Reallabor für klimaneutrale Urbanität: Wie der frühere Flughafen Tegel zur Blaupause für klimaneutrale Städte wird

Auf dem Gelände des früheren Flughafens Tegel entsteht mit Berlin TXL ein von Grund auf neuer Stadtteil: Ein Modellprojekt, das zeigen soll, wie klimaneutrale, lebenswerte und vernetzte Stadtquartiere schon heute geplant werden können – und was sich auch kleine Kommunen von einem Mammutprojekt abschauen können. 

Berlin TXL
Ein Blick in die Zukunft: So soll das Schumacher Quartier einmal als Teil von Berlin TXL aussehen. Das Besondere des Stadtentwicklungsprojekts aus Sicht von Geschäftsführer Frank Wolters: „Auf dem ehemaligen Flughafen Tegel entsteht auf 500 Hektar ein Reallabor, das ökologische, technologische und soziale Innovationen erstmals in dieser Dichte zusammenführt.“ Foto: Berlin TXL Management GmbH/Ponnie Images

Städte und Gemeinden stehen vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen zusätzlichen Wohnraum schaffen und gleichzeitig ihre Infrastruktur klimaresilient, energieeffizient und bezahlbar umbauen. Berlin TXL zeigt, wie diese Transformation konkret gelingen kann – nicht als theoretische Vision, sondern als mögliche Blaupause für Kommunen jeder Größe. Auf dem ehemaligen Flughafen Tegel entsteht auf 500 Hektar ein Reallabor, das ökologische, technologische und soziale Innovationen erstmals in dieser Dichte zusammenführt.

Berlin TXL umfasst die Urban Tech Republic als Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien mit bis zu 1000 Unternehmen, einen großen Landschaftsraum sowie das Schumacher Quartier mit über 5000 Wohnungen für mehr als 10.000 Menschen. Leitidee ist eine Stadt, die Natur integriert, Ressourcen schont und Lebensqualität steigert.

Entwicklung zur Schwammstadt

Von energieeffizientem Bauen über neue Mobilitätskonzepte bis hin zu intelligentem Wasser- und Klimamanagement wird hier das System Stadt neu gedacht. Technologien für klimaneutrale Quartiere werden vor Ort erforscht, produziert, getestet und in marktfähige Lösungen überführt.

Mit begrünten Fassaden, Dächern und Freiflächen setzt Berlin TXL auf eine urban-ökologische Nachverdichtung. Gleichzeitig wird das Schwammstadt-Prinzip konsequent umgesetzt, um das Quartier widerstandsfähig gegen Starkregen, Trockenheit und Hitze zu machen.

Im Schumacher Quartier bleibt Regenwasser als Ressource vor Ort – zur Bewässerung, Kühlung und Verbesserung des Mikroklimas. Gemeinsam mit der TU Berlin, der Berliner Hochschule für Technik und den Berliner Wasserbetrieben wird erforscht, wie Regenwasser lokal gespeichert, gereinigt und genutzt werden kann. Die Versuchsanlage dient als Blaupause für klimaresiliente Quartiere in Deutschland und darüber hinaus.

Biodiversität im urbanen raum

Ein weiterer Baustein ist das sogenannte Animal Aided Design: Gebäude und Freiflächen werden so geplant, dass gezielt Lebensräume für Tierarten wie Fledermäuse oder Turmfalken entstehen. Ziel ist eine höhere Biodiversität als auf der heutigen Freifläche.

Auch Mobilität wird neu gedacht. Das Schumacher Quartier ist weitgehend autofrei. Parken erfolgt in den Mobility Hubs an den Rändern des Viertels. Diese Verkehrsknotenpunkte verknüpfen ÖPNV, Sharing Angebote, E-Mobilität und autonome Systeme. Breite Radwege sorgen für kurze Wege und hohe Aufenthaltsqualität. Für die Bewohnerinnen und Bewohner bedeutet das: weniger Verkehrslärm und mehr sichere öffentliche Räume.

Die Energieversorgung erfolgt über ein Niedrigtemperaturnetz, das erneuerbare Energien, Industrieabwärme und Abwasserwärme integriert. Wärmepumpen erzeugen Wärme und Kälte bedarfsgerecht. Energie wird dezentral erzeugt, gespeichert und genutzt.

Digitalisierung bildet das Rückgrat des Projekts: Sensorik und intelligente Infrastruktur ermöglichen effizientes Strom-, Wasser- und Klimamanagement. Der FUTR HUB dient dabei als digitaler Maschinenraum für die vernetzte Steuerung urbaner Systeme.

Holz als Gamechanger

Ein wichtiger Hebel für die Transformation zur klimaneutralen Stadt ist die Nutzung nachwachsender, ressourcenschonender Baustoffe, wie Holz. Denn Holz ermöglicht eine langfristige Kohlenstoffspeicherung und ersetzt emissionsintensive Baustoffe wie Beton. Außerdem kann es regional bezogen werden.

Holzbau spielt deshalb eine zentrale Rolle bei der Errichtung des Schumacher Quartiers. Gleichzeitig zeigen sich die Herausforderungen moderner Stadtentwicklung: gestiegene Baukosten, lange Planungsverfahren und schwierige Finanzierungsbedingungen. Deshalb wurde das Projekt in kleinere Bebauungspläne unterteilt, um flexibler auf Veränderungen reagieren zu können.

Wegweiser weit über Berlin hinaus

Berlin TXL versteht sich als Reallabor für die Stadt von morgen: naturbasiert, klimaneutral, digital vernetzt und sozial gedacht. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel von Wohnen, Arbeiten, Energie, Wasser, Mobilität, Natur und digitaler Infrastruktur. Genau diese integrierte Perspektive könnte künftig wegweisend für Städte und Gemeinden weit über Berlin hinaus sein.

Frank Wolters


Der Autor

Frank Wolters ist Geschäftsführer der Berlin TXL Management GmbH, die im Auftrag des Landes Berlin die Flächen des ehemaligen Flughafens Tegel zu einem Innovationspark für urbane Technologien, Berlin TXL – Urban Tech Republic, und einem smarten Wohnquartier, dem Schumacher Quartier, entwickelt.


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