Wenn Jugendliche den ÖPNV mitplanen: Modellprojekt zeigt klare Vorteile für Kommunen

Kids müssen die Fahrpläne aussitzen, die ihnen Erwachsene vorsetzen – gerade im ländlichen Raum sind sie damit oft abgeschnitten. Es geht aber auch anders: Ein Modellprojekt beteiligt Jugendliche an der Entwicklung des Nahverkehrs. Stefan Lenz erläutert aus Projektsicht, was das für Kommunen bringt.

Jugendbeteiligung im ÖPNV
Allzu oft sind Fahrpläne nicht auf Jugendliche ausgerichtet – gerade sie sind aber auf den ÖPNV angewiesen. Foto: Adobe Stock/U. J. Alexander

Wer im ländlichen Raum aufwächst, braucht Mobilität – für Schule, Ausbildung, Freunde und Freizeit. Doch für viele Jugendliche ist das Bus- und Bahnangebot zu dünn, zu unregelmäßig oder endet zu früh am Abend. Die Folge: Frustration, eingeschränkte Teilhabe und häufig auch der Wunsch, den Heimatort später zu verlassen. Wer junge Menschen halten möchte, muss sie mobil machen – und ihre Perspektive in die Planung des ÖPNV einbeziehen.

Der Postillion e.V. aus dem Rhein-Neckar-Kreis hat gezeigt, wie das gelingen kann. Im Modellprojekt „Jugendbeteiligung im ÖPNV“ wurden junge Leute in mehreren Gemeinden aktiv an der Weiterentwicklung des Nahverkehrs beteiligt. Zwischen 2019 und 2025 entstand ein praxisnahes Konzept, das inzwischen in verschiedenen Regionen erprobt wurde.

Jugendliche an Entscheidungen beteiligen

Der Ansatz ist einfach, aber wirkungsvoll: Jugendliche werden als Expertinnen und Experten des Alltags ernst genommen – als diejenigen, die den ÖPNV täglich nutzen und dessen Schwächen genau kennen.

In den Projekten benannten Jugendliche, wo Probleme liegen: Busse, die nach dem Unterricht nicht mehr fahren, schlecht beleuchtete Haltestellen, fehlende Fahrradabstellplätze oder unfreundliches Fahrpersonal. Zugleich entwickelten sie pragmatische Lösungsvorschläge – von E-Bike-Boxen und überdachten Haltestellen bis hin zu Nachtbussen am Wochenende. Viele dieser Ideen lassen sich mit überschaubarem Aufwand umsetzen, verbessern spürbar die Lebensqualität und die Akzeptanz gegenüber des ÖPNV.

Die Erfahrung zeigt: Wenn Jugendliche an Entscheidungen beteiligt werden, entsteht nicht nur ein besserer Nahverkehr. Es wächst auch das Verständnis für kommunale Prozesse – und das Vertrauen in die lokale Politik. Beteiligung wirkt, wenn sie nicht symbolisch bleibt, sondern ernsthaft in die Planung einfließt.

Verantwortung vor Ort

Für Gemeinderätinnen und Gemeinderäte bedeutet das vor allem eines: Beteiligung beginnt mit der Haltung. Es braucht Menschen in Schlüsselpositionen, die bereit sind, zuzuhören, Vorschläge aufzugreifen und sie weiterzutragen.

Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Verkehrsausschüsse und Verwaltung sollten gemeinsam darauf achten, dass jugendliche Perspektiven in allen Phasen der Mobilitätsplanung berücksichtigt werden – idealerweise schon, bevor Ausschreibungen oder Fahrplanänderungen vorbereitet werden.

Wenig Aufwand, viel Wirkung

Ein großer Vorteil: Das Modell erfordert keine zusätzlichen Ressourcen. Die Jugendarbeit oder Schulsozialarbeit kann Beteiligungsprozesse moderieren und Jugendliche einbeziehen. Workshops, Interviews oder Online-Befragungen liefern fundierte Rückmeldungen, die anschließend gemeinsam mit Verkehrsunternehmen und Verwaltung ausgewertet werden. So entsteht ein realistisches, lokal angepasstes Mobilitätskonzept – ohne großen Verwaltungsaufwand.

Interkommunal läuft es 

Jugendliche bewegen sich über Ortsgrenzen hinweg – zur Schule, zum Sport oder zur Ausbildung. Deshalb funktioniert Jugendbeteiligung im ÖPNV am besten interkommunal. Gemeinden können gemeinsam mit Nachbarorten und dem Rhein-Neckar-Kreis an Lösungen arbeiten, die sich an tatsächlichen Bewegungsräumen orientieren.

Eine enge Verzahnung zwischen Jugendhilfe- und Nahverkehrsplanung ist dabei entscheidend: Mobilität gehört zur Lebenswelt junger Menschen und sollte auch als solche in den Planungsstrukturen verankert werden.

Chancen für die Lokalpolitik

Für kommunale Entscheidungsträger lässt sich aus dem Projekt eine klare Lehre ziehen: Jugendbeteiligung ist keine Zusatzaufgabe, sondern eine Chance. Sie bringt neue Perspektiven in die Verkehrspolitik, stärkt die Attraktivität des ÖPNV und fördert die Bindung junger Menschen an ihren Heimatort. Gemeinden, die ihre Jugendlichen beteiligen, gewinnen an Glaubwürdigkeit und gestalten Zukunft vor Ort.

Jugendbeteiligung im ÖPNV zeigt, wie einfach Veränderung sein kann, wenn Engagement, Offenheit und Pragmatismus zusammenkommen. Sie kostet wenig, bewirkt viel – und sie macht Politik für junge Menschen sichtbar. Wer heute Jugendlichen zuhört, investiert in die Zukunft seiner Gemeinde.

Stefan Lenz


Der Autor

Stefan Lenz ist geschäftsführender Vorsitzender des Postillion e.V. – Kinder-und Jugendhilfe im Rhein-Neckar-Kreis.


Bereits erwähnt

„Jugendbeteiligung im ÖPNV“ – so lautet der Titel eines Projekts, das in sechs Gemeinden erprobt wurde.
– Träger: Postillion e. V., Rhein-Neckar-Kreis.
– Laufzeit: 2019 bis 2025.
– Förderung: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Programm LandMobil und buleplus).
– Beteiligte Gemeinden: Wilhelmsfeld, Schönau, Schriesheim, Malsch (Rhein-Neckar-Kreis) und Beeskow (Landkreis Oder-Spree).
– Ziel: Aktive Einbindung Jugendlicher in die Planung und Bewertung des ÖPNV im ländlichen Raum.
– Ergebnisse: Erprobtes Beteiligungskonzept mit niedrigem Aufwand, hoher Praxistauglichkeit und direktem Nutzen für die kommunale Mobilitätsplanung.

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