Die Kraft aus dem Inneren

Nicht nur optisch ein Anker auf dem Marktplatz der Stadt Frauenstein: Die generalsanierte Grundschule bringt Leben ins Zentrum der Kommune. - Foto: Markus

Der demografische und wirtschaftsstrukturelle Wandel trifft Kleinstädte in Randlagen Deutschlands am stärksten. Gerade sie aber haben für die Stabili­sierung der ländlichen Räume eine große Bedeutung. Wie lässt sich ihre Zukunftsfähigkeit sichern? Ein Blick nach Frauenstein und Gröditz in Sachsen.

 

Deutschland ist ein Land der Kleinstädte: ihr Anteil an den Stadt- und Gemeindetypen beträgt knapp 60 Prozent, ein Drittel der Bevölkerung der Bundesrepublik lebt in ihnen. Früher waren Kleinstädte vor allem Dienstleistungsstandort für ihr zumeist agrarisches Umland. Diese direkte Verbindung ist heute deutlich schwächer ausgeprägt. Mobilität, Veränderungen von Handel und Logistik, neue Arbeitswelten und die Wertschätzung großstädtischer Lebensformen wirken sich auf Attraktivität und Entwicklung aus.

Der damit verbundene Bedeutungsverlust ist problematisch. Denn Kleinstädte übernehmen unverzichtbare Funktionen: als Wohn- und Arbeitsstandorte, als Orte der Versorgung, Begegnung, Kultur und Bildung sind sie abseits der Groß- und Mittelstädte besonders wichtige Entwicklungs- und Stabilisierungspole. Die „große“ Politik nimmt diese Rolle in wachsendem Maße bewusst wahr und unterstützt die Kleinstädte, damit diese die Herausforderungen meistern können, vor denen sie stehen.

Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit kleiner Städte in peripheren Lagen ist aber vor allem, die eigenen Kräfte zu stärken. In den betroffenen Orten müssen sich die lokal Verantwortlichen angesichts von Veränderung und erschwerten Rahmenbedingungen der Situation ihrer Stadt, der Herausforderungen und eigenen Möglichkeiten bewusst sein, die Funktion und Ziele der Kommune neu bestimmen und (unentdeckte) Potenziale erkennen und erschließen. Davon ist man beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) überzeugt, wo sich Experten mit den Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten der ländlichen Zentren beschäftigen. Zur Sicherung einer zukunftsfähigen Entwicklung kommt es dabei auch darauf an, jede sich bietende Chance zur Stärkung der Infrastruktur und des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu nutzen. Da kann dann auch vermeintlich Selbstverständliches positive Kräfte erzeugen, wie ein Blick auf zwei – völlig unterschiedliche – Kleinstädte in Sachsen zeigt.

Frauenstein: Stärkung des Zentrums

Die landschaftliche Lage ist phantastisch: Auf einer markanten Bergkuppe gelegen, thront die sächsische Kleinstadt Frauenstein über dem in dieser Gegend noch welligen Erzgebirge. Optisch dominiert wird der Ort von Burgruine und Schloss Frauenstein. Die Bedeutung der Stadt vor allem im Mittelalter kann der Besucher erahnen, der der Einladung zum „Historischen Stadtrundgang“ folgt: Künstlerisch gestaltete Informationstafeln erinnern an historische Plätze und Gebäude, die beim dritten großen Stadtbrand 1867 zerstört wurden.

Verheerende Schadensereignisse wie damals hat es seither nicht mehr gegeben, von jeglicher Unbill blieb Frauenstein dennoch nicht verschont. Solche ist heute nicht so offenbar wie eine Brandkatastrophe, sondern zeigt sich als schleichende, erst über viele Jahre hinweg spürbare Entwicklungen. Wie in vielen anderen Kleinstädten der Peripherie heißen sie auch in Frauenstein demografische Entwicklung, Wegzug der jüngeren Generation, wirtschaftlicher Strukturwandel, Schwächung einst stabiler Einnahmequellen und strukturelle Finanzprobleme. Ihre Wirkungen sind ablesbar am kontinuierlichen Rückgang der Einwohnerzahl – von 3700 im Jahr 1990 auf knapp unter 3000 heute – und am Leerstand von Einzelhandelsgeschäften im hübschen Stadtzentrum.

Gerade angesichts des Niedergangs im Handel war die Frage, wie es mit einem das Bild des Marktplatzes beherrschenden städtischen Gebäude weitergehen soll, keine leicht zu beantwortende. Die 1871 erbaute „Bürgerschule“, in der rund 100 Grundschüler der Klassen 1 bis 4 unterrichtet werden, sollte zugunsten eines Neubaus „auf der grünen Wiese“ aufgegeben werden. Eine „Grundschule für alle“, für Schüler auch aus den umliegenden Ortschaften war geplant, wie Frauensteins Bürgermeister Reiner Hentschel im Gespräch mit der Redaktion erläutert.

Der Leerstand des alten Schulgebäudes allerdings hätte negative Signale in Richtung Bürger und Handel ausgesandt. Der Gedanke, zum Ausgleich einen Teil der Stadtverwaltung dort einziehen zu lassen, wurde verworfen, weil Platz in diesen Dimensionen für das zahlenmäßig überschaubare Rathauspersonal gar nicht benötigt wird. Ende 2013 begrub man die Pläne für einen Neubau und beschloss, die alte Schule grundlegend zu sanieren und zu einer modernen Bildungseinrichtung umzubauen (Bauzeit 1,5 Jahre, Wiedereröffnung August 2017).

Gelegen kam hier das 2010 vom Bundesbauministerium und den Ländern aufgelegte Städtebauförderungsprogramm „Kleinere Städte und Gemeinden – überörtliche Zusammenarbeit und Netzwerke“. Dessen Anliegen ist es, kleinere Städte und Gemeinden vor allem in dünn besiedelten ländlichen Räumen als Ankerpunkte der Daseinsvorsorge für die Zukunft handlungsfähig zu machen und ihre zentralörtliche Versorgungsfunktion dauerhaft, bedarfsgerecht und auf hohem Niveau für die Bevölkerung der gesamten Region zu sichern. Die Stärkung der Innenstädte gehört zu den Programmzielen. Die Idee, dieses Programm in Frauenstein zu nutzen, kam von den Experten der Stuttgarter Stadtentwicklungsgesellschaft Steg mit ihrer Dresdner Niederlassung, die die Kommune in Fragen zukunftsfähiger städtischer Strukturen berät.

Dass man sich mit der Teilnahme am Kleine-Städte-und-Gemeinden-Programm und der Sanierung finanziell besser stellte als bei einem Schulneubau, war ein starkes Moment für die Entscheidung, die Schule im Stadtzentrum zu belassen. Die „grüne Wiese“ hätte einen höheren Eigenmittelanteil sowie Erschließungskosten bedeutet – Belastungen für die Stadt mit einem Haushalt „an der Kante“, wie ihr Bürgermeister es ausdrückt. Für die Schulsanierung waren Eigenmittel von 1,35 Millionen Euro erforderlich, bei einem Gesamtinvestitionsvolumen von rund vier Millionen Euro (reine Baukosten: 3,9 Mio. Euro). Dass die ursprünglich angesetzten Baukosten überschritten wurden, ist auf „Überraschungen“ während der Sanierungsphase zurückzuführen. So musste beispielsweise eine in Teilen fehlende Bauwerksgründung nachträglich erstellt werden.

Bürgermeister Reiner Hentschel ist überzeugt, dass der Stadtrat mit seiner Entscheidung, den Standort der Grundschule beizubehalten die richtige, der wichtigen Stärkung der Innenstadt dienende Wahl getroffen hat. „Die Schule bringt Leben ins Zentrum.“

Gröditz: Es geht um den Zusammenhalt

Mit rund 7200 Einwohnern ist die Stadt Gröditz deutlich größer als Frauenstein, hat aber genauso mit einem Bevölkerungsschwund zu kämpfen. Von einst deutlich über 10 000 Einwohnern 1987 schrumpfte die Bürgerschaft auf knapp unter 7000 im Jahr 2011. Erst danach konnte der Abwärtstrend gestoppt und sogar umgekehrt werden. Wirtschaftlich geht es der im nordöstlichen Sachsen nahe der Landesgrenze zu Brandenburg gelegenen Kommune gut. Das ortsansässige Stahlwerk und viele kleine Gewerbesteuerzahler verschaffen der Stadtkasse stabile Einnahmen.

Die Defizite sind auf einem anderen Feld zu finden: es fehlen in der Stadt mit ihren insgesamt 39 Vereinen ein gewachsenes Kulturleben und ein zentraler Ort, wo dieses sich entwickeln könnte. Ein „Regionales Kulturzentrum“ sollte diesen Zustand beenden. Gelegen kam der Stadtverwaltung, dass ein im Ort gelegener Dreiseithof zum Verkauf stand. Eine Leerstand des großen Ensembles wäre nicht akzeptabel gewesen, auch der Aufbau eines Museums kam für den Gröditzer Bürgermeister Jochen Reinicke und seinen Stadtrat nicht infrage.

Da man schon einige Zeit eine neue Unterbringungsmöglichkeit für eine Kindertagesstätte und die Stadtbibliothek suchte, entwickelte sich die Idee, diesen Einrichtungen in den Gebäuden des ehemaligen landwirtschaftlichen Gutes eine neue Heimstatt zu geben und gleichzeitig für Gröditzer Vereine insbesondere des kulturellen Lebens Räume für Veranstaltungen und Sitzungen zu schaffen. Bibliotheks- und Kita-Betrieb laufen bereits, auch die Veranstaltungsscheune ist schon nutzbar, lediglich im zweiten Längsgebäude des Dreiseithofes, dem Veranstaltungshaus, wurde im Januar beim Ortstermin mit der Redaktion noch gearbeitet. Dort entstehen Säle, die für Ausstellungen, Veranstaltungen, Sitzungen und unter anderem den Seniorensport genutzt werden können.

Das Ganze ist mit modernster sparsamer Haustechnik ausgestattet. Das hält die Betriebskosten sehr niedrig, wie überhaupt die Stadt Kosten vermeidet, weil sie nun etwa für die Bibliothek keine Räume anmieten muss. Offizielle Eröffnung des gesamten Komplexes ist für Juni 2018 geplant.

Ein zweiter glücklicher Umstand, neben dem Freiwerden eines geeigneten, entsprechend großen Gebäudes für das Vorhaben „Kulturzentrum“, ergab sich in Bezug auf die Finanzierung: Die Stadt kommt für ihr auf ein Gesamtvolumen von 3,8 bis 4 Millionen Euro veranschlagtes Projekt in den Genuss von Rücklaufmitteln aus staatlicher Förderung. Gröditz ist seit 1994 im Förderprogramm „Städtebauliche Erneuerung“ (SEP) und wird von Anfang an von der Steg als Sanierungsträger betreut.

Dank des guten Drahts zu den zuständigen Stellen auf Landesebene konnte auch eine Krise gemeistert werden, die durch eine unerwartete Gewerbesteuerrückforderung eines großen Gröditzer Unternehmen in Höhe von rund drei Millionen entstand. Plötzlich stand die Finanzierung des Eigenmittelanteils auf der Kippe. „Mit vielen Gesprächen haben wir es geschafft, die Schwierigkeiten zu überwinden“, sagt Bürgermeister Reinicke nicht ohne einen gewissen Stolz und fügt hinzu: „Es bestätigte sich hier, dass mit viel Zuversicht einfach nichts zu machen ist.“

Auf die Finanzen wird das Rathaus weiterhin ganz genau schauen. Wohin fließt das Geld und dient es dort der tragfähigen Weiterentwicklung der Stadt und ihrer Stabilisierung in Zeiten großer kommunaler Herausforderungen? Weil man in Gröditz in die Zukunft investiert, wird schon das nächste Großprojekt für die Bürger vorbereitet: Der Bau der neuen Sporthalle. Reinicke: „Die alte ist finanziell nicht mehr darstellbar.“ Kurt Biedenkopf, von 1990 bis 2002 erster Ministerpräsident Sachsen und als Politiker mit Weitsicht bekannt, dürfte diese pragmatisch „geerdete“ Zukunftsorientiertheit besonders gefallen. Erst ist seit 2011 Ehrenbürger der Stadt Gröditz.

Wolfram Markus

Info: Frauenstein

 

Mit knapp unter 3000 Einwohnern – rund 900 davon in der Kernstadt – ist Frauenstein/Erzgebirge (Landkreis Mittelsachsen) eine „kleine Kleinstadt“. Als Herausforderung stellt sich angesichts begrenzter Finanzmittel die Erhaltung der kommunalen Infrastruktur dar. Viel wurde zuletzt investiert, weitere Aufgaben stehen an (u. a. Feuerwehrdepots, Gemeindestraßen). Eine starke wirtschaftliche Infrastruktur fehlt, daher setzt man auf den Tourismus und will dazu das Prädikat „Staatlich anerkannter Erholungsort“ wiedererlangen. Der städtische Etat (Planansatz 2017) weist im Ergebnishaushalt Erträge von 3,45 Millionen Euro und Aufwendungen von knapp 4 Millionen Euro aus. Der Fehlbetrag von rund 1,18 Millionen Euro wird mit liquiden Mitteln finanziert.

Info: Gröditz

 

Die Stadt Gröditz (rund 7400 Einwohner, Landkreis Meißen) liegt im Städtedreieck Berlin–Dresden–Leipzig. Wirtschaftlich hat sie sich in den vergangenen Jahren positiv entwickelt. Sie ist Standort regional und überregional agierender Unternehmen, darunter ein Stahlwerk. Entsprechend werden hohe Investitionen in die Infrastruktur getätigt, über 50 Millionen Euro allein in den vergangenen 15 Jahren. Gröditz verfügt über gute Strukturen der Gesundheitsversorgung und weist mit vier städtischen Kindertagesstätten sowie einer Grund- und einer Mittelschule ein bedarfsorientiertes Angebot im Betreuungs- und Bildungsbereich auf.