Wie lassen sich Elemente der Schwammstadt in das Außengelände einer Schule integrieren? Ein Beispiel ist das Albrecht-Thaer-Gymnasium: Die Schule im Hamburger Stadtteil Stellingen zeigt, wie der Schulhof als Schwammstadt gelingen kann. Welche Vorteile das bringt und welche Sanierungs- und Umbautipps sie für andere Schulen hat, erklärt Landschaftsarchitektin Dinny Stöcker.

Wie ist es dazu gekommen, dass der Schulhof des Albrecht-Thaer-Gymnasiums entsiegelt wurde?
Dinny Stöcker: Im Hamburger Mieter-Vermieter-Modell wird im festen Vertragsverhältnis zwischen Schulbehörde, dem Grundstückseigentümer HGV und SBH | Schulbau Hamburg als Dienstleister geregelt, welche Gebäude und Außenflächen in welchem Zeitraum saniert werden. Das beinhaltet auch die Sanierung der Außenanlagen und Siele. Das Gymnasium liegt in einem neu etablierten Wasserschutzgebiet. Da wir verpflichtet sind, die Schmutzwassersiele insbesondere in Wasserschutzgebieten dicht zu halten, damit das Grundwasser sauber bleibt, wurde die für 2030 geplante Sanierung der Siele auf 2022/23 vorgezogen. Die Herausforderung, dass Projekte erst beantragt werden müssen, gibt es in Hamburg nicht. Daher können solche Projekte, wenn es notwendig ist, problemlos angeschoben und vorgezogen werden. Während früher finanzielle Aspekte im Vordergrund standen, haben mittlerweile der ökologische Mehrwert und das Konzept der Schwammstadt an Bedeutung gewonnen.
Entsiegelung der Asphaltflächen
Welche Veränderungen wurden rund um das Albrecht-Thaer-Gymnasium vorgenommen?
Stöcker: Die einzige Ausnahme ist der Basketballplatz, ansonsten wurden alle Asphaltflächen entfernt. Wo weiterhin befestigte Flächen notwendig waren, wurde der Asphalt durch Pflaster ersetzt. Ein Sportplatz wurde mit einem Teppichvlies angelegt, der zu etwa 98 Prozent wasserdurchlässig ist. Hinzu kamen entsiegelte Spiel- und Pflanzflächen. Insgesamt konnten wir die Versiegelung um 14 Prozent von 8400 auf 7200 Quadratmeter reduzieren. Zusätzlich wurden Rückhaldemulden gebaut, die das Oberflächenwasser und die Dachentwässerung abpuffern. So ist das Fallrohr nicht mehr an eine Leitung angeschlossen, sondern endet in einer offenen, gepflasterten Rinne, die das Wasser in die Mulde leitet. Dort wird der Regen zurückgehalten. Er versickert und verdunstet mit der Zeit und gelangt bei Starkregenereignissen nicht eins zu eins in die Kanalisation. Der Abfluss in die Kanalisation konnte dadurch um 104 Liter pro Sekunde verringert werden.
Der Schulhof als Schwammstadt entlastet die Kanalisation
Was bedeutet das genau?
Stöcker: Wenn den Berechnungen entsprechend bei Starkregenereignissen jetzt 104 Liter pro Sekunde vom Schulgrundstück nicht mehr direkt in die Kanalisation gelangen, wird sie dadurch wesentlich entlastet. Das Wasser wird in den Mulden gesammelt und erst mit der Zeit an Boden, Kanalisation und die Luft abgegeben. Dabei muss den Nutzern klar sein, dass die Flächen während dieser Doppelnutzung nicht wie eine normale Rasenfläche genutzt werden können. Die Mulden sind dabei so angelegt, dass sie ausreichend Wasser aufnehmen können, ohne dass etwas überläuft.
Schulhof als Schwammstadt am Albrecht Thaer-Gymnasium
Auf dem rund 28.400 Quadratmeter großen Grundstück stehen sieben Schulgebäude und ein Wohnhaus. Saniert wurde die schadhafte Regenwasserleitung. Die Außenanlage wurde in einen ökologisch angepassten Schulhof mit diversen Aktivitätsangeboten umgewandelt. Befestigte Wege-, Sport- und Schulhofflächen wurden entsiegelt und durch neue Vegetationsflächen ersetzt. Wasser wird von Dach- und Wegeflächen in großen Teilen über offene Pflasterrinnen abgeleitet. So werden Teile des Regenwassers in Rückhaltemulden temporär gespeichert und später gedrosselt in die Kanalisation eingeleitet. Insgesamt wurde der Versiegelungsgrad der Außenflächen um 14 Prozent von 8400 auf 7230 Quadratmeter reduziert, der Abfluss in die Kanalisation um 104 Liter pro Sekunde. Die Projektumsetzung erfolgte zwischen April 2020 und Dezember 2022.
Wer hat das Projekt finanziert, wie hoch waren die Kosten, und welche Fördermittel gab es?
Stöcker: Am Standort des Albrecht-Thaer-Gymnasiums haben wir insgesamt rund 1,5 Millionen Euro für die Entsiegelung der Flächen, die Ausstattung der Sportflächen und den Ballfangzaun ausgegeben. Finanziert wurde das Projekt von der Stadt Hamburg im Rahmen des Mieter-Vermieter-Modells. Außerdem kamen 17.000 Euro Fördermittel von der RISA (Regeninfrastrukturanpassung), einer Projektgruppe von Hamburg Wasser und der Umweltbehörde.
Die positiven Effekte der Entsiegelung auf die Kanalisation sind das eine – lassen sich positive Effekte auch für Umwelt und Klima an Zahlen festmachen?
Stöcker: Das ist nur schwer messbar. Allerdings bringt das Projekt viel für die Wahrnehmung der Schulgemeinschaft, und das ist ebenfalls ein wichtiger Effekt. Was zudem immer wieder unterschätzt und in den Regenmodellen nicht einberechnet wird, ist der in beide Richtungen positive Verdunstungsfaktor: Weniger Wasser gelangt in die Kanalisation und es hilft dem Stadtklima.
Beim Bauen nachhaltig und langfristig denken
Ist es aus Ihrer Sicht also sinnvoll, Schulhöfe künftig mit mehr Grünflächen und weniger Entsiegelung zu planen?
Stöcker: Ich halte das für sehr wichtig. Wenn man das von vornherein mitdenkt, ist das ein enormer Effekt. Zudem ist es viel nachhaltiger, etwas zu bauen, was nicht in 20 Jahren wieder herausgerupft, entsorgt und neu anlegt werden muss.
Halten Sie bei der Realisierung neuer Schulen die Planung schwammstadtgerechter Schulhöfe von Anfang an für realistisch?
Stöcker: In Hamburg ja, denn hier ist das Thema Regenwasser ein bedeutender Kostenfaktor. In den Bauauflagen wird von Hamburg Wasser genau festgelegt, welche Menge Wasser in die Kanalisation eingeleitet werden darf. Der Rest muss auf dem Grundstück bleiben, sonst gibt es keine Genehmigung. Das ist bei unterirdischen Lösungen eine Kostenfrage und bei oberirdischen eine Platzfrage. Das Grundstück um das Albrecht-Thaer-Gymnasium ermöglicht viel Grün und entsiegelte Fläche. Beispielsweise in der Hafencity, wo kaum Platz ist und die Tide noch hinzukommt, wird es dagegen schwierig.

Schulhof als Schwammstadt ist die günstigere Variante
Wie groß schätzen Sie den Unterschied beim Aufwand und der Finanzierung eines konventionellen Schulhofes im Vergleich zu einem schwammstadtgerechten Schulhof ein?
Stöcker: Die schwammstadtgerechte Variante ist stets die günstigere. Denn alles, was nicht versiegelt ist, kostet weniger als eine versiegelte Fläche, sowohl bei der Herstellung der Materialien als auch bei der Errichtung, die schneller geht. Die Grünflächen müssen zwar später gepflegt werden, gleichzeitig kommt der Mehrwert hinzu. Allerdings muss die Umsetzung zum Nutzen passen. Überall nur noch entsiegelte Flächen: Das wird nicht funktionieren.
Welche Tipps können Sie Kommunen geben, die ähnliche Projekte planen?
Stöcker: Ich rate dazu, einen Landschaftsarchitekten ins Boot zu holen, der das Thema Regenwasser in den Außenbereich integriert und bereit ist, diese neuen Wege zu gehen. Hinzu kommt die Akzeptanz der Auftraggeber, dass solche Mulden und Wiesen nach Regentagen nicht immer trocken, bespielbar und repräsentabel sind, wenn darin das Regenwasser steht. Es muss klar sein, für wen gebaut wird, wie es genutzt wird und ob der Rasen immer geputzt aussehen muss wie vor einem Konsulat, oder ob er als Nutzfläche erkennbar sein kann. Wir sollten mutiger und offensiver vorgehen und uns trauen, andere Wege zu gehen als in den vergangenen 30 Jahren. Zu Beginn allerdings vielleicht nur auf kleinen Teilflächen, um zu sehen, wie die Akzeptanz ist.

Zur Person
Landschaftsarchitektin Dinny Stöcker arbeitet im Bereich Regenwassermanagement bei der SBH | Schulbau Hamburg Region Eimsbüttel.
Interview: Birgit Kalbacher



