Die Entwicklung größerer Neubauquartiere ist eine enorme Herausforderung für Kommunen. Es gilt nicht nur, neuen Wohnraum in den Blick zu nehmen, sondern auch Qualitäten und Baukultur. Wie es gehen kann, untersucht ein Forschungsprojekt im Auftrag des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung.

Der Wohnungsbau in Deutschland steht heute im Spannungsfeld diverser konkurrierender Anforderungen. Abseits der Diskussionen um Flächenkonkurrenzen und Klimafolgenanpassung wird vor dem Hintergrund der Wohnungsnot und dem anhaltenden Druck auf die Wohnungsmärkte einerseits der dringende Bedarf nach umfänglichem, schnellem und kostengünstigem Wohnbau postuliert. Andererseits droht die Qualität im Wohnungs- und Städtebau durch den massiven Kostendruck stark rückläufig zu werden.
Wo das Forschungsprojekt ansetzt
Debatten über Qualität und Baukultur finden aktuell nur wenig Gehör. Wie lässt sich also trotz des zunehmenden Drucks die Qualität im Städtebau und der Architektur sicherstellen? In Zeiten, in denen vereinfachte Verfahrens- und Bauweisen sowie schnelle, unbürokratische Lösungen im Planungsprozess gefordert werden, sind Kommunen und Entwickler angehalten, möglichst schnell viel Wohnraum zu schaffen. Doch Nachverdichtungen, Umnutzungen und Aufstockungen reichen insbesondere in den wachsenden Ballungsgebieten nicht aus, um den benötigten Wohnraum zu schaffen.
Als vielversprechender Ansatz gelten daher Neubauquartiere, die in der Lage sind, den Druck auf die angespannten Wohnungsmärkte wirksam zu reduzieren. Neue Quartiersentwicklungen schaffen nicht nur neuen Wohnraum. Sie bieten auch die Chance, gute Wohn- sowie Lebensqualitäten zu schaffen und diese auch in der Nachbarschaft zu erhöhen. Für viele Kommunen stellt dies eine anspruchsvolle Aufgabe dar. Die Planung und Entwicklung größerer Neubauquartiere gehörten über Jahrzehnte nicht zu ihren zentralen Tätigkeitsfeldern. Jetzt müssen sie unter völlig neuen Rahmenbedingungen bewältigt werden.
Wie kommt man zu mehr Lebensqualität?
Das Forschungsvorhaben „Strategien und Instrumente zur Qualitätssicherung bei der Entwicklung neuer Stadtquartiere“, kurz: Qualität in neuen Quartieren, (Laufzeit bis 10/2028) widmet sich diesen Aufgabenstellungen. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) untersucht gemeinsam mit den Auftragnehmern (De Zwarte Hond, Wuppertal Institut, Universität Siegen, Universität Kassel, Gretas und Ellery Studios), welche Erfolgsfaktoren und Hemmnisse die Planung und Umsetzung neuer Stadtquartiere befördern oder behindern.
Die Ziele: Empfehlungen für Kommunen und die Bundesregierung zu erarbeiten, gute Beispiele zu identifizieren, Erfahrungen auszuwerten und Strategien zu entwickeln, die eine qualitätsvolle und zukunftsorientierte Stadtentwicklung unterstützen. Dafür werden 50 neue Stadtquartiere analysiert. Im Rahmen diverser Austauschformate besteht die Möglichkeit, sich in die Debatte einzubringen. Alle interessierten Akteure der Quartiersentwicklung sind eingeladen, sich zu beteiligen und ihre Ideen, Erfahrungen und Fragen zu teilen.
Was Planer im Blick haben sollten
Schon heute zeigt sich die Notwendigkeit einer zukunftsorientierten Planung. Sie bietet die Chance, Quartiere langfristig qualitätvoll und für kommende Generationen lebenswert zu realisieren. Dabei sind unter anderem folgende Aspekte zu berücksichtigen: eine angemessene Wohnraumversorgung, eine zeitgemäße Mobilität, ein gut funktionierender öffentlicher Raum, ein gutes Angebot an sozialer Infrastruktur und klimaangepasster Grün- und Freizeitflächen.
Wichtig ist es zudem, alle künftigen Bewohnergruppen zu adressieren. Kinder und Jugendliche benötigen Räume für Spiel, Bewegung und Begegnung. Ältere Menschen brauchen wohnortnahe Treffpunkte und Unterstützungsangebote. Nur wenn Quartiere vielfältige Bedürfnisse berücksichtigen, können sie langfristig stabile Nachbarschaften und Identifikation mit dem Wohnumfeld fördern.
Wie Kommunen agieren können
Eine solch große Baumaßnahme beinhaltet aus kommunaler Perspektive auch immer einen politischen und gesellschaftlichen Aushandlungsprozess. Beispielsweise in Beteiligungsprozessen lässt die Frage „Wie wollen wir in Zukunft wohnen?“ Diskussionen zu Lebensqualität, Wohlbefinden und sozialem Zusammenhalt zu.
Kommunen sind gefragt, ihre Planungshoheit zu nutzen und in einem kooperativen Prozess mit den Projektentwicklern ihre Qualitätsansprüche durchzusetzen. Eine hohe Funktions- und Nutzungsdichte in Kombination mit verschiedenen Miet- und Eigentumsformen, Wohnungsgrößen und Haushaltstypen sowie frei finanziertem und sozial gefördertem Wohnbau ermöglichen eine Ergänzung des bisherigen Wohnungsbestands der Kommune.
Die Zukunft gleich mitdenken
Eine Blaupause für das ideale Neubauquartier, das sich in jede Kommune übertragen lässt, ist nicht möglich. Bereits heute lässt sich aber mit einem Gedankenexperiment die Zukunftsfähigkeit von geplanten Quartieren zeigen: Man muss sich die Frage stellen, wie wir in 20, 50 oder 100 Jahren wohnen, (zusammen-) leben und arbeiten wollen – und sich dann fragen, was wir heute tun müssen, um in diese Zukunft zu gelangen. Damit Quartiere langfristig lebenswert, klimaangepasst und sozial gerecht sind, müssen bereits heute die richtigen Weichen gestellt werden.
Lisa Neumann, Ricarda Ruland
Die Autorinnen
Lisa Neumann und Ricarda Ruland sind im Referat für Quartiersentwicklung, Baukultur und Städtebaulichem Denkmalschutz im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) tätig.
Forschung für Kommunen
Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat im Rahmen des Programms Experimenteller Wohnungs- und Städtebau (ExWoSt) ein neues Forschungsvorhaben ausgeschrieben. Unter dem Titel „Strategien und Instrumente zur Qualitätssicherung bei der Entwicklung neuer Stadtquartiere“ soll untersucht werden, wie Kommunen neue Quartiere schneller, bezahlbarer
sowie zugleich zukunftsfähig und qualitätsvoll entwickeln können.



