Schulbau für den Ganztag: Warum Bestand und Bedarfsplanung wichtiger werden

Der Ganztagsanspruch stellt viele Kommunen vor neue Herausforderungen im Schulbau, doch nicht immer ist ein Neubau die beste Lösung. AKH-Präsident Gerhard Greiner schlüsselt auf, warum Bestand und frühe Bedarfsplanung stärker in den Blick gehören: mit Blick auf Hessen – und darüber hinaus.

Schulbau Ganztag
Abriss der alten Schule oder Sanierung und Umbau? Gerhard Greiner plädiert dafür, möglichst auf Bestand zurückzugreifen: „Bestandsgebäude haben materiellen und oft identitätsstiftenden Wert.“ Mehr noch: „Meist ist Umbau das effizienteste Mittel.“ Foto: Adobe Stock/Bumann

Der Ganztagsanspruch erhöht den Handlungsdruck auf viele Kommunen. Was bedeutet das aus planerischer Sicht?

Gerhard Greiner: Schule wird vom Unterrichtsort stärker zum Lern- und Lebensort. Es geht nicht nur um Klassenräume: Auch Essen, Bewegung, Rückzug, Betreuung und gemeinsames Lernen brauchen Platz. Der Ganztag ist eine Chance, Schulstandorte neu zu betrachten. Statt blind Flächen zu schaffen, muss zuerst geklärt werden, was gebraucht wird. Aktuell ist der Bedarf hoch, langfristig wird er wieder sinken. Wir dürfen nicht den Leerstand der Zukunft bauen. Es braucht nachhaltige Nutzungs- und Umnutzungskonzepte. Schulräume könnten später Vereinen oder einer Stadtbibliothek dienen.

Was sollten Kommunen tun, bevor sie über Sanierung, Erweiterung oder Neubau entscheiden?

Gerhard Greiner: Der erste Schritt ist die Bedarfsplanung in der sogenannten Phase Null. Hier werden die Weichen gestellt – auch wirtschaftlich. Je früher Schulleitung, Schulträger, Pädagogik, Gebäudemanagement und Planer zusammenkommen, desto besser. Frühe Abstimmung vermeidet Umplanungen und Kosten. Die Nutzerinnen und Nutzer wissen, was der Bestand kann und was fehlt. Kommunen müssen das nicht allein bewältigen. Die Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen berät bei Vorbereitung und Strukturierung.

Bestand weiterdenken statt neu bauen

Auf welche Erfahrungen kann man hier zurückgreifen?

Gerhard Greiner: Ein Beispiel ist die Wilhelm-Arnoul-Schule in Mörfelden-Walldorf. Die Schulgemeinde wurde einbezogen, Entwürfe in Workshops mit den Anforderungen der Nutzer abgeglichen, von Abläufen und Raumaufteilung bis zu Materialien und Haustechnik. Das Projekt stand 2023 auf der Shortlist „Auszeichnung Vorbildlicher Bauten im Land Hessen“.

Welche Rolle spielt der vorhandene Gebäudebestand?

Gerhard Greiner: Auch hier zeigt die Wilhelm-Arnoul-Schule, wie es geht. Der Bau von 1962 wurde saniert, weitergenutzt und durch einen Neubau in Holzbauweise ergänzt. Viele Schulen lassen sich umbauen, ergänzen oder anders organisieren. Neue Gebäude sollten so entwickelt werden, dass sie auf neue pädagogische Konzepte und veränderte Schülerzahlen reagieren können.

Bestandsgebäude haben materiellen und oft identitätsstiftenden Wert. Für einen Abriss sollte es gute Gründe geben. Funktionalität, Barrierefreiheit, Brandschutz und Wirtschaftlichkeit müssen stimmen. Meist ist Umbau das effizienteste Mittel. In jedem Fall braucht es gute Planung.

Was macht heute einen guten Schulbau aus?

Gerhard Greiner: Räume müssen unterschiedliche Lernformen ermöglichen: Gemeinschafts-, Rückzugs- und Bewegungsbereiche sowie gute Außenräume. Schule sollte als Teil des Quartiers gedacht werden. Sporthalle, Mensa, Bibliothek, Schulhof oder Veranstaltungsräume können auch außerhalb des Schulbetriebs genutzt werden. Umgekehrt können Schulräume auch außerhalb der Schule liegen.

Ein Beispiel dafür ist der Sport- und Bildungscampus Bürstadt: Aus einer abgeschlossenen Sportanlage wurde ein offener Treffpunkt für die Nachbarschaft. Vereine, Jugendliche, Seniorinnen und Senioren sowie Lehrkräfte wurden in die Bedarfsermittlung einbezogen. Heute gibt es dort Räume für Nachmittagsbetreuung, Jugendtreffs und Sprachkurse.

„Wer billig plant, baut teuer“

Wo liegen derzeit die größten Schwierigkeiten bei kommunalen Schulbauprojekten?

Gerhard Greiner: Die Anforderungen sind enorm gestiegen: Ganztagsbetreuung, Barrierefreiheit, Brandschutz, dazu kommen steigende Kosten. Gleichzeitig fehlen vielen Verwaltungen Personal, Zeit und teils Bauherren-Know-how. Für Planerinnen und Planer sind klare Zuständigkeiten, verlässliche Ansprechpartner und zeitnahe Entscheidungen wichtig.

Was sind Ihre Erwartungen an die Politik?

Gerhard Greiner: Bund und Land müssen verlässliche Rahmenbedingungen schaffen und die nötigen Mittel bereitstellen. Das Sondervermögen Infrastruktur bietet eine große Chance. Hessens Kommunen stehen daraus rund 4,7 Milliarden Euro zur Verfügung, Schulbau und Betreuungsinfrastruktur sind förderfähig.

Und was erwarten Sie von den Kommunen selbst?

Gerhard Greiner: Kommunen sollten Schulbau als strategische Bauherrenaufgabe angehen, Bedarfe früh klären und Planungskompetenz einbinden. Gerade bei knappen Ressourcen darf nicht an Planung gespart werden. Wer billig plant, baut teuer. Gute Vorbereitung hilft, spätere Mehrkosten zu vermeiden. Schule ist mehr als Dach und vier Wände. Menschen prägen Räume. Und Räume prägen Menschen. Schulen kommt eine besondere Bedeutung, den Entscheidern eine besondere Verantwortung zu.

Was bedeutet die losweise Vergabe von Planungs- und Bauleistungen?

Gerhard Greiner: Sie bleibt Regelfall und stärkt Wettbewerb sowie Qualität, öffnet kommunale Projekte für kleinere Büros und sichert regionale Wertschöpfung. Handwerker aus der Region kommen auch in drei Jahren, wenn „was klemmt“. Auch Architektenwettbewerbe bleiben wichtig. Sie schaffen Auswahl, fördern Qualität und helfen, für komplexe Aufgaben die überzeugendste Lösung zu finden.

Interview von Sabine Schmidt

Foto: AKH_Kirsten Bucher

Zur Person

Gerhard Greiner ist Präsident der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen (AKH).


Unterstützung für den Ganztag

Seit August 2026 haben alle Kinder der ersten Klassenstufe einen bundesweiten Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung von acht Stunden täglich an fünf Werktagen. Der Anspruch wird bis 2029/2030 auf die Klassenstufen eins bis vier ausgeweitet.

Der Bund unterstützt die Länder und Kommunen durch eine Beteiligung an den Kosten für Ausstattungsinvestitionen sowie für Um- und Neubauten mit insgesamt 3,5 Milliarden Euro. Dafür gibt es zwei Investitionsprogramme: Das erste, das sogenannte Beschleunigungsprogramm, ist 2022 ausgelaufen. Das Investitionsprogramm Ganztagsausbau hat im Jahr 2023 begonnen und läuft bis Ende 2029.

Ab 2026 beteiligt sich der Bund zudem an den Betriebskosten. Die Mittel wachsen auf bis zu 1,3 Milliarden Euro jährlich ab 2030. Die mit der Ganztagsbetreuung verbundenen Betriebskosten unterliegen der Finanzierungsverantwortung der Länder.

Zum Weiterlesen

Mehr zum Thema Schulbau in der Publikation „Schule als offene Struktur? Lernorte der Zukunft aus pädagogischer, architektonischer und kommunalpolitischer Sicht“.

Mehr zum Thema

Nachhaltiger Schulbau

Nachhaltiger Schulbau: Warum Qualität auch schnell und günstig geht

Veränderte Pädagogik- und Raumkonzepte, marode Schulen, das Recht auf Ganztagsbetreuung: Schulbau soll neu gedacht werden – wie aber können Kommunen …
Schulbau in Hybridbauweise

Schulbau in Hybridbauweise: Wie Darmstadt nachhaltige Bildungsbauten realisiert

Die Heinrich-Hoffmann-Schule in Darmstadt wurde neu gebaut: mit vorgefertigten Holzfassaden vor einer Stahlbetonskelett-Konstruktion. Das ist mehr als „nur“ eine Schule, …
Klimafreundlicher Schulbau

Schnell, nachhaltig, pädagogisch durchdacht: Marburg zeigt, wie klimafreundlicher Schulbau gelingt

Auf steigende Schülerzahlen und den Ausbau zum Ganztagsbetrieb hat Marburg mit einem Modulbau reagiert. Zentrales Anliegen: pädagogische Konzepte mit nachhaltiger …