Veränderte Pädagogik- und Raumkonzepte, marode Schulen, das Recht auf Ganztagsbetreuung: Schulbau soll neu gedacht werden – wie aber können Kommunen mit dem Veränderungsdruck umgehen? Welche Konzepte sind nachhaltig, dabei aber auch finanzierbar? Antworten aus der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen von Christine Lemaitre.

In Sachen Schulbau ist aktuell viel in Bewegung – wie lautet Ihre aktuelle Zwischenbilanz?
Christine Lemaitre: Der Veränderungsdruck ist tatsächlich enorm. Aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen ergibt sich dabei ein sehr durchwachsenes Bild: Es gibt Schulen, die dezidiert nachhaltig gebaut werden sollen, mit oder ohne Förderung.
Ebenso gibt es Bauprojekte, die ausschließlich auf schnell und günstig setzen, und weitere, die aus unserer Sicht wichtige Aspekte außen vorlassen. Dazu kommt, dass jahrzehntelang zu wenig in Schulen investiert wurde, dass beim Gebäudeunterhalt so viel wie nur irgend möglich gespart werden sollte. Das hieß allzu oft, dass Gebäude sich selbst überlassen wurden, und jetzt gibt es tatsächlich sehr viel zu tun.
Sanierung ist teuer, und auch Neubauten sind große Herausforderungen allein schon wegen der enormen Baukostensteigerungen. Was kann hier gehen?
Christine Lemaitre: Es kann sehr viel gehen. Wir müssen gut und richtig, wir müssen Qualität bauen – das geht schneller und günstiger, als viele oft denken.
„Wir sollten den Schulbau anders denken“
Auf den ersten Blick scheint sich das zu widersprechen – wie kann es dann doch zusammenpassen?
Christine Lemaitre: Alles steht und fällt mit dem grundlegenden Konzept. Wichtig ist: Wir sollten den Schulbau anders denken, als er bisher meist gedacht wurde. Robuster, kompakter, an manchen Stellen auch schlichter. Mit reduzierter und innovativ aufgestellter Haustechnik – die Haustechnik ist oft in großem Maß daran beteiligt, die Kosten in die Höhe zu treiben: Gebäude verbrauchen schon mal bis zu 30 Prozent mehr Energie, als gedacht und versprochen war. Und: Der Schulbau sollte an den Klimawandel angepasst sein.
Was heißt das konkret – wie sollte Schulbau auf den Weg gebracht werden?
Christine Lemaitre: Schulbau sollte multifunktional und für die nächsten 100 Jahre konzipiert sein. Damit das gelingen kann, sollte man auf den Anfang großen Wert legen. Genauer: nicht einfach loslegen, sondern sehr genau hinschauen – die Konzeptplanung ist das A und O.
Eine zentrale Frage sollte sein: Was braucht diese Schule wirklich? Wie groß muss zum Beispiel die Sporthalle sein – geht es auch eine Nummer kleiner? Wie viel Raum muss tatsächlich verbaut werden? Welches Areal außerhalb des Gebäudes lässt sich für den Schulbetrieb nutzen? Wie lässt sich das Gebäude nach und neben dem Schulbetrieb nutzen? Bisher wurden Gebäude meist ausschließlich auf den Schulbetrieb hin gedacht: Raum wurde gebaut, der oft leer steht, sich aber auch abends oder an den Wochenenden nutzen ließe, zum Beispiel als Raum für Events und Begegnungen.
Schulbau für heißere Sommer
Welche Rolle spielt dabei das Thema Baumaterial?
Christine Lemaitre: Das ist natürlich ein wesentlicher Aspekt, aber auch hier sollte man genau hinschauen. Holz zum Beispiel ist ein wunderbares, nachhaltiges Material. Aber „einfach nur“ Holz ist nicht die Lösung: Das Material kann seine Wirkung nur in einem guten Gesamtkonzept entfalten. Das kann dann zum Beispiel heißen: Holz mit Lehm kombiniert.
Sie haben den Klimawandel angesprochen – wie sollte er in Planungskonzepten berücksichtigt sein?
Christine Lemaitre: Jetzt im Herbst verblasst leider schon wieder allzu oft der heiße Sommer in der Erinnerung. Sehr wahrscheinlich wird es aber auch in den nächsten Sommern heiß werden. Das heißt zum Beispiel: Große Fensterflächen an der Südseite sind keine gute Idee, Verschattung ist wichtig. Teure, konventionelle Belüftungssysteme müssen dagegen nicht unbedingt sein – Kindern ist durchaus zuzumuten, dass sie in der Pause die Fenster öffnen, solange der Sommer noch erträglich ist.
Zumal es bei sehr hohen Temperaturen hitzefrei gibt, und die Schulen im Sommer sechs Wochen nicht für den Schulbetrieb genutzt werden. Wichtig ist insgesamt die Frage, wie man Wärme draußen halten kann, oder auch, wie Nachtkühlung funktionieren kann. Vieles ist sehr gut mit Lowtech möglich, und allein damit lassen sich schon Kosten sparen.
Ein Vorbild für nachhaltigen Schulbau
Innovative Gebäudetechnik, nachhaltiges Baumaterial, Multifunktionalität, dazu Dachbegrünung und Photovoltaik – und vieles mehr. Wenn Schulbau so sehr viel mehr heißt, als Räume und Flure bereitzustellen, Schulen aber auch nicht laufend gebaut werden, also Erfahrungen fehlen: Wie ist das vor Ort umzusetzen?
Christine Lemaitre: Ohne Fortbildung und Wissenserweiterung geht es nicht, an ihnen kommt niemand vorbei. Sie sind über den Schulbau hinaus aber für alle Bauvorhaben dringend erforderlich. Ein guter Weg ist zudem die Exkursion – die Zeit dafür sollte man sich nehmen, und die Kosten dafür halten sich in Grenzen: Die Entscheider schauen sich ein Schulgebäude an, das nachhaltig errichtet ist und als Vorbild für ihre neue Schule fungieren könnte. So erhält man wichtige Impulse und kann dabei auch gleich sehen, was sich bereits in der Praxis bewährt.
Können Sie ein Beispiel für einen nachhaltigen Schulbau nennen, von dem sich andere anregen lassen könnten?
Christine Lemaitre: Die Josef-Schwarz-Schule in Heilbronn – von diesem Schulbau lässt sich viel lernen. Dort findet sich beispielsweise neben zukunftsweisender Gebäudetechnik wie Geothermie, Heiz-und Kühldecken aus Lehm eine großflächige Photovoltaikanlage auf den Dachflächen. Das Gebäude ist neben den tragenden Teilen aus Stahlbeton in weiten Teilen in Holz-Hybrid-Bauweise erstellt. Teile des Mobiliars wurden unter dem Aspekt der regionalen Herkunft und Wertschöpfung erstellt. Im Erdgeschoss der Schule befinden sich neben Aula, Sporthalle und Mensa eine gemeinnützige Beratungs- und Begegnungsstätte sowie ein Restaurant.
Wenn man es auf den Punkt bringen will: Was ist für Sie in Sachen nachhaltiger Schulbau entscheidend?
Christine Lemaitre: Es sind zwei Punkte. Zum einen sollte die Frage zentral sein: Wie muss eine Schule gebaut sein, damit ich meine Kinder mit gutem Gefühl dort lernen lassen möchte? Und: Ein qualitativ hochwertiges, nachhaltiges Schulgebäude muss nicht teurer sein als ein konventioneller Bau.
Interview von Sabine Schmidt
Zur Person
Dr. Christine Lemaitre ist Geschäftsführender Vorstand bei der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V.



