Es ist höchste Eisenbahn, heißt es immer öfter, und tatsächlich lösen sich zunehmend Städte und Gemeinden von proprietärer Software aus den USA. Sicherheit ist dabei ein wichtiger Aspekt, zudem lassen sich Kosten einsparen, betont Fachjournalist Tillmann Braun – er erläutert, warum er für Digitale Unabhängigkeit plädiert.

Noch vor wenigen Jahren fand die Digitale Souveränität kaum Beachtung – weder auf kommunaler Ebene noch in Berlin. Doch mittlerweile herrscht deutschlandweit sowie parteiübergreifend Konsens, dass es mit der digitalen Abhängigkeit von den USA nicht wie bisher weitergehen kann. Die Grünen zum Beispiel verglichen die Situation anschaulich mit der Abhängigkeit von russischem Gas. Auch in der SPD wird gefordert, dass Deutschland und Europa digital souverän werden müssen, um nicht am Ende eine digitale Kolonie amerikanischer Systeme zu werden.
Die Sorge, dass die digitale Abhängigkeit weitreichende Folgen haben kann, greift in Europa um sich. Zum Beispiel Nicolas Guillou: Dem Franzosen wurden plötzlich Kreditkarte, Amazon-Konto und Bankzugang entzogen. Nachdem der Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag den Haftbefehl gegen Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu unterschrieben hatte, erschien sein Name auf einer Sanktionsliste der US-Regierung – und die Tech-Firmen setzten um.
Mit einem Mal ist der Zugriff verwehrt
Im Juni wiederholte sich die Geschichte in anderer Form – diesmal betrifft es weltweit alle ohne amerikanische Staatsbürgerschaft. Denn die US-Regierung hat das KI-Unternehmen Anthropic dazu verdonnert, allen Nicht-US-Bürgern Zugriff auf die beiden KI-Modelle „Fable 5“ und „Mythos 5“ zu verwehren. Die gesetzte Frist dafür betrug lediglich 90 Minuten. Dann ging für Europäer und den Rest der Welt plötzlich nichts mehr.
Schleswig-Holstein ging die Umstellung auf eine europäische Software-Lösung als Erstes an. Seit 2024 wurden Microsoft Office und Outlook hier schrittweise auf nahezu allen Rechnern deinstalliert. Inzwischen arbeitet man standardmäßig mit der quelloffenen Software LibreOffice, und die E-Mail-Postfächer wurden auf eine Lösung des deutschen Software-Spezialisten Open-Xchange umgestellt. Die restlichen verbleibenden Microsoft-Verträge laufen 2029 aus.
Auch in anderen Bundesländern wie Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg arbeitet man an einem Umstieg auf Open-Source-Lösungen.
Mehr Sicherheit für städtische E-Mails
Doch nicht nur auf Länderebene und in Metropolen wächst der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit. Anstatt auf Entscheidungen auf nationaler Ebene zu warten, gehen immer mehr Kommunen das Thema eigenständig an. So hat beispielsweise die bayerische Stadt Neuburg zwischen März und Juni ihren E-Mail-Verkehr von Microsoft Outlook auf OpenDesk umgestellt.
„Ziel war, eine digitale Souveränität und damit eine erhöhte Sicherheit für den städtischen E-Mail-Verkehr zu erlangen“, erklärt Bernhard Mahler, Pressesprecher der Stadt. Gerade bei kritischer Infrastruktur wie dem E-Mail-Verkehr – ohne den moderne Verwaltungsarbeit nicht mehr möglich ist – sei digitale Souveränität kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, betont man in Neuburg. Im nächsten Schritt ist bereits der Ausbau der Plattform um Chat- und Videofunktionen geplant.
Vielen Kommunen ist offenbar klar geworden, dass man nicht länger abwarten kann. Um den Zug nicht zu verpassen, müssen die Weichen jetzt gestellt werden. Die Verantwortlichen schauen vor allem darauf, welche europäische Lösungen es auf Open-Source-Basis bereits gibt, da sie – im Gegensatz zu US-Software – eingesehen, kontrolliert und notfalls zukünftig ausgetauscht werden können.
Zugleich werden teils Millionen an Lizenzgebühren eingespart. Im Fall von Schleswig-Holstein sind dies 15 Millionen Euro pro Jahr, die so an anderer Stelle genutzt werden können.
Schritt für Schritt umbauen
Die Beispiele von Hamburg bis nach Neuburg an der Donau zeigen, wie es geht: Zunächst sollten die Applikationen umgestellt werden, bei denen dies bereits möglich ist – eine nach der anderen. Wichtig ist jedoch, dass kein Flickenteppich entsteht, bei dem am Ende nichts zusammenpasst. Von Anfang an sollte es eine klare Gesamtidee geben sowie einen Entwicklungspfad, damit letztlich alles zusammenläuft.
Am besten jetzt starten
Um zu vermeiden, dass einzelne Fachverfahren nicht mehr funktionieren, kann man pragmatisch zunächst kleine Microsoft-Umgebungen dort weiter nutzen, wo es notwendig ist – mit wenigen Lizenzen. Wie in Schleswig-Holstein können die nächsten Schritte dann nach und nach erfolgen.
Microsoft über Nacht überall ersetzen zu wollen, ist keine realistische Option und wäre mit viel Risiko behaftet. Der Schlüssel zum Erfolg ist vielmehr der Zeitfaktor: Jetzt sollten Kommunen ihre Reise in die Digitale Unabhängigkeit antreten. So kommt man am schnellsten und sichersten ans Ziel.
Tillmann Braun
Der Autor
Tillmann Braun ist Fachjournalist mit Schwerpunkt IT und Digitalisierung aus Haiterbach.




