Lebensqualität als Standortfaktor: Kommunaler Erfolg braucht mehr als Wirtschaftswachstum

Die ökonomischen Messgrößen Wertschöpfung und Arbeitsplätze sollten um weitere Aspekte ergänzt werden – Professor Andreas Goetsch erläutert, was er Kommunen im Bereich der Wirtschaftsförderung empfiehlt.

Wirtschaftsförderung für Kommunen
Der Appell: Auch Grünanlagen sollten im Kontext Wirtschaftswachstum mitgedacht werden – es gelte, Standort- und Lebensqualität einer Kommune zu verknüpfen. Foto: Adobe Stock/Reda

Die lokale Wirtschaft in vielen deutschen Kommunen steht derzeit vor spürbaren Herausforderungen. Angesichts dieser Situation reagieren Politik und Verwaltung folgerichtig mit etablierten Mitteln der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik: Während Bundes- und Landesregierungen milliardenschwere Hilfs- und Investitionsprogramme aufspannen, um die Konjunktur zu stützen, werden auf kommunaler Ebene verstärkt Gewerbegebiete ausgewiesen und Unternehmen zur Ansiedlung angeworben.

Dies soll kurzfristig Arbeitsplätze erhalten sowie in zukunftsträchtigen Branchen wie erneuerbaren Energien oder IT-Dienstleistungen ein Mehr an Beschäftigung ermöglichen.

Wie will man Wachstum definieren?

Eine hohe Wirtschaftsleistung und Erwerbsquote tragen wesentlich zum Wohlstand einer Gesellschaft bei – allerdings greift der kommunale Fokus auf Wertschöpfung und Arbeitsplätze oft zu kurz: Nicht jede Maßnahme, die rechnerisch das Bruttoinlandsprodukt erhöht oder die Beschäftigung senkt, ist automatisch nachhaltig und krisenfest oder geht mit einer messbaren Verbesserung der Lebensqualität der Menschen einher.

Das BIP summiert lediglich den Wert aller produzierten Waren und Dienstleistungen auf und stößt als Wohlstandsmaß daher an Grenzen. Beispielsweise kann industrielles Wachstum mit erheblichen Umweltkosten und somit Schäden für Mensch und Natur einhergehen: Denn mit der industriellen Leistung wächst nicht nur das BIP, oft nehmen auch der CO2-Ausstoß und die Schadstoffbelastung zu. Schäden dieser Art sind nicht abstrakt, sondern messbar, werden aber nicht im BIP eingepreist.

Ähnliches gilt für die Beschäftigungszahl – sie erfasst Jobs quantitativ, unterscheidet aber nicht deren Qualität: zum Beispiel, ob es sich um gut bezahlte und erfüllende Tätigkeiten handelt oder um prekäre Beschäftigungsverhältnisse ohne persönliche Entwicklungschance. Wenn also einbezogen wird, dass Beschäftigte ihre Jobs aufgrund nicht hinreichend lebenswerter Arbeits- und Lebensbedingungen weniger effizient und nachhaltig ausüben, dann übersetzt sich ein Mehr an tatsächlich vorhandenen Jobs nicht direkt in einen industriellen oder gesellschaftlichen Mehrwert.

Wachstumsförderung in Kommunen

Wie können Kommunen Wachstum fördern, ohne den Mehrwert jenseits von BIP und Beschäftigungsquote zu vernachlässigen? Ein Ansatzpunkt liegt in der Verknüpfung von Standort- und Lebensqualität einer Kommune. Die daraus folgende Stärkung der sozialen Daseinsvorsorge sollte nicht als Konkurrenz zur klassischen Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik verstanden werden, sondern als synergetische Querschnittsaufgabe. In der aktuellen Wirtschaftskrise gewinnen drei Felder besondere Bedeutung: Bildung und Qualifizierung, Lebensqualität und soziale Infrastruktur sowie der Standortfaktor Kultur.

Langfristig legen Bildung und Qualifizierung die Basis für Innovation und Einkommenschancen für Unternehmen sowie Bürgerinnen und Bürger. Volkshochschulen, Berufsschulzentren, Kooperationen mit Hochschulen oder Weiterbildung für Zukunftstechnologien wie KI-Anwendungen sichern Fachkräfte und ziehen neue Betriebe an. Ein gutes Schulangebot zieht Familien und damit Arbeitskräfte an.

Von Mobilität bis zum Ehrenamt

Intakte Grünanlagen, saubere öffentliche Räume und eine verlässliche Mobilitätsinfrastruktur steigern die Zufriedenheit messbar. Investitionen in Radwege, ÖPNV, Sportstätten oder Nachbarschaftszentren fördern Gesundheit und sozialen Zusammenhalt. Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement – ob Feuerwehr, Sportverein oder Flüchtlingshilfe – verdienen gezielte kommunale Unterstützung.

Kommunen, die ihre Bibliotheken, Museen, Musikschulen oder Stadtfeste pflegen, schaffen weiche Faktoren, die Fachkräfte und Unternehmen anziehen, und stehen somit für Wohlstand im umfassenden Sinne. Gerade im strukturschwachen Raum, etwa ehemaligen Industriestandorten im Ruhrgebiet oder in ostdeutschen Kohlerevieren, kann eine solche Neuausrichtung entscheidend sein.

Diese Felder sind kein Luxus, sondern ökonomische Infrastruktur im weiteren Sinne. Sie erzeugen Synergien zwischen Lebensqualität, Fachkräftesicherung und wirtschaftlicher Dynamik.

Weiche Faktoren messbar machen

Wenn Bildung, Umweltqualität und Teilhabe ebenso messbar werden wie Arbeitsplätze und Wertschöpfung, lässt sich kommunaler Wohlstand tiefgehender steuern. Eine zukunftsfähige Wohlstandspolitik erfordert daher Kennzahlen, die ökonomische Stärke und soziale Daseinsvorsorge abbilden:

Lebenszufriedenheit und subjektives Wohlbefinden: Wohlstand zeigt sich nicht allein in Wachstumsraten, sondern auch im Erleben der Bürgerinnen und Bürger. Regelmäßige kommunale Befragungen können erfassen, wie sicher, gesund und zufrieden sich Menschen in ihrem Umfeld fühlen – ob sie Zugang zu Bildung, Mobilität und kulturellem Leben haben. Solche qualitativen Daten ergänzen harte Statistiken und zeigen, wo Handlungsbedarf besteht, etwa bei Luftqualität und ÖPNV.

Umwelt- und Nachhaltigkeitsindikatoren: Ökologische Qualität ist längst ein Standortfaktor. Luftschadstoffwerte, Grünflächenanteil, Gewässerzustand oder der CO2-Fußabdruck pro Einwohner sind konkrete Messgrößen für nachhaltige Entwicklung. Eine Kommune, die gesunde Umweltbedingungen schafft, verbessert nicht nur Lebensqualität, sondern verringert Krankheitskosten und stärkt die lokale Wirtschaftskraft.

Elf Dimensionen von Wohlstand

Soziale Teilhabe und Gerechtigkeit: Gesellschaftliche Kohäsion ist die soziale Infrastruktur jeder Kommune. Kennzahlen wie der Anteil ehrenamtlich Engagierter, Vereinsmitgliedschaften oder Beteiligung an Bürgerinitiativen spiegeln den Grad solidarischer Selbstorganisation wider. Eine Kommune, die Teilhabe fördert und Ungleichheit abbaut, wird in Krisenzeiten resilienter und innovativer handeln können.

Diese Indikatoren sind nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung ökonomischer Messgrößen zu verstehen. Die OECD hat mit dem „Better Life Index“ ein breit angelegtes Raster geschaffen, das elf Dimensionen von Wohlstand umfasst – von Bildung über Umwelt bis zu zivilem Engagement. Kommunen können sich daran orientieren und eigene Zielgrößen formulieren: etwa CO2-Emissionen pro Kopf senken, Zufriedenheit mit dem ÖPNV steigern oder den Anteil von Auszubildenden erhöhen. Solche Ziele erreichen Fortschritt auf Feldern, die Menschen unmittelbar spüren, auch wenn sie nicht in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auftauchen.

Erweiterte Erfolgskriterien

Für die praktische Arbeit von Stadträten und Verwaltungen bedeutet das: Erfolg sollte nicht nur an Wertschöpfung, Steuereinnahmen oder Beschäftigtenzahl gemessen werden, sondern auch an Verbesserungen in diesen Lebensqualitätsindikatoren. Einige Städte gehen bereits diesen Weg und veröffentlichen kommunale Wohlstandsberichte, in denen sie etwa Umweltdaten und Sozialstatistiken zusammenführen. Das schafft Transparenz und Bewusstsein dafür, dass Wohlstand mehrdimensional ist.

Eine Kommune, die trotz der derzeit schwachen Konjunktur ihre Bildungserfolge steigert, ihre Emissionen senkt und ihre Bürger zufriedener macht, hat Grund zur Zuversicht. Denn sie baut an ihrer Zukunftsfähigkeit und tritt gestärkt aus der aktuellen wirtschaftlichen Krise hervor.

Andreas Goetsch


Der Autor

Dr. Andreas Goetsch ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Rechnungswesen an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen.


Zum Weiterlesen

  • Hintergrundinformationen zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland gibt das „Frühjahrsgutachten 2025“ (Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Statistisches Bundesamt).
  • Mehr zu erweiterten Wohlstandsindikatoren liefert die OECD in „Well-being and beyond GDP“.
  • Ebenfalls auf den OECD-Seiten finden sich Hinweise zum „Better Life Index“.

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