Die Trinkwasserversorgung in Deutschland ist verlässlich, effizient und technisch ausgereift, so lautet das aktuelle Zwischenfazit aus dem Rohrleitungsbauverband. Das Erfolgsmodell gerät jedoch zunehmend unter Druck – Martina Buschmann erläutert aus Verbandssicht, weshalb Kommunen jetzt umdenken sollten.

Klimawandel, steigende Sicherheitsanforderungen, alterndes Leitungsnetz: Die Trinkwasserversorgung stellt Kommunen und Versorgungsunternehmen vor Aufgaben, die sich in dieser Dimension seit Jahrzehnten nicht mehr gezeigt haben. Die Frage ist nicht, ob die Infrastruktur erneuert und angepasst werden muss, sondern wie schnell und mit welcher Strategie dies geschehen sollte.
Die heutige Leistungsfähigkeit der Trinkwasserversorgung basiert auf historischen Investitionsschüben. Ein Großteil der Leitungen stammt aus den 1950er- sowie 1960er-Jahren und wurde seitdem nicht mehr grundlegend erneuert. Hinzu kommt: Die Netze wurden in einer Zeit geplant, in der man von einem dauerhaft steigenden Wasserverbrauch ausging. Tatsächlich liegt heute der Verbrauch pro Kopf bei 126 Litern pro Tag und ist damit rund 18 Prozent niedriger als 1990.
Die Dimensionierung vieler Leitungen entspricht somit Nutzungsbedingungen, die längst nicht mehr existieren. Niedrigere Durchflüsse führen jedoch zu längeren Verweilzeiten und bergen hygienische Risiken. Kommunen in schrumpfenden Regionen stehen daher vor der Aufgabe, Netze intelligent anzupassen oder teilweise zu verkleinern.
Nachhaltige Strategien sind gefragt
Auch wenn die Wasserverluste in Deutschland mit rund sechs Prozent vergleichsweise niedrig sind, sind die Leitungsnetze nicht perfekt. Eine strukturiert geplante Erneuerung wird dadurch erschwert, dass viele Abschnitte in der Vergangenheit ohne Dokumentation verlegt wurden. Oft ist schlicht unbekannt, in welchem Zustand sich die Leitungen tatsächlich befinden. Mit dem Deutschen Verein des Gas- und Wasserfachs sowie weiteren Partnerorganisationen mahnt der Rohrleitungsbauverband daher seit Jahrzehnten eine Verstetigung der Investitionen sowie die Entwicklung nachhaltiger Instandhaltungsstrategien an.
Je deutlicher sich die Folgen des Klimawandels auf die Trinkwasserversorgung auswirken, desto wichtiger wird ein ganzheitliches Modernisierungskonzept. Projektionen zeigen eine zunehmend differenzierte Wasserverfügbarkeit. Während die west- und süddeutschen Mittelgebirgsräume tendenziell weiterhin ausreichend Wasser haben werden, werden die nord- und ostdeutschen Regionen in Trockenperioden an ihre Grenzen stoßen.
Die Infrastruktur neu denken
Das bedeutet einen Paradigmenwechsel für die Leitungsinfrastruktur: Wasser muss künftig über größere Distanzen durch Fernleitungen dorthin transportiert werden, wo es knapp wird. Zugleich zwingt der Klimawandel mit immer regelmäßiger auftretenden Extremwetterereignissen zu baulichen Schutzmaßnahmen und zusätzlichen Reparaturzyklen. Dadurch entstehen Kosten, die in vielen Finanzplanungen bislang kaum berücksichtigt sind.
Der Schutz der Wasserinfrastruktur wird zudem nicht mehr nur aus technischer, sondern zunehmend auch aus sicherheitspolitischer Sicht betrachtet. Mit der NIS-2-Richtlinie (EU) 2022/2555 zur Cybersicherheit und der CER-Richtlinie (EU) 2022/2557 zur Resilienz kritischer Einrichtungen steigen die Anforderungen an die IT-Sicherheit, die physische Sicherung und die organisatorische Resilienz erheblich. Künftig müssen Wasserversorger nachweisen, dass sie Risiken systematisch bewerten, ihnen vorbeugen und sie melden können.
Die Herausforderungen sind groß, ebenso die Kosten: Eine aktuelle Studie im Auftrag des VKU zeigt, dass die kommunale Wasserwirtschaft in Deutschland in den kommenden 20 Jahren etwa 800 Milliarden Euro investieren muss. Davon entfallen 280 Milliarden Euro (35 Prozent) auf die Trinkwasserversorgung.
Was jetzt ansteht
Vor diesem Hintergrund müssen die Kommunen und die Versorgungsunternehmen den infrastrukturellen Wandel nicht nur ermöglichen, sondern ihn auch aktiv moderieren. Dazu gehören eine realistische Einschätzung der lokalen Netzsituation, die Fähigkeit, langfristige Investitionsentscheidungen zu treffen, sowie eine klare Priorisierung der verfügbaren Mittel.
Vor allem aber braucht es den Mut, die Wasserinfrastruktur als strategisches Zukunftsthema und als Grundvoraussetzung für kommunale Entwicklung, Standortattraktivität und Versorgungssicherheit zu betrachten.
Neubau- und Sanierungsprojekte
Der Leitungsbau steht seinen kommunalen Partnern bei allen Vorhaben fest zur Seite. Die Unternehmen verfügen über das technische Know-how, die personellen Kapazitäten sowie jahrzehntelange Erfahrung, um komplexe Neubau- und Sanierungsprojekte erfolgreich umzusetzen. Ihre Leistungsfähigkeit ist entscheidend dafür, dass die notwendigen Investitionen tatsächlich in eine funktionierende Infrastruktur umgesetzt werden können.
Dazu gehören auch die zuverlässigen Bereitschaftsdienste vieler Leitungsbauunternehmen. Ihre Teams rücken Tag und Nacht bei Rohrbrüchen aus, beheben Frostschäden oder sichern nach Starkregen gefährdete Trassen ab. Ohne die vertrauensvolle Zusammenarbeit von Auftraggebern und Auftragnehmern in diesem Bereich wäre die Versorgungssicherheit im Schadensfall vielerorts schnell gefährdet.
Martina Buschmann
Die Autorin
Dipl.-Ing. Martina Buschmann ist Hauptgeschäftsführerin des Rohrleitungsbauverbands e.V. (rbv).



