35 Kommunen, ein Träger: Interkommunale Kooperation in der Kinder- und Jugendhilfe

Es reicht nicht, Angebote vorzuhalten: Kinder- und Jugendhilfe braucht eine kontinuierliche fachliche Betreuung, betonen Experten. Gerade kleine Kommunen sind hier oft überfordert – es gibt aber Lösungen: Melanie Oberhofer und Stefan Lenz stellen ein Projekt mit aktuell 35 kommunalen Partnern vor, das Schule machen könnte.

Interkommunale Kinder- und Jugendhilfe
Entlastung für Kommunen, wenn es um die Zukunft von Kindern geht: „Durch die Bündelung von Ressourcen lassen sich Fachkompetenzen konzentrieren, Verwaltungsstrukturen effizienter gestalten und personelle Kapazitäten besser nutzen.“ Foto: Adobe Stock/CineLens25/peopleimages.com

Die Anforderungen an die kommunale Kinder- und Jugendhilfe wachsen seit Jahren kontinuierlich. Der Ausbau der Ganztagsbetreuung, steigende Qualitätsanforderungen in Kindertageseinrichtungen, der zunehmende Bedarf an Schulsozialarbeit sowie die Bedeutung präventiver Angebote stellen insbesondere kleinere Städte und Gemeinden vor erhebliche organisatorische und personelle Herausforderungen. Gleichzeitig verschärft der anhaltende Fachkräftemangel die Situation zusätzlich.

Gerade in kreisangehörigen Kommunen zeigt sich dabei eine strukturelle Besonderheit: Während zentrale Aufgaben der öffentlichen Jugendhilfe – etwa Hilfen zur Erziehung – überwiegend beim Landkreis angesiedelt sind, verbleiben zahlreiche Regelangebote unmittelbar bei den Städten und Gemeinden. Hierzu zählen insbesondere Kindertageseinrichtungen, Schulkindbetreuung, Schulsozialarbeit sowie Angebote der offenen und mobilen Jugendarbeit.

Bündelung von Ressourcen als Erfolgsmodell

Für kleinere Kommunen bedeutet dies häufig eine erhebliche Belastung. Der Aufbau eigener Fachämter mit pädagogischer, organisatorischer und rechtlicher Expertise ist vielfach wirtschaftlich kaum darstellbar. Zugleich reicht es längst nicht mehr aus, Angebote lediglich vorzuhalten. Moderne Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe erfordern eine kontinuierliche fachliche Begleitung – etwa im Kinderschutz, in der Qualitätsentwicklung, bei Personalfragen oder der konzeptionellen Weiterentwicklung pädagogischer Angebote.

Vor diesem Hintergrund gewinnt interkommunale Zusammenarbeit zunehmend an Bedeutung. Durch die Bündelung von Ressourcen lassen sich Fachkompetenzen konzentrieren, Verwaltungsstrukturen effizienter gestalten und personelle Kapazitäten besser nutzen.

Die Bündelung der Aufgaben verschiedener kreisangehöriger Kommunen über einen eingetragenen gemeinnützigen Verein leistet der Postillion e.V. (Wilhelmsfeld/Rhein-Neckar-Kreis). Der Verein übernimmt inzwischen für 35 Kommunen Aufgaben in den Bereichen Kindertagesbetreuung, Schulkindbetreuung, Schulsozialarbeit sowie offene und mobile Jugendarbeit.

Damit fungiert er gewissermaßen als gemeinsamer Träger kommunaler Jugendhilfeleistungen, ohne dass die beteiligten Städte und Gemeinden ihre Steuerungsmöglichkeiten vollständig aus der Hand geben. Zugleich bleibt die kommunale Trägerpluralität ausdrücklich erhalten. Denn es besteht keine Verpflichtung, sämtliche Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe über den Verein abzuleisten.

Wie die Kooperation funktioniert

Mitglied im Verein können ausschließlich Städte und Gemeinden werden. Zugleich werden Leistungen ausschließlich für Mitgliedskommunen erbracht. Der Verein ist Mitglied im Kommunalen Arbeitgeberverband sowie im Kommunalen Versorgungsverband, wodurch die Standards des TVöD gesichert werden.

Ein wesentlicher Vorteil dieser Struktur liegt in den weitreichenden Einflussmöglichkeiten der Kommunen auf die konkrete Ausgestaltung der Angebote sowie auf die strategische Ausrichtung des Vereins. Anders als bei klassischen freien Trägerstrukturen verbleibt die Steuerungshoheit weitgehend bei den Kommunen.

Ebenso bedeutsam ist die hohe Transparenz der Organisations- und Finanzstruktur. Leistungen, Finanzierung und Overheadkosten sind für die Mitgliedskommunen offen nachvollziehbar – vergleichbar mit kommunalen Eigenbetrieben oder anderen öffentlich getragenen Einrichtungen.

Die Steuerung erfolgt über Mitgliederversammlungen, Beiratssitzungen sowie eine von den Mitgliedern beschlossene Haushaltsordnung, die Zuständigkeiten, Verfahren und Kosten verbindlich regelt.

Konsequenzen für Vergabeverfahren

Darüber hinaus eröffnet die vollständig kommunale Eigentümerstruktur vergaberechtliche Möglichkeiten nach dem Inhouseverfahren, das heißt ohne förmliche Vergabeverfahren. Danach können Kommunen Leistungen direkt an eigene oder gemeinsam kontrollierte Unternehmen vergeben, ohne eine öffentliche Ausschreibung durchführen zu müssen.

Voraussetzung ist insbesondere, dass die öffentliche Hand das Unternehmen ähnlich wie eine eigene Dienststelle kontrolliert, dieses überwiegend für den öffentlichen Auftraggeber tätig ist und keine maßgebliche private Beteiligung besteht.

Rahmenbedingungen bleiben flexibel

Gleichzeitig bleibt das Spannungsfeld zwischen kommunaler Einzelsteuerung und gemeinsamer Standardisierung bestehen.

Verträge werden weiterhin individuell zwischen den einzelnen Kommunen und dem Träger geschlossen. Beschlüsse gemeinsamer Gremien besitzen daher häufig empfehlenden Charakter. Dennoch schafft die gemeinsame Organisationsstruktur eine belastbare Grundlage für abgestimmte Qualitätsstandards und die langfristige Sicherung kommunaler Angebote.

Solidarische Struktur als Gundprinzip

Besonders hervorzuheben ist dabei ein zentraler Grundsatz des Vereins: Leistungen sollen grundsätzlich allen Mitgliedskommunen zur Verfügung stehen, sofern entsprechender Bedarf besteht und die Finanzierung gesichert ist.

Dadurch wird verhindert, dass ausschließlich wirtschaftlich attraktive Angebote übernommen werden. Gerade kleinere oder finanzschwächere Kommunen profitieren von dieser solidarischen Struktur. Voraussetzung bleibt allerdings eine kostendeckende Kalkulation der jeweiligen Leistungen.

Daseinsvorsorge kann sich anpassen

Die Praxis zeigt exemplarisch, wie sich kommunale Daseinsvorsorge unter veränderten gesellschaftlichen und finanziellen Rahmenbedingungen weiterentwickelt. Während klassische Verwaltungsstrukturen vielerorts an ihre Grenzen stoßen, entstehen zunehmend hybride Organisationsformen zwischen kommunaler Steuerung und professioneller Trägerschaft.

Impulse für die Zukunft

Insbesondere im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe dürfte die Bedeutung solcher interkommunalen Modelle künftig weiter zunehmen. Fachkräftemangel, steigende gesetzliche Anforderungen und wachsende Qualitätsansprüche werden einzelne Kommunen verstärkt dazu zwingen, enger zusammenzuarbeiten.

Modelle wie der Postillion e.V. können hierbei einen wichtigen Beitrag leisten, kommunale Gestaltungsmöglichkeiten zu erhalten und gleichzeitig professionelle Strukturen dauerhaft abzusichern.

Melanie Oberhofer, Stefan Lenz


Die Autoren

Melanie Oberhofer ist Referatsleiterin im Postillion e.V. – Kinder-und Jugendhilfe im Rhein-Neckar-Kreis. Stefan Lenz ist geschäftsführender Vorsitzender im Postillion e.V.


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