Mehr Wohnen, mehr Grün, mehr Leben: Bremen transformiert seine Innenstadt

Bremens ältestes Stadtviertel Schnoor ist attraktiv und lebendig – ein anderer Innenstadtbereich ist dagegen entwicklungsbedürftig: der Bereich, in dem der Einzelhandel prägend war. Zudem soll die Stadt insgesamt klimaresilient werden. Die Bremer Strategie erläutert Jan Casper-Damberg für die Stadt.

Stadtentwicklung in Bremen
Ein Anziehungspunkt mit seinen Fachwerkhäusern und schmalen Gassen: der Bereich rund um Schnoor, Dom und Rathaus mit seinem Welterbestatus. Foto: Adobe Stock/borisb17

Die Bremer Innenstadt hat zwei Gesichter. Der östliche Kernbereich rund um Schnoor, Dom und Rathaus mit seinem Welterbestatus und dem kleinparzellierten historischen Stadtgrundriss funktioniert hervorragend und ist insbesondere aufgrund der deutlich ansteigenden Tourismuszahlen ganzjährig hoch frequentiert. Der westliche Kernbereich, die in der Nachkriegszeit wieder aufgebaute „Einkaufsinnenstadt“ mit ihrer oft großformatigen und parzellenübergreifenden Bebauungsstruktur ist hingegen das große Sorgenkind der Bremer Innenstadt.

Neben der wenig einladenden, städtebaulichen Struktur zeigen sich hier deutlich die Krisenerscheinung einer monofunktional, zu stark auf den Einzelhandel ausgerichteten Nutzungsstruktur. Damit die Innenstadt auch in den Abendstunden zu einem lebhaften Ort wird, braucht es vor allem hier mehr Wohnnutzung, zum Beispiel durch die Umwandlung der oftmals nicht mehr zeitgemäßen Büroflächen in den Obergeschossen.

Nur wenn die Innenstadt verstärkt wieder zu einem Wohn- und Alltagsort für verschiedene Nachfrage- und Zielgruppen wird, also zu einer echten Nachbarschaft mit all ihren sozialen und ökonomischen Begleitnutzungen, besteht die Chance, dass sie auch nach Geschäftsschluss wieder funktioniert. Wohnen ist ein zentraler Schlüssel für die Innenstadt von morgen – das gilt für Bremen, aber sicherlich auch für viele andere Innenstädte.

Wo man ansetzen kann

Der öffentliche Raum ist einer der wichtigsten Hebel, den die Kommunen im Rahmen der Innenstadttransformation in der Hand haben. In der Bremer Innenstadt ist der öffentliche Raum bislang viel zu wenig auf nachbarschaftliche Bedürfnisse ausgerichtet, so dass Wohnen im Zentrum derzeit wenig alltagstauglich und allenfalls in Sonderformaten attraktiv erscheint. Das zeigt sich unter anderem daran, dass es derzeit nur einen Spielplatz in der Bremer Innenstadt gibt.

Wie die Innenstadt attraktiver wird

Um den öffentlichen Raum wieder attraktiv zu machen, hat Bremen im Rahmen des Innenstadtprogramms ZIZ – „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ (Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen) –  gezielt verschiedene Handlungskonzepte aufgelegt.

Somit liegen der Stadt nun präzise Fahrpläne und Maßnahmenvorschläge für die Transformation der Innenstadt vor, mit denen der Raum zwischen den Häusern grüner, klimaangepasst, bewegungsfreundlicher, engmaschiger, einladender, inklusiv und alltagstauglicher gestaltet werden soll.

Konkret würden im Rahmen der Handlungskonzepte Transformationshemmnisse identifiziert, die derzeit eine Aktivierung der öffentlichen Räume noch behindern, zum Beispiel ganz handfest im Bereich der Anlieferung oder der Müllentsorgung.

Welche Weichen sind für die Stadtentwicklung in Bremen entscheidend?

Mit dem „Aktionsplan Centrum Bremen 2030+“ ist es gelungen, die von den unterschiedlichen Fachressorts, Ämtern und Gesellschaften avisierten Planungen und Projekte für die Innenstadtentwicklung in einen Zeitplan zu überführen und mit den Planungen privater Investitionsvorhaben zu verbinden. Damit wird Verlässlichkeit in die Umsetzung gebracht, und die Transformation der Bremer Innenstadt wird anschaulich und greifbar.

In den nächsten zehn Jahren sollen allein sieben größere Immobilien im Zentrum baulich und nutzungsseitig transformiert werden. Sechs davon im westlichen Kernbereich, also der alten „Einkaufsinnenstadt“. 

Dabei wird auch der öffentliche Raum wieder eine große Rolle spielen, weil es durch den Rück- und Umbau der großvolumigen, parzellenübergreifenden Park- und Kaufhäuser möglich wird, den Stadtgrundriss engmaschiger und kleinteiliger zu gestalten. Durch „kurze Blocks“ und aktive Ecksituationen im öffentlichen Raum sollen bessere Voraussetzungen für lebhafte Orte entstehen, an denen wirtschaftliche Aktivitäten wieder tragfähiger werden und sich auch abends das Sicherheitsgefühl verbessert.

Ein Bankgebäude wird zum Uni-Ort

Ein weiterer wichtiger Baustein für die Bremer Innenstadtentwicklung ist die Universität, die in den 1970er Jahren als Campusuni vor den Toren der Stadt gegründet wurde. Letztes Jahr hat die juristische Fakultät sich in einem ehemaligen Bankgebäude direkt am innerstädtischen Domshof angesiedelt. Das sorgt schon jetzt dafür, dass der Nutzungswandel in der Bremer Innenstadt deutlich und sichtbar an Fahrt aufnimmt.

Erfahrungswerte als Hinweis für andere Städte

Neben den besonders prominenten Lagen und Stadtplätzen, die jeder Innenstadtbesucher kennt, sind in Bremen auch Ideen für Nebenstraßen und Hinterhoflagen entwickelt worden, in denen besondere Aufwertungs- und Aktivierungspotenziale stecken. Vielleicht liegt in diesen Lagen eher der Nukleus für den Nutzungswandel der Innenstädte als in den prominenten Fußgängerzonen und Haupteinkaufsstraßen. Zusammen mit der Frage, wie vermehrt Wohnbereiche und lebhafte Nachbarschaften in der Innenstadt entstehen können, sollten sich Kommunen also nicht nur um die exponierten Lagen kümmern, sondern auch die versteckten Potenzialorte in den Blick nehmen.

An den meisten Orten steht natürlich die Anpassung des öffentlichen Raums an den Klimawandel im Fokus. Hier braucht es unterschiedliche, ortsangepasste Lösungen für die unterschiedlichen Risiken und Belastungen. In manchen Straßenräumen geht es eher um die Reduktion von Hitzebelastung, an anderen Stellen braucht es Starkregenvorsorge und ein kluges Regenwassermanagement. Mit dem derzeit laufenden Umbau der Dechanatstraße zur ersten klimaangepassten Innenstadtstraße hat Bremen auch hier den Anfang gemacht.

Jan Casper-Damberg


Der Autor

Jan Casper-Damberg ist Referent der Geschäftsführung in der Projektbüro Innenstadt Bremen GmbH.


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