Verkehrswende im Quartier: Welche Erfahrungen Nürnberg mit Superblocks macht

Im Quartier Gostenhof testet Nürnberg das Superblock-Konzept. Begleitet wird das Experiment von einer Evaluation: Anwohner werden befragt, dazu kommen Daten unter anderem aus Verkehrszählungen und von der Polizei. Frank Jülich, Leiter des Verkehrsplanungsamts, erläutert das Projekt und ordnet es aus Sicht der Stadt ein.

Superblocks Nürnberg
Stadtgrün und Sitzgelegenheiten statt Parkraum direkt vor der Haustür im Quartier Gostenhof – die Reaktionen sind unterschiedlich: Es gibt große Zustimmung ebenso wie starke Ablehnung. Foto: Verkehrsplanungsamt Nürnberg

Das aus Barcelona stammende Konzept der „Superblocks“ ist in aller Munde. Es sieht eine Verkehrsführung im Stadtteil vor, die keinen Kfz-Durchgangsverkehr zulässt. Daneben ist ein wichtiges Element die Schaffung von Flächen für andere Nutzungen wie Grün, Sitzmöglichkeiten, Spielen oder Veranstaltungen. In Nürnberg wurde im September 2025 eine große Lösung mit vier neuen Fußgängerzonen und vier Modalfiltern für die Probephase von rund einem Jahr eingeweiht.

Gostenhof ist ein lebendiger Stadtteil südwestlich der Altstadt. Historische Blockrandbebauung wird von einer sehr diversen Bevölkerung bewohnt, oftmals mit Migrationshintergrund oder geringen finanziellen Möglichkeiten. Kulturschaffende und Familien sind dort ebenso zuhause wie eine ausgeprägte alternative Szene.

Superblocks im Nürnberger Stadtteil Gostenhof

Die Verkehrsführung in Gostenhof im Bereich westlich der Oberen Kanalstraße wurde bereits im Rahmen der Stadtteilsanierung und mit intensiver Öffentlichkeitsbeteiligung in den 1970er und 1980er Jahren so gestaltet, dass kein gebietsfremder Durchgangsverkehr mehr durch den Stadtteil fährt.

Bei der Planung zu den Superblocks in Gostenhof ging es deshalb in erster Linie nicht mehr um die Verhinderung gebietsfremder Durchfahrten, sondern um die Schaffung von autofreien Aufenthaltsflächen. Die vier neuen Straßenunterbrechungen wurden vorgesehen, um die Größe des Gebietes zu reduzieren und kleinere Blöcke zu erhalten.

Neuordnung des Parkraums

Der große Mehrwert entstand durch die neuen Fußgängerbereiche, da nur so Flächen für verschiedene Nutzungen geschaffen werden konnten. Dadurch sind 75 Parkplätze entfallen. Um das zu kompensieren, wurden im Gebiet 90 bislang unbewirtschaftete Stellplätze als Bewohnerparkplätze ausgewiesen.

Der einstimmige Beschluss des Stadtrates vom März 2025 für die Einführung von Superblocks zur Probe beinhaltet eine begleitende Evaluation. Um ein umfassendes Bild von der Einschätzung der Menschen vor Ort und der Nutzung der neuen Aufenthaltsflächen zu erhalten, wird eine Untersuchung durch ein unabhängiges Institut durchgeführt.

Zentraler Bestandteil dieser Evaluation ist eine Befragung aller Haushalte im Gebiet. Ergänzend kommt ab Juli 2026 eine Befragung der Gewerbebetriebe hinzu. Ebenfalls befragt werden die Nutzer der Aufenthaltsflächen, die keinen Wohnsitz in dem Gebiet haben.

Worum des bei der Evaluation geht

Die Fragen, um die es bei der Evaluation geht, beleuchten insbesondere, wie die neuen Aufenthaltsflächen und Gestaltungselemente in Anspruch genommen und bewertet werden. Sie beleuchten zudem die Einschätzung der verkehrlichen Situation vor und nach Einführung der Superblocks.

Zusammen mit Daten aus Verkehrszählungen und der Einschätzung der kommunalen Verkehrsüberwachung sowie der Polizei dienen die Ergebnisse der Evaluation als Diskussionsgrundlage für den Stadtrat: Er wird nach Abschluss der Probephase über die Beibehaltung, Anpassung oder Aufhebung der Superblocks entscheiden.

Intensive Debatte über die Superblocks

Die Einführung neuer Fußgängerbereiche schafft Raum für Gestaltung und Aufenthalt, sorgt aber gleichzeitig durch den damit verbundenen Parkplatzentfall für Kritik.

Essenziell war die Begleitung durch ehrenamtliches Engagement. Nur durch die Initiative „Nürnberg autofrei“, die sich lange für die Einrichtung von Superblocks in Gostenhof eingesetzt hat, können die neu hinzugewonnen Flächen bespielt und ein entsprechender Mehrwert generiert werden.

Mit einer Sondernutzungserlaubnis zur Gestaltung und Nutzung der Flächen sind die Zuständigkeiten zwischen Stadt und Initiative klar geregelt. Mit einem Gesamtvolumen von rund 250.000 Euro wird das Projekt durch Städtebauförderungsmittel (80 Prozent) aus dem Stadterneuerungsgebiet Weststadt gefördert. Die Stadt Nürnberg unterstützt das Projekt mit Eigenmitteln in Höhe von rund 50.000 Euro.

Anwohner sind informiert und beteiligt

Die Beteiligung der Bevölkerung vor und während des Prozesses ist entscheidend. Das Konzept wurde vor der Beschlussfassung in einer öffentlichen Veranstaltung des Bürgervereins vorgestellt und diskutiert.

Zur Austraße hat die Verwaltung eine eigene Veranstaltung durchgeführt, um die dortige Verkehrsregelung festzulegen. Zudem wurden Anwohnerinformationen vor Inbetriebnahme des Konzepts an alle Haushalte verteilt. Über Pressemitteilungen, die Internetseite des Verkehrsplanungsamtes, Social Media-Beiträge und einen Stammtisch der Initiative „Nürnberg autofrei“ wurde mehrfach über das Projekt berichtet.

Das aktuelle Feedback ist gemischt

Die meisten Beschwerden, die bislang bei der Verwaltung eingingen, betrafen die Parkplatzsituation, die bereits vorher angespannt war, sowie Lärmbelästigung durch die Nutzung der Aufenthaltsflächen vor Wohngebäuden. Gleichzeitig gibt es sehr viel positives Feedback. Der anstehenden Evaluation kommt daher eine wichtige Rolle zu, um ein umfassendes Bild über die Akzeptanz vor Ort zu erhalten.

Es ist nicht davon auszugehen, dass die umgesetzten Maßnahmen zu höheren Mietpreisen bis hin zu einer Gentrifizierung des Stadtteils führen. Mehr Wirkung auf die Wohnqualität hatten die Verkehrsberuhigungs- und Gestaltungsmaßnahmen im Zuge der Stadterneuerung aus den 1970er und 1980er Jahren, bei der der vormals starke Durchgangsverkehr durch das Viertel verhindert wurde, verkehrsberuhigte Bereiche eingerichtet wurden und Hinterhofbegrünungen das Gebiet aufgewertet hatten.

Auch diese Maßnahmen hatten nicht zu einer Verdrängung der dort lebenden Bevölkerung und zu Mieterhöhungen geführt, die über der allgemeinen Mietpreisentwicklung in Nürnberg lagen. Stattdessen befürchten Eigentümer wegen der angespannteren Parksituation eine Wertminderung ihrer Immobilie.

Frank Jülich


Der Autor

Frank Jülich leitet das Verkehrsplanungsamt der Stadt Nürnberg.


Wem gehört der öffentliche Raum?

Voraussichtlich am 12. November 2026 wird der Nürnberger Stadtrat sich mit den Ergebnissen der Evaluation beschäftigen und über die Zukunft des Projekts entscheiden. Mehr zu den „Superblocks auf Probe“ erfahren Sie hier.

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