Beschleunigter Schulbau, hohe Standards: Praxisbeispiele zeigen, wie sich die Qualität sicherstellen lässt

Kommunen sollten Einfluss auf die Raumplanung nehmen und sich für eine gute Lernumgebung
engagieren – so der Appell der Schul(bau)experten. Wo können Kommunen ansetzen? Was hat sich
bereits bewährt? Anregungen aus der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung.

Schulbau
Schreiben, malen und dazu Vitamine: Manches bleibt – dazu kommt der Appell, Räume neu zu denken, wenn Kinder sich demnächst den ganzen Tag in der Schule aufhalten. Foto: Adobe Stock/Anna

Container auf dem Schulhof, überfüllte Klassenzimmer, marode Bestandsbauten – die Realität an vielen Schulen ist ernüchternd. Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2026 steigt der Druck zusätzlich. Die Versuchung ist groß, mit Schnellschüssen zu reagieren. Doch gerade jetzt kommt es darauf an, nicht nur Räume zu schaffen, sondern Lernorte für eine zukunftsgerichtete Bildung zu gestalten. Eine Lernumgebung, in der sich Kinder und Jugendliche wohlfühlen, ist auch ein Ausdruck von Wertschätzung für ihre Rolle in unserer Gesellschaft.

Warum Raumqualität kein Luxus ist

Kinder werden künftig acht Stunden oder sogar noch mehr in Schulgebäuden verbringen, die oft nur für Frontalunterricht konzipiert wurden. Pädagogische Konzepte verändern sich bereits seit vielen Jahren weiter: hin zur Förderung individuellen Lernens, Inklusion und Digitalisierung sowie zu mehr Beteiligung der Schulgemeinschaft. Diese Bildungskonzepte müssen in gute Raumkonzepte übersetzt und innovative Raumkonzepte mit entsprechenden pädagogischen Konzepten belebt werden.

Durchdachte Lernumgebungen führen zu weniger Konflikten, besserer Lernatmosphäre und zufriedeneren Teams. Umgekehrt verschärfen beengte, unflexible Räume die Herausforderungen von Inklusion und Ganztag.

Kommunen in ihrer Rolle als Schulträger sind in erster Linie verantwortlich, Schulplätze – ab 2026 auch Ganztagsplätze – und damit einhergehende Infrastrukturen zu sichern. Das bedeutet: Mensen schaffen, Räume für Nachmittagsangebote finden, Ausstattung beschaffen. Aber woher den Platz nehmen? Wer kann Umbauten und Neubauten finanzieren und planen? Welche Bedarfe haben die Schulen vor Ort überhaupt? – um nur einige Herausforderungen zu nennen.

Die „phase Null“ nutzen

Dennoch haben Kommunalverwaltungen mehr Einfluss und Gestaltungspielraum, als von vielen angenommen wird. Sie können zum Beispiel viel bewirken, wenn sie die Zeit ganz am Anfang nutzen: In der „Phase Null“, einer Beteiligungsphase vor der eigentlichen (Um-) Bauphase, können pädagogische und Raumkonzepte aufeinander abgestimmt entwickelt werden. Die gesamte Schulgemeinschaft, relevante Verwaltungen – zum Beispiel das Schul- und das Bauamt – sowie Architektinnen und Architekten entwickeln gemeinsam Lösungen. Insbesondere die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen stärkt Identifikation und Lernmotivation.

Die aus der „Phase Null“ entstehenden Bedarfe an das Schulgebäude und die Ausstattung können direkt vom Schulträger erfasst, geprüft und im Idealfall umgesetzt werden. Die gemeinsame Entwicklung erhöht das Verständnis für die unterschiedlichen Ansprüche an ein Schulgebäude und mindert Nachsteuerungen.

Taskforce Schulbau

Ein weiterer Ansatzpunkt für Kommunen, Einfluss zu nehmen, lässt sich unter dem Stichwort „koordinieren und gemeinsam planen“ fassen: Eine Taskforce Schulbau kann als koordinierende Stelle alle für Schulbau oder Sanierungsprojekte relevanten Ressorts zusammenbringen.

Regelmäßige Jours fixes schaffen Transparenz bezüglich Problemen und Planungsschritten. Aus verschiedenen Perspektiven entsteht ein gemeinsames Problembewusstsein – und der Weg zu gemeinsamen Lösungen.

Vorhandene Raumpotenziale nutzen

Eine dritte Möglichkeit für Kommunen, Spielräume zu nutzen, liegt in der Nutzung vorhandener Raumpotenziale: Während Platz für Neubauten fehlt, stehen Bürogebäude oder Ladengeschäfte leer, und Klassenräume sind nachmittags ungenutzt.

Kommunen können eigene Immobilien ressortübergreifend prüfen, Rahmenbedingungen für Mehrfachnutzung schaffen und Kooperationen anstoßen. Mobile Möblierung macht Klassenräume ganztägig nutzbar. So können Platzprobleme entschärft und Räume effizienter genutzt werden.

Pragmatische Wege zur Qualität

Gute Beispiele gibt es bereits, von denen man sich anregen lassen kann:

  • Bestand intelligent nutzen: Der Frankfurter Bildungscampus Gallus zeigt, wie es geht – Räume sind so gestaltet, dass verschiedene Einrichtungen und Zielgruppen sie gemeinsam nutzen können. Ein zentrales Campusmanagement koordiniert Raumbuchung und Angebote – Synergien entstehen, Flächen werden effizient genutzt.
  • Umnutzung vor Abriss: Hamburg verwandelte ein Einkaufszentrum in eine Schule, Frankfurt ein Bürogebäude in ein Gymnasium. Solche Lösungen brauchen Koordination und kosten Geld – sind aber oft schneller als Neubauten und nachhaltiger.
  • Mobilbauten neu denken: Hannover zeigt, wie auch Provisorien hochwertig sein können: Holzmodulbauweise statt Blech, durchdachte Akustik, flexible Raumaufteilung. Die Mehrkosten amortisieren sich durch längere Nutzungsdauer und höhere Zufriedenheit.
  • Qualität sichern und Standards entwickeln: Aus ersten Erfahrungen – etwa einer gelungenen Beteiligung oder Mehrfachnutzung – lassen sich Standards für Folgeprozesse ableiten. Wo lohnt sich Zeitinvestition (Phase Null)? Wo können Prozesse beschleunigt werden? Das erleichtert die künftige Arbeit und sichert Qualität.

Der Druck ist enorm, die Ressourcen sind begrenzt. Doch damit müssen Schulträger nicht allein fertig werden. Es gibt viele Kommunen in Deutschland, in denen bereits erste gute Praxiserfahrungen gemacht wurden. Wichtig ist: von anderen lernen, sich austauschen, vorhandenes Wissen erschließen. Und: die aktuellen Förderungen über die Bund-Länderprogramme nutzen, um gute und nachhaltige Bildungsinfrastruktur zu schaffen.

Thies Schulz-Holland


Der Autor

Thies Schulz-Holland ist Referent Kommunikation bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung GmbH. Den Beitrag hat er gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus der Fachstelle Bildung/Entwicklung/Raum/Integration/Demokratie (FaBERID) der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung verfasst.


Zum Weiterlesen

  • Mehr zur „Phase Null“ von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft.
  • Wie kann sich (Bildungs-) Verwaltung neu aufstellen? Hinweise im Themendossier „Gestärkt in die Zukunft“.
  • Wie Frankfurt am Main Schule macht, zeigt „Der Bildungscampus Gallus“.
  • Vom Kaufhaus zur Schule – ein Beispiel aus Hamburg.
  • Die Bundesregierung will das Investitionsprogramm „Ganztagsausbau“ um zwei Jahre verlängern.
  • Das Startchancen-Programm des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt unterstützt Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler.

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