Serielle Sanierung: Wie die Stadt Kiel Denkmal- und Klimaschutz verbindet

Für die Renovierung einer Reihenhaussiedlung aus den 1930er Jahren wurde die  Stadt Kiel als „Klimaaktive Kommune“ ausgezeichnet. Wie das Projekt Denkmal- und Klimaschutz vereint und was sich andere Städte abschauen können, schlüsselt Klimaschutzkoordinator Jens-Peter Koopmann auf.

Denkmal- und Klimaschutz in Kiel
Die Reihenhaussiedlung aus dem Jahr 1938 wurde in 25 Tagen gedämmt – Wärmeverluste reduzierten sich um 75 Prozent. Foto: LH Kiel/Jens-Peter Koopmann

Zum zweiten Mal in Folge zählt die Landeshauptstadt Kiel zu den Preisträgern des Wettbewerbs „Klimaaktive Kommune“. Sie überzeugte im  Wettbewerb des Deutschen Institut für Urbanistik mit Förderung des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative. Kooperationspartner der Initiative sind der Deutsche Städtetag, der Deutsche Landkreistag sowie der Deutsche Städte- und Gemeindebund.

Bereits 2024 wurde Kiel für den klimaneutralen Neubau der Feuerwache Nord ausgezeichnet. Ein Jahr später überzeugte die Stadt mit einem Sanierungsprojekt im Bestand: der seriellen energetischen Modernisierung von knapp 100 denkmalgeschützten Reihenhäusern aus dem Jahr 1938 in der Rendsburger Landstraße. Die Jury hob das Vorhaben als gelungenes Beispiel hervor, wie sich Klimaschutz, Denkmalschutz sowie soziale Belange integrativ und praxisnah miteinander verbinden lassen.

Kieler Leuchtturmprojekt

Die von der Kieler Wohnungsgesellschaft (KiWoG) verwaltete Siedlung wies vor der Sanierung einen sehr hohen Heizenergiebedarf von rund 200 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr auf. Aufgrund denkmalrechtlicher Vorgaben kam eine Außendämmung der Fassaden nicht in Betracht. Die energetische Optimierung musste daher konsequent aus der vorhandenen Bausubstanz heraus entwickelt werden. In Norddeutschland ist die zweischalige Mauerwerksbauweise weit verbreitet; häufig verfügen diese Konstruktionen über eine ungedämmte Luftschicht. Diese Hohlschichten eignen sich in besonderem Maße für eine nachträgliche Kerndämmung im Einblasverfahren.

In Zusammenarbeit mit dem Fachverband Einblasdämmung wurde bestätigt, dass diese Methode sowohl denkmalverträglich als auch bautechnisch sinnvoll ist und bundesweit zu den kosteneffizientesten Sanierungsmaßnahmen zählt. Sie findet insbesondere bei Reihen- und Mehrfamilienhäusern Anwendung sowie bei typischen energetischen Schwachstellen wie ungedämmten Außenwänden oder obersten Geschossdecken.

Die Kerndämmung der Gebäude in der Rendsburger Landstraße wurde im Oktober 2023 umgesetzt. Innerhalb von 25 Tagen erfolgte die serielle Dämmung sämtlicher Häuser, bei denen der Dämmstoff über kleine Bohröffnungen in die etwa acht Zentimeter breite Luftschicht eingeblasen wurde. Die Arbeiten konnten ohne Einschränkungen für die Bewohner durchgeführt werden.

Stark reduzierte Wärmeverluste

Der energetische Effekt stellte sich unmittelbar ein: Die Wärmeverluste über die Außenwände reduzierten sich um rund 75 Prozent. Gleichzeitig stieg die innere Oberflächentemperatur der Wände bei winterlichen Bedingungen von zuvor etwa 12 auf rund 18 Grad Celsius. Dies führte zu einer spürbaren Verbesserung des Raumklimas und zu einer deutlichen Reduzierung des Schimmelrisikos.

Insgesamt resultierte aus der Maßnahme eine Heizkostenersparnis von etwa 20 Prozent. Die Kosten von rund 900 Euro pro Haus wurden vollständig von der KiWoG getragen. Das kommunale Wohnungsunternehmen entschied sich bewusst gegen eine Umlage der Modernisierungskosten auf die Miete. Stattdessen profitieren die Mieter der rund 60 Quadratmeter großen Wohnungen unmittelbar von einer Heizkosteneinsparung in Höhe von derzeit etwa 250 Euro im Jahr.

Minimalinvasive Herangehensweise

Eine zentrale Herausforderung des Projekts bestand in der Vereinbarkeit von Denkmalschutz und energetischer Modernisierung. Gelöst wurde sie durch eine technisch präzise und minimalinvasive Herangehensweise, die das historische Erscheinungsbild der Fassaden vollständig bewahrte und zugleich erhebliche Effizienzgewinne ermöglichte.

Mit der Auszeichnung ist ein Preisgeld von 40.000 Euro verbunden, das dem städtischen Klimaschutzfonds zufließt und dort weitere Kerndämmmaßnahmen an Mietwohngebäuden unterstützen soll. Fachlich wird die Auszeichnung als deutliches Signal gewertet, dass serielle, niedrigschwellige Sanierungsverfahren wie die Einblasdämmung eine Schlüsselrolle für die Wärmewende im Gebäudebestand einnehmen können.

Was sich von Kiel lernen lässt

Für andere Kommunen lassen sich aus dem Kieler Beispiel mehrere übertragbare Erkenntnisse ableiten. Eine sorgfältige bauphysikalische und konstruktive Analyse des Bestands bildet die Grundlage, da energetische Potenziale – wie ungedämmte Hohlschichten – häufig nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Serielle Sanierungsverfahren vereinfachen zudem Planung und Ausführung und ermöglichen eine verlässliche Kosten- und Terminstruktur.

Die Zusammenarbeit mit spezialisierten Fachverbänden, etwa dem Fachverband Einblasdämmung, trägt zur technischen Absicherung von Entscheidungen bei und erhöht die Planungssicherheit. Nicht zuletzt ist eine sozialverträgliche Ausgestaltung der Maßnahmen ein wesentlicher Faktor für Akzeptanz und nachhaltige Wirksamkeit.

Die Kieler Sanierung zeigt exemplarisch, wie mit vergleichsweise geringem baulichem Aufwand erhebliche energetische Verbesserungen erzielt werden können – und wie technische, denkmalpflegerische und soziale Anforderungen erfolgreich in Einklang zu bringen sind.

Jens-Peter Koopmann


Der Autor

Jens-Peter Koopmann ist Klimaschutzkoordinator im Umweltschutzamt der Stadt Kiel.


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