadtgesellschaft zusammen. Dabei haben wir gelernt, dass nicht jede Lösung selbst entwickelt werden muss. Oft ist es sinnvoller, Wissen zu teilen, auf bereits bestehenden Lösungen aufzubauen und gemeinsam mit anderen Kommunen zu lernen.

Ebenso wichtig ist es, alle Projektpartner und beteiligten Akteure frühzeitig in die Vorhaben einzubinden und eine gute Kommunikationsstruktur zu etablieren. Das schafft Akzeptanz, ermöglicht unterschiedliche Perspektiven und erleichtert die gemeinsame Umsetzung.

Wie kommt das Projekt bei den Bürgern an?

Die Reaktionen auf das Smart City-Projekt sind gemischt. Digitalisierung löst bei Menschen sehr unterschiedliche Reaktionen aus: Neugier und Begeisterung, aber auch Skepsis oder Überforderung.

Gerade deshalb ist es uns wichtig, nicht nur über Digitalisierung zu sprechen, sondern sie konkret erlebbar zu machen. Ein gutes Beispiel dafür ist unser ProbierLaden. Dort können Menschen niedrigschwellig digitale Anwendungen ausprobieren, Fragen stellen oder Unterstützung erhalten. Auf diese Weise erreichen wir auch Menschen, die über klassische digitale Informationsangebote kaum angesprochen werden.

Zudem haben wir die Bevölkerung bereits frühzeitig während der Strategiephase beteiligt und unsere geplanten Maßnahmen gemeinsam diskutiert. Dafür gab es sowohl digitale als auch – ganz bewusst – zahlreiche analoge Formate. Dabei haben wir sowohl die breite Stadtgesellschaft als auch gezielt einzelne Gruppen angesprochen. Die Ergebnisse und Prozesse haben wir zudem auf unserer Website dokumentiert.

Unsere Erfahrung zeigt: Wenn Menschen merken, dass eine digitale Lösung ihren Alltag erleichtert und einen konkreten Mehrwert für sie bringt, sinkt auch die Skepsis. Deshalb lautet für mich die entscheidende Frage nicht: „Wie digital ist unsere Stadt?“, sondern: „Was bringt die Digitalisierung den Menschen?“

Informations- und Gesprächsangebote

Auch während des laufenden Prozesses informieren wir die Bürgerinnen und Bürger Jenas kontinuierlich über den aktuellen Stand. Dazu nutzen wir Newsbeiträge, etablierte Informationsformate wie den „Digitalen Donnerstag“ über unsere Website, Pressemitteilungen, Pressekonferenzen sowie gezielte Einladungen von Presse und Stadtgesellschaft zu Veranstaltungen.

Außerdem sind wir jedes Jahr mit einem eigenen Stand bei dem Jenaer Umwelt- und Familienfest „Dein Tag im Paradies“ vertreten, um direkt mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Unser Anspruch ist, nicht nur das Fachpublikum mitzunehmen, sondern ebenso die Bürgerinnen und Bürger Jenas – und wir erleben, dass dieses Angebot angenommen wird.

Worum es vor allem gehen sollte

Wichtig ist aus unserer Sicht vor allem, dass Technologie und Digitalisierung kein Selbstzweck ist. Eine Smart City ist keine Stadt, in der möglichst viel Technik eingesetzt wird. Sie ist vielmehr eine Stadt, die digitale Möglichkeiten sinnvoll nutzt, um ihre Zukunft aktiv zu gestalten – nachhaltiger, gerechter und lebenswerter.

Dazu gehört auch, dass niemand zurückgelassen wird. Digitale Teilhabe ist inzwischen ein wichtiger Teil gesellschaftlicher Teilhabe. Deshalb müssen wir einerseits digitale Angebote verbessern und andererseits Menschen dazu befähigen, diese Angebote auch tatsächlich nutzen zu können.

Ebenso wichtig ist mir, dass wir als Kommune mutiger werden, Dinge auszuprobieren. Nicht jede Idee wird funktionieren. Aber eine innovative Stadt muss die Möglichkeit haben, neue Wege zu testen, aus Fehlern zu lernen und erfolgreiche Lösungen anschließend in den Alltag zu überführen.

Kontinuierlicher Austausch

Wir teilen unsere Erfahrungen sehr gern – ausdrücklich auch das, was nicht auf Anhieb funktioniert hat. Über unsere Website informieren wir kontinuierlich über das Projekt und stellen dort auch bereits erarbeitete Konzepte zur Verfügung. Zudem nehmen wir an Vernetzungsveranstaltungen des Fördermittelgebers, an Fachmessen sowie an regionalen Vernetzungstreffen teil.

Was andere von Jena lernen können

Eine unserer wichtigsten Erkenntnisse lautet: Verstetigung muss von Anfang an mitgedacht werden. Wer erst kurz vor Ende einer Förderung die Frage stellt, wer eine Lösung künftig betreibt und finanziert, hat es deutlich schwerer.

Zudem ist wichtig, nicht ausschließlich in technische Lösungen zu investieren, sondern ebenso in Menschen und Strukturen. Datenkompetenz, Veränderungsmanagement, Netzwerke und Wissenstransfer sind mindestens genauso wichtig wie die Software selbst. Und: Kooperation ist entscheidend. Kommunen müssen nicht jede Lösung selbst entwickeln. Wir haben in Jena sehr davon profitiert, uns mit anderen Städten, Wissenschaft und Wirtschaft auszutauschen. Smart City bedeutet für mich deshalb immer auch: smart voneinander lernen.

Dorothea Prell


Die Autorin

Dorothea Prell ist Smart City Beauftragte und Gesamtprojektleiterin Smart City Jena.


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