Im nächsten Jahr wird der Rechtsanspruch auf Ganztagsversorgung in Grundschulen wirksam – viele Einrichtungen sind aber noch nicht auf die neuen Herausforderungen angepasst, sagen Jörg Ramseger und Michael Kirch. Die Schulbauexperten schlüsseln auf, worauf es aus ihrer Sicht ankommen sollte.

Schule hat sich in vielerlei Hinsicht verändert – was ist dabei für Sie entscheidend?
Jörg Ramseger: In den vergangenen Jahren ist besonders die Grundschule durch die Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur zu einem multikulturellen und multilingualen Bildungsraum geworden. Dazu kommt, dass Aufwachsen heute in einer digitalen Welt stattfindet. Und ebenfalls sehr wichtig: Früher haben Kinder in der Schule ihre Freunde gefunden, dort bis mittags gelebt und gelernt, nachmittags waren sie frei. Heute verbringen sie den größten Teil des Tages in Institutionen. Eine große Herausforderung ist, Kinder zur Freiheit zu erziehen, während sie den ganzen Tag beaufsichtigt werden. Deshalb muss Schule Freiräume ermöglichen, in denen Kinder eigene Entscheidungen treffen und mitwirken können. Eine Ganztagsschule, die Kinder komplett verplant, ist kein guter Lebensort.
Wie sollten sich die Lernräume verändern?
Michael Kirch: Grundsätzlich muss es darum gehen, wie Bildung gestaltet wird – davon ausgehend, dass Schulen mit einem Zeithorizont von mindestens 50 bis 70 Jahren gebaut werden. Auch wenn wir die Zukunft nicht kennen, ist klar, dass die bisher gebauten Räume den Anforderungen der Zukunft nicht gerecht werden. Schulen können die vor ihnen stehenden Aufgaben nur bewältigen, wenn sie sich der Welt öffnen und wenn die Welt den Schulen Platz macht. Zum Beispiel: wenn Schule etwa durch eine Stadtteilbibliothek in das Quartier integriert wird. Schule muss durch den Gedanken der Vernetzung als Ort des Lebens größer gedacht werden. Das Ziel müsste sein: Die Schule endet, und keiner will nach Hause.
Wie lässt sich das umsetzen?
Ramseger: Im Osten mit der Ganztagstradition ist es etwas anders – in der klassischen westdeutschen Halbtagsschule sind die Raumstrukturen aber zu eng. Es sind Lehr-, keine Wohlfühl- und Lebensräume. Schulträger müssen aber Räume für den ganztägigen Aufenthalt kleiner Kinder gestalten und ausstatten. Das wird schwierig, denn es fehlt an Spielzimmern, Rückzugs- und Ruheräumen, in denen die Kinder sich ausruhen und ablenken können. Dazu kommt die Banalität der Architektur, die auf die Beziehungen und Inhalte abfärbt.
Was brauchen Kinder – worauf sollte es ankommen?
Ramseger: Kinder brauchen Ruhezonen und Rückzugsräume, wo sie mit Freunden vertrauliche Gespräche führen können. Sie brauchen Bewegungsflächen, Gärten und grüne Schulhöfe.
Kirch: Die große Herausforderung liegt darin, Schule als Lebensraum neu zu denken. Die meisten Schulplaner in den Kommunen sind guten Willens, doch sie sind in Muster-Raum-Programmen gefangen, in denen Ganztagsschulen nicht vorgesehen sind. Wesentlich ist, die Sicht der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Die Bedürfnisse der lernenden Kinder sollten sich Kommunen vor Augen halten, um ihnen eine bestmögliche Bildung zu ermöglichen. Das geht weit über das hinaus, was Schule bisher ist.
Was fehlt vor allem – und kann das Schulbau überhaupt leisten?
Ramseger: Es braucht großzügige Flächen. Man muss die Klassenzimmer entrümpeln, raus mit der Hälfte der schweren Zweiertische, stattdessen können die Kinder an breiteren Fensterbänken arbeiten. Ein erster Schritt, der in jeder Schule möglich ist: im Klassenzimmer neue Lernzonen einrichten. Um mehr Vielfalt und Platz in den Klassenzimmern zu bekommen, können in zu kleinen Bestandsbauten Wände eingerissen und die Flure einbezogen werden – die Stadt Hamburg setzt das zum Beispiel sehr gut um. Klar ist: Bei der Umwandlung von einer Halb- zur Ganztagsschule muss immer um- und zugebaut werden. Dabei ist nicht die Mensa das Wichtigste, sondern das, was Kinder darüber hinaus brauchen.
Sie wollen auch die Raumnutzung neu denken – wie soll das aussehen?
Ramseger: Die meiste Zeit stehen Räume in deutschen Schulgebäuden leer. Die Klassenzimmer werden nur vormittags genutzt, der Hort nur nachmittags. Verschränkt man Hort und Schule miteinander zu einer echten Ganztagsschule, in der alle Räume stets geöffnet sind, verteilen sich die Kinder auf eine viel größere Fläche. Das ermöglicht mehr Bewegungsfreiheit. Ein Mensaanbau allein reicht also nicht. Man muss die Räume neu denken wollen. Das ist ein Schulentwicklungsprozess, nie nur ein Bauprozess.
Kirch: Eine einfache, kostengünstige Lösung ist die Draußenschule – hier können wir von den Dänen viel lernen. Wer heute Schule, Raum und Pädagogik verändern will, sollte den Außenraum um die Schulgebäude mitdenken und so die Innenräume entlasten. Dazu kommen die Gestaltung der Schulhöfe und die Nutzung des Quartiers.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Betreuung. Worauf sollte man vor allem Wert legen?
Ramseger: Laut Gesetz geht es nicht um eine ganztägige Betreuung, sondern um eine ganztägige Förderung der Kinder – das bedeutet einen Anspruch auf Bildung. Dafür braucht es den ganzen Tag intellektuell anspruchsvolle Angebote. Ein Problem ist, dass die multiprofessionellen Teams – bestehend aus Lehrkräften und Sozialpädagogen – nicht mit-, sondern nach- und nebeneinander arbeiten. Dadurch zerfällt der Tag in den Unterricht am Vormittag und den beliebigen Nachmittag mit der Betreuung und Bespaßung der Kinder. Die große Herausforderung liegt darin, aus Hort und Schule eine ganztägige bildende Einrichtung zu entwickeln, in der die Kinder auch freie Zeit für sich haben.
Was erhoffen Sie sich von kommunalen Akteuren?
Kirch: Kommunen müssen sich der Tragweite ihrer Entscheidungen bewusst werden. Sie sollten sich im Vorfeld intensiv Gedanken machen, welche Rolle Schule in ihrer Gemeinschaft spielen soll, wie Schule unterstützt werden kann. Zeit in Überlegungen für ein ganzheitliches Konzept mit der Schule als Bildungszentrum zu investieren, ist sehr wichtig.
Wie kann man hier weiterkommen?
Kirch: Es gibt bereits Schulen, die verschiedene Aspekte in beeindruckender Weise umsetzen. Gemeinden können also über den eigenen Tellerrand hinausblicken, sich andere Schulen ansehen und von ihnen lernen.
Ramseger: Reisen – auch ins Ausland – ist wichtig. Im Norden Europas gibt es sehr schöne Schulen, weil sie dort wissen, wie man mit Kindern umgeht. Im Rahmen des Baus der Wartburg Grundschule in Münster war ich mit meinem Team 1979 in Dänemark, damals mit dem Bully: Eine Woche haben wir uns die schönsten Schulen der Welt angeschaut. Danach wussten wir, dass es nicht nur um die Architektur geht, sondern auch um das Klima, das Miteinander der Menschen und die Achtung vor einem Kind als eigenständige Persönlichkeit.
Kirch: In der Architektur gibt es die sogenannte Healing Architecture – heilende Architektur. Dabei werden unter anderem Erfahrungen aus dem Bau von Krankenhäusern abgeleitet. Vieles davon wäre auch für die Schulen relevant. Wichtig ist es, die beiden gut erforschten Bereiche Schularchitektur und Psychologie zusammenzubringen. Bildungsgebäude sind Räume der Hoffnung, zukunftsweisende Räume. Eine Gesellschaft, die an die Zukunft glaubt, baut die besten Bildungsgebäude.
Interview: Red.
Über die Experten

Prof. Dr. Jörg Ramseger ist Universitätsprofessor i. R. Der Pädagoge ist als Schulbauberater für Kommunen tätig.
Dr. Michael Kirch arbeitete lange Jahre am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Derzeit ist er bei der Münchner Serviceagentur für Ganztagsbildung, Schulentwicklung und Inklusion tätig.

Zum Weiterlesen
Jörg Ramseger und Michael Kirch haben einen Fotoband zum Thema Schulbau herausgegeben: „Lernräume und Schularchitektur. Grundschule mit Kindern neu denken, neu planen, neu gestalten“. Beiträge zur Reform der Grundschule, Band 157, 2024. Grundschulverband, Frankfurt a.M.



