In Wangen im Allgäu wird ein ehemaliges Industriegebäude umgebaut und neu genutzt. Der Clou im Innenbereich: ein neun Meter hoher Baum – die grüne „Seele“ des Hauses. Der Baum gedeiht mit Regenwasser und erhält Licht durch Strom aus PV-Modulen. Wie das alles konzipiert ist, erläutert Fachautor Klaus König.

Der Schwarze Olivenbaum spendet von Natur aus Schatten im tropischen Florida. In Deutschland
überlebt er nur in geschützten Räumen, zum Beispiel im Treppenhaus der Carderie in Wangen/Allgäu. Dieses Gebäude der ehemaligen Textilfabrik Erba wurde von einem privaten Investor erworben und in den Jahren 2020 bis 2024 zu einem ökologischen Vorzeigeprojekt umgebaut. Es hat einen unter Denkmalschutz-Bedingungen minimalen Energiebedarf, bei einem maximalen Grad an Autarkie – durch Geothermie, Photovoltaik und Regenwassernutzung.
An seinen heutigen Standort transportiert und eingepflanzt wurde der stattliche Baum mit neun Metern Höhe und vier Meter Kronendurchmesser Ende 2025, als das Gebäude fertig, die Haustechnik in Betrieb und der von Architekt Martin Seelinger vorgesehene Standort im Treppenhaus mit Belichtung, Belüftung und Bewässerung ausgestattet war.
Von der Nordseeküste ins Alpenvorland
Vor diesem Hintergrund und den damit verbundenen Anschaffungskosten steht die Frage im Raum, ob es denn hierzulande für die Begrünung innerhalb von Gebäuden solch exotischer Gewächse bedarf. „Ja“, ist die klare Antwort von Jens Boymann, einem Experten für Innen- und Außenbegrünung. „Einheimische Laubbäume sind das halbe Jahr kahl, insofern keine Zierde als Innenbegrünung, und sie vertragen ein immer gleiches Raumklima ohnehin nicht.“
Boymanns Aufgabe war, sich um den Kauf des Baumes und dessen Transport von der Nordseeküste bis ins Alpenvorland zu kümmern. Der Preis für beides zusammen: rund 31.000 Euro. Der Experte war mit seinem Team vor Ort, zuständig für das Abladen und Versetzen des Baumes sowie die Installation der automatischen Tropfbewässerung. Das kostete weitere rund 15.000 Euro. Externe Montagearbeiten an der Fassade sowie ein Autokran schlugen mit 6000 Euro zu Buche. Bei früheren Bauprojekten hatte Architekt Martin Seelinger das Team von Boymann bereits in ähnlicher Weise beauftragt.
Was die Belichtung leisten muss
Absolut notwendig ist spezielles Pflanzenlicht, das die Baumkrone von oben her möglichst gut durchdringt. In der Carderie sind sechs Strahler in zwei Stromschienen in der Decke über dem ersten Stock eingebaut. Sie ersetzen das natürliche Tageslicht Floridas.
Selbst im Hochsommer würde in Süddeutschland an der Fensterfront die Transmission der Gläser für eine gesunde Photosynthese bei Weitem nicht ausreichen. Denn ein Tropenbaum braucht ganzjährig und allseitig 1500 Lux mit der richtigen Wellenlänge – und das für zehn bis zwölf Stunden täglich.
Drei weitere Lichtquellen sitzen als Bodeneinbauleuchten im Substrat, nach oben gerichtet. Sie bringen den Baum als Teil des Treppenhauses zur Geltung, setzen die grüne „Seele des Hauses“ so in Szene, dass sie für Passanten von der Straße aus sichtbar ist, und beleuchten die in die räumliche Tiefe des nächsten Geschosses hinaufführenden Stufen. Die gesamte Beleuchtung des Baumes inklusive Montage hat 24.000 Euro gekostet.
Nachhaltiger Gebäudebetrieb
Wegen der Stromkosten für das Pflanzenlicht und die Bewässerungspumpe oder die Gebühren für das Wasser müssen sich weder die Bauherrschaft noch die Mieter Gedanken machen. Seit Fertigstellung glänzt das renovierte ehemalige Fabrikgebäude als Vorzeigeprojekt im Sinne der Ökologie durch seinen Umgang mit Wasser und regenerativer Energie, vor Ort gesammelt beziehungsweise preiswert erzeugt.
Zum Bewässern des Baumes und zum Spülen sämtlicher Toiletten wird Regenwasser genutzt. Der elektrische Strom, auch zur Verteilung des Regenwassers, stammt von den Photovoltaik-Modulen auf dem Dach. Deren Überschuss bringt sogar regelmäßig Erträge.
Zentrale Rolle für das Regenwasser
Aus Sicht des Begrünungsexperten Boymann ist das kalkfreie und fast pH-neutrale Regenwasser ideal für das Substrat und den Dünger, der per Dosierpumpe in größeren Abständen der Bewässerung zugegeben wird. Alle 40 Toiletten im Haus und die automatische Bewässerungsanlage für den Baum sind an ein separates Regenwassernetz angeschlossen.
Auf dem Weg von der rund 1600 Quadratmeter großen Sammelfläche auf dem Dach zum unterirdischen Regenspeicher werden Stoffe, die größer als 0,6 mm sind, in einem unterirdischen Filterschacht zurückgehalten. So gereinigt füllt der auf das Gebäude treffende Niederschlag allmählich den Speicher.
Wasser wird unterirdisch gespeichert
Eine weitergehende Aufbereitung des Regenwassers ist für die hier praktizierte Verwendung nicht erforderlich, erklärt Thorsten Zahn, technischer Verkaufsberater des Herstellers Mall. „Die kühlen und dunklen Behälter unter dem Vorplatz der Carderie bieten optimale Lagerbedingungen.“
Klaus W. König
Der Autor
Dipl.-Ing. Klaus W. König war 20 Jahre als Architekt selbstständig und ist heute Fachjournalist und Buchautor, speziell zur wasserorientierten Stadtplanung und zur energiesparenden Bautechnik. Er ist Gründungsmitglied des Bundesverbandes für Betriebs- und Regenwasser e.V. (fbr).




