Der Bürgermeister hat das Projekt zur Chefsache erklärt: eine Markthalle mit Atmosphäre, die Kaufkraft ins baden-württembergische Birkenfeld zurückbringt. Mit persönlichem Engagement und viel Liebe zum Detail wurde das Projekt umgesetzt – und kommt vor Ort bestens an, berichtet Konzeptberater Philipp Boll.

Leerstehende Läden, abwandernde Kaufkraft: Die Attraktivität vieler Ortsmitten in Mittel- und Unterzentren sinkt – vor allem in räumlicher Nähe zu attraktiven Oberzentren. Birkenfeld im Enzkreis hat im Rahmen der Entwicklung der Ortsmitte einen neuen Weg beschritten. Die Gemeinde nahe Pforzheim hat eine seit zehn Jahren leerstehende Fläche eines ehemaligen Supermarktes erworben, vom Ladenbauer Aichinger ein Gestaltungs- und Nutzungskonzept entwerfen lassen, Bäcker, Metzger sowie einen Obst-, Gemüse- und Feinkosthändler als Mieter gewonnen.
Seit Pfingsten betreibt die Gemeinde die Birkenfelder Markthalle – mit Erfolg. Ein Drittel mehr Kunden, die Zahl der Mittagessen hat sich verdoppelt, der Getränkeumsatz deutlich erhöht. Dazu kommt eine SB-Verkaufsstelle nach Ladenschluss. „Wir sind begeistert“, sagt Werner Ganzhorn, Inhaber der Metzgerei Ganzhorn. Er ist mit seinem seit 2009 bestehenden Ladengeschäft von der Ortsmitte in Birkenfeld in die Markthalle umgezogen.
Birkenfeld: Das sind 10.500 Einwohner und 5000 Arbeitsplätze. Trotz der vielen Einpendler verliert der Einzelhandel im Ort Kaufkraft an das nahe gelegene Pforzheim. Die Gemeindeverwaltung stellte einen Plan zur innerörtlichen Entwicklung auf, um die Aufenthaltsqualität zu erhöhen – und auch, um Kaufkraft am Ort zu behalten. Der Grundstein zur Entwicklung wurde mit der Eröffnung der Markthalle gelegt.
Zuschüsse vom Land
2023 kaufte die Gemeinde die leerstehende Fläche für 600.000 Euro, die Metzgerei Ganzhorn sagte als Pächter zu. Bürgermeister Martin Steiner gewann die Bäckerei Raisch aus Calw sowie den örtlichen Obst- und Gemüsehändler Il Saraceno als weitere Pächter. Dieser verkaufte zuvor in einem Pavillon, der im Zuge der Ortsentwicklung abgerissen werden soll.
Der Gemeinderat bewilligte 1,2 Millionen Euro für den Umbau und den Einbau der kompletten technischen Gebäudeausstattung. Das Land Baden-Württemberg bezuschusst 36 Prozent der förderfähigen Kosten.
Die Gemeinde will attraktiv werden
„Die Markthalle hat zur Belebung der Ortsmitte beigetragen. Das Angebot wird von den Bürgern in Birkenfeld sehr gut angenommen. Mittlerweile kommen sogar Kunden von außerhalb“, freut sich Bürgermeister Steiner. Für ihn war das Projekt ein Herzensanliegen, und er hat es zur Chefsache gemacht: „Ältere können barrierefrei einkaufen, es gibt einen Mittagstisch und für Familien mit Kindern mit der Bäckerei und dem Eisverkauf auch am Sonntag ein Angebot.“
Was braucht eine Markthalle?
Die LBBW Immobilien Kommunalentwicklung GmbH (KE) berät die Gemeinde Birkenfeld bei der innerörtlichen Entwicklung – von ihr und von der Metzgerei Ganzhorn wurde die Gemeindeverwaltung im Vorfeld der Projektplanung auf eine andere Markthalle aufmerksam gemacht: eine Markthalle in Ilsfeld. Gemeinsam mit der Gemeindeverwaltung, den Mitgliedern des Gemeinderates und den möglichen zukünftigen Pächtern wurde in Ilsfeld (Kreis Heilbronn) die Markthalle besichtigt. Gespräche wurden mit der dortigen Gemeindeverwaltung und dem Generalpächter zu den Anforderungen an eine Markthalle geführt.
Die Eindrücke inspirierten und überzeugten die Birkenfelder Delegation. Der Ladenbauer wurde von der Gemeinde mit der Entwurfsplanung und dem Gestaltungskonzept beauftragt. Eine Markthalle, vor allem eine kleine, braucht Sichtbarkeit nach außen. Deshalb wurden ein gläsernes Portal und ein zweiter Eingang empfohlen. Im Inneren schafft die Raumhöhe die Markthallen-Atmosphäre. Deshalb wurde die bestehende Rasterdecke entfernt, alle Installationsleitungen wurden sichtbar verlegt und schwarz lackiert. Eine besondere Herausforderung war dies bei der Lüftungsanlage. Sie ist sehr groß dimensioniert, da vor Ort gekocht wird und dennoch die Aromen von den Backwaren sowie von frischem Obst und Gemüse wahrgenommen werden sollen.
Das Gesamtkonzept muss stimmen
Eine Markthalle ist dann erfolgreich, wenn alle Pächter erfolgreich sind. Deshalb sind der Zugang und die Sichtbarkeit für alle drei Pächter entscheidend. Frisches Ost und Gemüse im Eingangsbereich spricht Passanten an und schafft Impulskäufe auf dem Weg zum Metzger oder Bäcker. Beim Bäcker geht’s oft schneller, an der Bedientheke beim Metzger dauert der Einkauf etwas länger. Das verbindende Element ist der gemeinsame Sitzbereich unter dem stilisierten Baum, quasi dem Markplatz.
Wie alle zusammenkommen
Die drei Pächter beauftragten einen Ladenbauer mit der Gestaltung- und Ausführungsplanung und Einrichtung der jeweiligen Bereiche sowie der Gemeinschafsflächen. Dies war in der Planungs- und Ausführungsphase der entscheidende Erfolgsfaktor. Der Einrichtungs-und Konzeptberater des Ladenbauers war Bindeglied zum Architekturbüro, den Fachplanern, dem Eigentümer und den drei Pächtern. Die Platzierung der Theken und festen Einbauten sowie die Gestaltung der Gemeinschaftsflächen wurden exakt abgestimmt.
Philipp Boll
Erfolgsfaktoren
Was braucht es, damit eine Markthalle erfolgreich ist? Aus Sicht des Einrichtungsberaters ist entscheidend:
- Architektonische Attraktivität: Historische Bausubstanz oder ein einzigartiger Charakter schaffen Aufenthaltsqualität.
- Lage: Kleinere Markthallen funktionieren, wenn Standort, Anbindung und Umgebung passen. Dazu gehören Sichtbarkeit, fußläufige Erreichbarkeit sowie Parkmöglichkeiten.
- Synergien: Die Nähe zu anderen Nahversorgungsangeboten, öffentlichen Institutionen oder Ärzten und Apotheken fördert Frequenz.
- Sortimentsmix: One-Stop-Shopping mit Bäcker, Metzger, Obst und Gemüse von örtlichen Anbietern.
- Treffpunkt und „Dritter Ort“: Gastronomisches Angebot zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Nachmittag schafft Orte zum Verweilen und zur Begegnung der Generationen.



