Digital zum Wertstoffhof: Wie eine App den Bürgerservice stärkt

Kreislaufwirtschaft braucht die Mithilfe der Bürgerinnen und Bürger – und wird unterstützt, wenn man ihnen auf dem Weg zum Wertstoffhof entgegenkommt: zum Beispiel mit einer App und Zeitfenstern auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten. In Versmold und Essen kommt das bestens an.

Wertstoffhof-App
Eine für alle: Die App ist an die Bedürfnisse der Stadt oder der Region anpassbar, kann somit an jedem Wertstoffhof implementiert werden. Foto: Andreas Schmid

Nur ein paar Autominuten vom Versmolder Zentrum entfernt liegt einer der wenigen Wertstoffhöfe in Deutschland, der auch digital gebucht und per kostenfreier App genutzt werden kann. Die nordrhein-westfälische Stadt und der Betreiber Remondis haben hier etwas umgesetzt, was den Bürgerservice der Stadt maßgeblich erhöht.

Die Nutzung eines digitalen Wertstoffhofs ist einfach: Wer den Service – wie in Versmold – nutzen will, lädt die App des Betreibers auf sein Smartphone, legt einen Account an, wählt sein Zeitfenster aus, und schon geht’s los: Zum angegebenen Zeit-Slot zum Wertstoffhof fahren, mittels App und Bluetooth das Tor der Anlage öffnen, zu den klar beschilderten Containern fahren – in diesem Fall über eine Rampe – und bequem Papier, Möbelholz, Sperrmüll oder andere Wertstoffe entladen. Nach getaner Arbeit öffnet sich am Ausgang mithilfe eines Buzzers oder der Induktionsschleife das Tor.

Betriebsleiter Karsten Piechowiak ist begeistert von dem zeitgemäßen Service auf seinem Wertstoffhof, der bestens  von den Versmolder Bürgerinnen und Bürgern angenommen werde. Lange Warteschlangen wie früher gebe es nicht mehr, und die Zufriedenheit mit dem Angebot sei deutlich gestiegen.

Zusatzangebot ohne Aufwand dank Wertstoffhof-App

Ein großer Vorteil des digitalen Angebots: Der neue Wertstoffhof bietet zusätzliche Zeitfenster, während klassische Anlagen feste Öffnungszeiten haben, die im Durchschnitt gegen 17 Uhr enden – für viele Bürgerinnen und Bürger ein zu knappes Zeitfenster. Die Zahlen sprechen für sich: Mehr als 3000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer haben sich in Versmold mittlerweile registriert, monatlich gibt es rund 300 Terminbuchungen.

Das digitale Angebot eröffnet zwar eine zusätzliche Nutzung der Wertstoffstation, zusätzliche Mitarbeiter werden dafür aber nicht gebraucht – in Zeiten knapper Personalressourcen ein wichtiger Aspekt.

Die App wurde mithilfe der Design-Thinking-Methode geschaffen: einer Kreativtechnik, die konsequent vom Nutzerbedürfnis ausgeht. Neben Service und Komfort steht Sicherheit auf dem digitalen Wertstoffhof ganz oben. Gute Beleuchtung, Videoüberwachung und klare Führung durch Beschilderung sorgen dafür, dass die Abgabe der Wertstoffe zu einem erfolgreichen und angenehmen Besuch wird.

Die App ist individuell an die Bedürfnisse der Stadt oder der Region anpassbar, kann somit an jedem Wertstoffhof implementiert werden – auch Layout und einzelne Angebote sind individualisierbar.

Anwendbar auch in der Großstadt?

Das nordrhein-westfälische Versmold ist eine Kleinstadt mit gut 22.000 Einwohnern und liegt im ländlichen Raum. Kann das digitale Angebot auch in einer Metropolregion mit Hunderttausenden Menschen funktionieren? Dort, wo Frequenz und Anforderungen umfangreicher sind, ist es womöglich weitaus schwieriger, einen digitalen Service umzusetzen.

Die Ruhrgebietsmetropole Essen mit ihren knapp 590.000 Einwohnern hat den Versuch gewagt – und ist sehr zufrieden damit, wie die Selfservice-Recyclingstation an der Langenbergstraße von der Bevölkerung angenommen wird. Seit September 2024 können Essenerinnen und Essener im südöstlichen Stadtteil Überruhr-Holthausen auch nach Feierabend bis 22 Uhr ihre Wertstoffe abgeben.

Starke Nachfrage in Essen

„Bereits nach nur einem Monat hatten sich mehr als 1130 Bürgerinnen und Bürger registriert – das übertraf unsere Erwartungen deutlich“, so Ulrich Husemann, Geschäftsführer der Entsorgungsbetriebe Essen (EBE). „Insgesamt wurden in diesem ersten Monat von den angemeldeten Nutzern 454 Termine über die App gebucht, was uns aus dem Stand zur meistfrequentierten Selfservice-Recyclingstation bundesweit gemacht hat.“

Mittlerweile haben sich 3800 Nutzerinnen und Nutzer registriert. Gemeinsam mit dem Partner Remondis Digital Services sind die EBE mit dem digitalen Projekt einer Selfservice-Recyclingstation die ersten Entsorger im gesamten Ruhrgebiet und die ersten in einer nordrhein-westfälischen Großstadt.

Smart-City-Momente

„So gute Werte hat das App-basierte System bislang an keinem anderen Standort erzielen können“, ergänzt EBE-Geschäftsführer Karsten Woidtke. „Wir hatten schon damit gerechnet, dass die App gut angenommen wird, weil sie einen echten Mehrwert vor allem für Berufstätige bietet, die jetzt flexibler und unabhängig von den regulären Öffnungszeiten ihre Wertstoffe abgeben können.“ Aber dass der Selfservice so überragend gut angenommen wird, sei dann doch überraschend und besonders erfreulich.

Die EBE wollen prüfen, ob die erfolgreiche App auch an anderen Essener Recyclinghöfen oder -stationen zum Einsatz kommen wird. Ob Versmold oder Essen – so gelingt Digitalisierung im Alltag, die vor Ort einen echten Mehrwert liefert und aus einer klassischen Klein- oder Großstadt eine Smart City macht.

Andreas Schmid


Der Autor

Andreas Schmid schreibt als freier Journalist über den Bereich Kreislaufwirtschaft.


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