Aus den Augen, aus dem Sinn? Genau so sollte es natürlich nicht sein: Die (Abwasser-) Infrastruktur unter der Erde sollte vielmehr im Blick sein. Warum jetzt Handlungsbedarf besteht, ordnen Verbandsexperten ein – und erläutern, warum aus ihrer Sicht Kunststoffrohre für Kommunen strategisch wichtig sind.

Die Abwasserinfrastruktur gehört zu den tragenden Säulen der kommunalen Daseinsvorsorge. Sie funktioniert meist unsichtbar, wird aber umso deutlicher wahrgenommen, wenn sie an ihre Grenzen stößt. In vielen Kommunen ist genau das derzeit der Fall: Alternde Netze, zunehmende Starkregenereignisse, steigende Baukosten und knappe personelle Ressourcen treffen auf hohe Erwartungen an Umwelt-, Klima- und Gebührenstabilität. Vor diesem Hintergrund rückt das Thema Abwasser zu Recht stärker in den Fokus der politischen und administrativen Entscheidungen.
Mit einem Wiederbeschaffungswert von rund 1000 Milliarden Euro ist das öffentliche Abwassernetz vermutlich der wertvollste Teil der kommunalen Infrastruktur. In Deutschland umfasst es etwa 620.000 Kilometer Kanalisation, hinzu kommen rund 1,3 Millionen Kilometer privater Entwässerungsleitungen.
Studien der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) zeigen, dass rund 20 Prozent des öffentlichen Netzes kurz- bis mittelfristig sanierungsbedürftig sind. Gleichzeitig erschweren Verkehrsbelastung, Flächenkonkurrenzen und Akzeptanzfragen klassische Bauweisen zunehmend. Der Handlungsdruck ist also hoch, und er wird weiter steigen.
Was moderne Netze leisten müssen
Für die Unternehmen der Kunststoffrohr-Industrie, aber vor allem für die Kommunen als Betreiber, bedeutet dies: Gefragt sind Lösungen, die technisch zuverlässig, wirtschaftlich tragfähig und nachhaltig sind. Kunststoffrohrsysteme leisten hier seit Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag.
Heute bestehen rund 18 Prozent der öffentlichen Abwasserleitungen aus Kunststoff, Tendenz steigend. Werkstoffe wie PE, PP, PVC-U oder GFK haben sich im Kanalbau bewährt, weil sie zentrale Anforderungen moderner Netze erfüllen.
Ein wesentlicher Vorteil liegt in der hohen Beständigkeit gegenüber Korrosion und aggressiven Medien, insbesondere gegenüber biogener Schwefelsäure. Kostenintensive Schäden, wie sie bei mineralischen Werkstoffen auftreten können, lassen sich so vermeiden. Ebenso entscheidend ist die dauerhafte Dichtheit der Systeme, die nicht nur den Grundwasserschutz verbessert, sondern auch Fremdwassereinträge reduziert – ein wichtiger Faktor für den effizienten Betrieb von Kläranlagen.
Die Vorteile von Kunststoffrohren
Um eine Überlastung der Netze und Kläranlagen durch infiltriertes Grund- und Oberflächenwasser sowie eine Verunreinigung des Grundwassers durch undichte Abwasserleitungen zu vermeiden, setzen kommunale Betriebe wie beispielsweise die Göttinger Entsorgungsbetriebe bereits seit Mitte der 1990er Jahre ausschließlich auf Kunststoffrohrsysteme. So konnte etwa ein schadhafter Betonkanal mit Eiprofil in offener Bauweise mit verschweißten Kunststoffrohren erneuert werden.
Hinzu kommen bauliche und logistische Aspekte, die im kommunalen Alltag zunehmend an Bedeutung gewinnen. Weil Kunststoffrohre vergleichsweise leicht sind und in größeren Längen angeliefert werden, ermöglichen sie eine schnellere Verlegung. Das verkürzt Bauzeiten und reduziert Verkehrsbeeinträchtigungen.
Gerade in dicht bebauten oder hoch frequentierten Bereichen ist dies ein wichtiger Aspekt. Mehr und mehr geht es bei Infrastrukturvorhaben auch um die Akzeptanz der Baumaßnahmen selbst. Hier stehen Kommunen oft vor der Herausforderung, mit hoher Transparenz und intensiver Kommunikation auf die Bürgerinnen und Bürger zuzugehen.
Herausforderung Autobahnbrücke
Bei der Brückenentwässerung sind Kunststoffrohrsysteme heute ebenfalls wichtig. So wurden beispielsweise im Rahmen der Generalsanierung des Talübergangs Obernberg der österreichischen Brennerautobahn A13 die bestehenden Gussleitungen auf einer Länge von 500 Metern durch moderne Kunststoffrohrsysteme ersetzt, um die Leistungsfähigkeit des Entwässerungssystems auch bei Starkregenereignissen sicherzustellen. Die besondere Herausforderung dabei war, dass die Arbeiten unter Aufrechterhaltung des Verkehrs durchgeführt werden mussten.
Besonders stark an Bedeutung gewonnen haben grabenlose Sanierungsverfahren. Sie erlauben es, bestehende Kanäle mit minimalen Eingriffen zu erneuern oder zu verstärken. Für die Sanierung alter Kanalrohre bis zu DN 500 hat sich unter anderem das Close-Fit-Verfahren mit vorverformten Rohren aus PE etabliert.
Die vorverformten Kunststoffrohre werden in die defekte Leitung eingezogen und durch Erwärmung sowie mechanische Rückverformung an die Innenwand des Altrohres angelegt. So entsteht ein nahezu spaltfreier Verbund zwischen Alt- und Neurohr mit minimalen Querschnittsverlusten. Die hydraulische Leistungsfähigkeit des Kanals bleibt erhalten. In Clausthal-Zellerfeld konnte so beispielsweise eine Abwasserleitung auf einer Länge von 215 Metern mit diesem Verfahren zukunftssicher saniert werden.
Grabenlose Verfahren
Richtig geplant und ausgeführt erreichen grabenlos sanierte Leitungen die gleiche Lebensdauer wie Neubauten. Für Kommunen bedeutet das: geringere Baukosten, weniger Konflikte im öffentlichen Raum und ein schnellerer Abbau des Sanierungsstaus. Damit diese Verfahren zum Tragen kommen, braucht es das Wissen darüber und oft auch so etwas wie einen Mindchange. Beides hängt miteinander zusammen.
Ein Projektbeispiel des Abwasserverbands Fulda ist beispielhaft für die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten von Kunststoffrohrsystemen. Ein 50 Jahre altes, undichtes und nicht mehr standsicheres Regenrückhaltebecken aus Stahlbeton wurde dort durch einen 355 Meter langen Stauraumkanal aus GFK-Rohren ersetzt. Dies zeigt, dass durch den Einsatz moderner Materialien nachhaltige und wirtschaftliche Infrastrukturlösungen entstehen können.
Neben Wirtschaftlichkeit und Betriebssicherheit rückt auch die Nachhaltigkeit stärker in den Fokus kommunaler Entscheidungen. Kunststoffrohrsysteme zählen zu den langlebigsten Investitionsgütern der Infrastruktur. Nutzungsdauern von 100 Jahren und mehr sind keine Ausnahme.
Lange Nutzungsdauer und günstige CO2-Bilanz
Über ihren gesamten Lebenszyklus betrachtet weisen Kunststoffrohrsysteme eine günstige Energie- und CO2-Bilanz auf. Dies wird durch verifizierte Umweltproduktdeklarationen (EPDs) und Lebenszyklusanalysen transparent belegt.
Für Kommunen, die ihre Klimaziele erreichen und gleichzeitig Kosten im Blick behalten müssen, werden solche belastbaren Daten mehr und mehr zu einer wichtigen Entscheidungsgrundlage. Vor allem im skandinavischen Ausland, aber mehr und mehr auch in Deutschland wird der Carbon Footprint zu einem Vergabekriterium. In diese Richtung weisen auch Überlegungen der Gesetzgeber in Brüssel und Berlin.
In der Kreislaufwirtschaft schreiten Entwicklungen voran: Für viele Anwendungen können Kunststoffrohre heute zu hohen Anteilen aus Rezyklaten hergestellt werden. Am Ende ihrer langen Nutzungsdauer lassen sich Rohre aus PE, PP und PVC-U mechanisch recyceln und erneut einsetzen. Auch bei GFK-Rohren gibt es verschiedene Ansätze und Bemühungen zur Wiederverwertung. Kunststoffrohre mit Recycling-Anteil leisten einen Beitrag zur Ressourcenschonung und zur Reduzierung von Primärrohstoffen. Die Branche trägt mit einem Rücknahme- und Recyclingsystem zu diesen Bemühungen bei.
Wie Kommunen besser werden können
Was bedeutet all das für kommunale Entscheiderinnen und Entscheider? Aus Verbandssicht sind drei Punkte zentral: Erstens braucht es verlässliche und langfristige Investitionsstrategien, um Netze kontinuierlich zu modernisieren, statt Schäden nur zu verwalten. Zweitens sollten Ausschreibungen technologieoffen und lebenszyklusorientiert erfolgen, um wirtschaftlich und nachhaltig sinnvolle Lösungen zu ermöglichen. Drittens ist es wichtig, grabenlose Verfahren und innovative Materialien systematisch in die kommunale Infrastrukturplanung einzubeziehen.
Zahlreiche Praxisprojekte zeigen, dass Kommunen, die diesen Weg gehen, ihre Abwassernetze resilienter, klimafester und wirtschaftlicher aufstellen können. Kunststoffrohrsysteme sind dabei kein Selbstzweck, sondern ein bewährtes Werkzeug, um die wachsenden Anforderungen an die kommunale Abwasserinfrastruktur verantwortungsvoll zu erfüllen.
Johannes Lis, Andreas Redmann
Die Autoren
Dr. Johannes Lis ist Geschäftsführer beim Kunststoffrohrverband (KRV). Andreas Redmann ist Projektmanager beim KRV.



