Wo im Alter wohnen?

Seniorin: Die Analyse der Bevölkerungsentwicklung zeigt, dass steigende Wohnkosten künftig auf sinkende Alterseinkommen sowie einen Zuwachs der Zahl der Pflegebedürftigen treffen werden. - Foto: Didesign/Adobe Stock

Die Altersgruppe der Senioren wird wachsen. Sinken werden dagegen die Rentenbezüge eines Teils dieser Altersgruppe. Damit stellt sich für viele die Frage nach bezahlbarem Wohnraum im Alter. Der generationengerechte Bau und Umbau bringt individuelle Vorteile und entlastet zudem die Pflegekassen.

Die Bevölkerung wird immer älter und bleibt länger gesund, eine grundsätzlich positive Botschaft. Doch die von 17,7 Millionen im Jahr 2017 auf knapp 24 Millionen bis 2040 steigende Zahl von Menschen im Rentenalter führt zu Problemen in der Sozialstaatsfinanzierung. Die sinkende Zahl der Erwerbstätigen muss eine steigende Zahl von Rentnern versorgen. Der sogenannte Altenquotient, der die Bevölkerungszahl im Ruhestandsalter ins Verhältnis setzt zur Bevölkerungszahl der Menschen von 20 Jahren bis zum Eintritt in den Ruhestand, steigt von aktuell 34 auf 47 im Jahr 2035.

Selbst bei Realisierung der gegenwärtig diskutierten Mindestrente müssen künftig mehr Neurentner ihren Konsum deutlich einschränken. Fast 21 Prozent aller Beschäftigten arbeiten heute im Niedriglohnsektor. Bei einem dauerhaften Niedriglohneinkommen liegt die Rente auch nach 45 Jahren unter dem Grundsicherungsniveau. Das 3-Säulen-Modell – gesetzliche Rente, private kapitalgedeckte Vorsorge und betriebliche Altersabsicherung – funktioniert bei Beziehern niedriger Einkommen nicht, da hier private Vorsorge kaum möglich ist und Betriebsrenten eher die Ausnahme sind. Gebrochene Erwerbsbiografien und die rechtlich mögliche Absenkung des Rentenniveaus nach 2025 tun ein Übriges.

Im Klartext: Die gesetzliche Rente wird für einen großen Teil dieser Beschäftigten einmal die einzige Art des Einkommens sein und nicht ausreichen, den bisherigen Lebensstandard auch nur annähernd zu halten. Insgesamt ist zu befürchten, dass der Anteil an Senioren, der ergänzende Grundsicherungsleistungen benötigt, von aktuell rund drei Prozent innerhalb der kommenden 20 Jahre auf 25 bis 35 Prozent steigt. Die bereits heute vorhandene und sich in Zukunft verschärfende Altersarmut wirft die Frage auf, wie für einen Teil der Senioren bezahlbares Wohnen bereitgestellt werden kann.

Gemildert wird das Problem durch Vermögen, vor allem aber durch gemeinsames Wohnen mit einem Partner oder einer Partnerin. Allerdings leben bereits heute in der Altersgruppe „65 bis unter 70 Jahre“ rund 24 Prozent und insgesamt in der Altersgruppe „65 plus“ ein Drittel der Menschen als Single.

Bei stabilen Quoten wird die Zahl der Pflegebedürftigen von rund vier Prozent im Jahr 2017 auf über 5,1 Prozent 2035 und über sechs Prozent im Jahr 2050 ansteigen. Die Zahl der Leistungsempfänger der gesetzlichen Pflegeversicherung steigt von 3,3 Millionen Personen im Jahr 2017 auf über fünf Millionen Personen 2050 an. Entsprechend erhöhen sich die Pflegekosten. Noch stärker wird wegen der sich verschlechternden Einkommenssituation der Senioren die im Rahmen der Sozialhilfe zu leistende „Hilfe zur Pflege“ ansteigen.

Bisher behielten viele Haushalte ihre vor Jahrzehnten bezogene Wohnung auch im Rentenalter. Dies wird für einen wachsenden Teil der Senioren künftig nicht möglich sein. Steigenden Wohn- und Energiekosten kann bei knappen Einkommen letztlich nur über eine Reduzierung der Wohnfläche begegnet werden. Da der Wohnungsbestand weitgehend fixiert ist – bei den heutigen Wohnungsabgangsraten werden 98 Prozent des heutigen Wohnungsbestandes auch 2035 noch zum Angebot zählen – ist ein Ausweichen auf kleinere Wohnungen nur begrenzt möglich, zumal „klein und barrierearm“ selten ist.

Die Lage und die Entwicklungen zeigen die Notwendigkeit einer Förderung kleiner altersgerechter Wohnungen und des Wechsels von Haushalten der Altersgruppe „65 plus“ in kleinere Wohnungen oder gemeinschaftliche Wohnformen innerhalb ihres Quartiers. Pilotprojekte zur Ermittlung der Akzeptanz von Wohnformen mit reduzierter Wohnfläche sind jetzt zu initiieren und zu fördern, bevor die geburtenstarken Jahrgänge mit deutlichen Einkommenseinbußen das höhere Alter erreichen.

Das Angebot an barrierearmen Wohnungen, auch durch Umbau und Modernisierung bestehenden Wohnraums, ist auszuweiten. Einerseits zur Verbesserung der Sturz- und Unfallprävention, andererseits, um den Anteil der ambulanten Pflege zu stabilisieren oder sogar zu erhöhen. Auch das von den Menschen favorisierte Verbleiben in der eigenen Wohnung bei Eintritt der Pflegebedürftigkeit ist bei Barrierearmut erheblich einfacher und länger realisierbar. Für Eigentümerhaushalte sind Beratungs- und Zuschussprogramme erforderlich.

Wenn auch in diesem Bereich die Faustregel gilt, dass ein Fördereuro etwa acht Euro an privaten Investitionsmitteln nach sich zieht, wäre zur Umsetzung der geschätzten Investitionsbedarfe in Höhe von 50 Milliarden Euro ein Fördervolumen von 5,6 Milliarden Euro nötig. Bei Ansatz des definierten Zeitraums bis 2030 sind Fördermittel für den altersgerechten Bau- und Umbau in Höhe von jährlich 500 Millionen Euro nötig. Das ist ein überschaubarer Betrag mit gesamtwirtschaftlich positivem Effekt.

Ein weiterer finanzieller Vorteil ist die Senkung der Pflegekosten: Die Mehrkosten der stationären gegenüber der ambulanten Pflege liegen allein für die Pflegeversicherung im Bereich von 8500 Euro pro Jahr, der durchschnittliche Aufwand zur Herstellung einer barrierearmen Wohnung dürfte heute bei 17 000 Euro liegen. Damit wird eine barrierearme Wohnung gesellschaftlich „wirtschaftlich“, wenn sie im Laufe ihrer Nutzung die stationäre Pflege um zwei Jahre verschiebt.

Insgesamt kann ein zügiges Handeln der Politik mit entsprechenden Fördermaßnahmen und Pilotprojekten langfristig helfen, die Wohnkosten der Senioren in bezahlbarem Rahmen zu halten und über die Förderung der barrierearmen Modernisierung die stationäre Pflege für viele Menschen hinauszuzögern oder ganz zu vermeiden. Dies ist nicht nur individuell von Vorteil, sondern auch gesellschaftlich, da mit einem zunehmenden Anteil von Senioren zu rechnen ist, deren Wohn- und Pflegekosten vom Staat getragen werden müssen.

Matthias Günther

Der Autor
Matthias Günther ist Vorstand des Pestel-Instituts in Hannover

Info: Studie zur „grauen“ Wohnungsnot

Das Pestel-Institut hat in seiner aktuellen Studie „Wohnen 65plus“ im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Baustoff-Fachhandel das Problem steigender Mieten und sinkender Renten für die Baby-Boomer-Generation in Deutschland analysiert. – Kostenfreier Download der vollständigen Untersuchung (PDF, 2,46 MB)