Olympia als Chance für die Sportentwicklung: Hendrik Wüst über die NRW-Bewerbung und ihre Bedeutung für die Kommunen

Ende September ist es so weit: Der Deutsche Olympische Sportbund stimmt ab, welcher Kandidat für Deutschland ins internationale Rennen geht. Ministerpräsident Hendrik Wüst schlüsselt auf, warum er felsenfest von der NRW-Bewerbung überzeugt ist – und warum der Sport gerade in den Kommunen aufs Treppchen sollte.

Hendrik Wüst
NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU): „Die Spiele sind nie nur Sport, sie sind ein Zukunftsprojekt und können geplante Investitionen für den gesamten Sport in unserem Land beschleunigen.“ Foto: Land NRW, Tobias Koch

Sie möchten mit NRW als Region ins Rennen um den Olympiaaustragungsort gehen. Was ist an der NRW-Bewerbung besonders?

Hendrik Wüst: Deutschland kann und will Weltklasse-Sport, Deutschland kann und will Gastgeber für Olympische und Paralympische Spiele werden. Und das ist entscheidend: Wir alle wollen die Spiele nach Deutschland holen. Wir in Nordrhein-Westfalen, das müssen mir alle anderen Bewerber nachsehen, machen dafür das beste Angebot für Olympia für alle. Mit KölnRheinRuhr machen wir gemeinsam mit 15 Kommunen Deutschland und der Welt das Angebot für die nachhaltigsten, kompaktesten und spektakulärsten Spiele. Wir planen mit 100 Prozent schon bestehenden oder temporär errichteten Sportstätten, können 95 Prozent der Athletinnen und Athleten im Olympischen und Paralympischen Dorf in Köln unterbringen und bieten 14 Millionen Tickets an. Mehr als jemals zuvor.

Worauf legen Sie dabei besonderen Wert?

Hendrik Wüst: Dank großer Zuschauerkapazitäten schaffen wir Raum für breite Teilhabe: Jedes zehnte verfügbare Ticket soll vergünstigt angeboten werden – für Jugendliche, Familien sowie Engagierte im Sport, etwa aus Vereinen und dem Ehrenamt. Damit sich möglichst jeder und jede ein Ticket leisten kann. KölnRheinRuhr bietet den Athletinnen und Athleten die größte Bühne für den größten Moment ihrer Karriere – mit spektakulären Zuschauerzahlen vor Rekordkulissen.

Die Olympischen Spiele als Zukunftsprojekt

Sehen das auch die Menschen im KölnRheinRuhr-Gebiet so?

Hendrik Wüst: Die Zahlen sprechen für sich: 66 Prozent haben sich mit überwältigender Mehrheit für die Spiele ausgesprochen, bei einer historischen Beteiligung mit insgesamt rund 1,4 Millionen abgegebenen Stimmen. Als einzige Bewerberregion haben wir die Menschen in allen beteiligten Städten abstimmen lassen. Noch nie wurden mehr Menschen befragt, noch nie wurden mehr Städte beteiligt. Das war die größte Abstimmung in der Olympischen Geschichte.

Was bedeuten die Olympischen Spiele für Sie?

Hendrik Wüst: Für mich ist die olympische Idee mehr als ein Sportgroßereignis. Die Spiele sind nie nur Sport, sie sind ein Zukunftsprojekt und können geplante Investitionen für den gesamten Sport in unserem Land beschleunigen – von modernen Sportstätten über bessere Rahmenbedingungen für Vereine bis hin zur Nachwuchsförderung.

Wie sieht das genau aus?

Hendrik Wüst: Schon jetzt haben wir in Nordrhein-Westfalen das größte Investitionsprogramm für den Sport in der Geschichte unseres Landes aufgelegt. Wir stellen in den kommenden Jahren rund eine Milliarde Euro für Investitionen in den Sport zur Verfügung. Diese Milliarde fließt in den Breitensport und den Nachwuchsleistungssport vor Ort.

Olympische und Paralympische Spiele schaffen die großen Erinnerungen, die Generationen verbinden. Gerade Kinder und Jugendliche lassen sich davon anstecken und bekommen Lust, selbst Sport zu treiben oder lernen, was Teamgeist und Fairness bedeutet. Davon profitieren sowohl der Profisport als auch insbesondere der Breiten- und Amateursport. Und Sport verbindet, schafft im besten Fall neuen gesellschaftlichen Zusammenhalt.

15 Kommunen bilden ein „Global Village“

Was zeichnet die NRW-Bewerbung aus?

Hendrik Wüst: Für uns ist „fit for the future“ Grundkonzept der Bewerbung mit einem klaren Fokus auf Nachhaltigkeit, Inklusion und Teilhabe bei gleichzeitiger Reduzierung von Kosten und Komplexität. Ohne gigantische Neubauten. Wenn Despoten oder autoritäre Regime den Geist von Olympia für sich beanspruchen, bleibt davon nicht viel übrig. Deswegen ist es so wichtig, dass wir dabei sind, Verantwortung übernehmen und vorangehen mit der stärksten Bewerbung, die die neuen IOC-Kriterien eins zu eins umsetzt. Wenn das IOC seine eigenen Anforderungen für zukünftige Spiele ernst nimmt, führt an KölnRheinRuhr kein Weg vorbei.

Was erhoffen Sie sich für die Kommunen?

Hendrik Wüst: Die 15 Kommunen von KölnRheinRuhr bilden mit Köln als Leading City ein echtes „Global Village“ im Herzen Europas. Unser Vorschlag ist, dass jede Stadt eine Patenschaft für mehrere der vielen Teilnehmernationen übernimmt. So entwickelt KölnRheinRuhr das bekannte Host-City-Prinzip konsequent weiter: Die Welt ist eben gleich in einer ganzen Region zu Gast. Und diese Region ist nicht umsonst Sportland Nummer eins. Diese Region kann Gastfreundschaft und Weltoffenheit. Das zeigen wir auch bei den vielen Sportgroßveranstaltungen, die hier jedes Jahr stattfinden. In den letzten zehn Jahren waren wir Gastgeber von rund 30 Welt- und Europameisterschaften.

Und langfristig?

Hendrik Wüst: Der Sport, besonders aber Olympische und Paralympische Spiele, bringt Menschen zusammen, in Schulen, Vereinen, Nachbarschaften und beim gemeinsamen Zuschauen. Das hinterlässt Verbindungen, die weit über die Spiele hinaus Bestand haben. Für die Kommunen von KölnRheinRuhr, aber auch für die gesamte Region sind die Spiele ein Riesengewinn: Die Städte werden international sichtbar, gleichzeitig profitieren viele Gewerbe von den vielen Menschen, die bei uns zu Besuch kommen. Das schafft Arbeitsplätze, generiert Einnahmen.

KölnRheinRuhr kann sich als Innovations-, Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort mit europäischer und globaler Strahlkraft präsentieren. Die Spiele sind aber vor allem ein Zukunftsprojekt. Unsere Bewerbung ist die Chance, Großprojekte noch zügiger umzusetzen. Das heißt am Ende: der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, emissionsfreie Mobilitätskonzepte oder digitale Infrastrukturen unserer Städte und Gemeinden kommen schneller vor Ort bei den Menschen an. In Köln beispielsweise entsteht ein komplett neues Viertel mit Wohnraum und sozialen Einrichtungen, nachhaltig, langfristig.

Identifikation und Perspektiven für den Nachwuchsleistungssport

Welche Visionen haben Sie für den Nachwuchsbereich in NRW?

Hendrik Wüst: Mit KölnRheinRuhr wollen wir jungen Menschen zeigen: Ihr könnt dabei sein. Die Aussicht auf Olympische und Paralympische Spiele Zuhause im eigenen Land ist eine große Motivation für junge Nachwuchssportlerinnen und -sportler. Das schafft Identifikation und konkrete Perspektiven für den Nachwuchsleistungssport. Wir haben in Deutschland und in Nordrhein-Westfalen eine starke, breit getragene Basis für Nachwuchssport, denn wir haben ideale Voraussetzungen: Innerhalb eines Radius von 500 Kilometern leben rund 160 Millionen Menschen, mitten im Herzen Europas. Diese Dichte an Bevölkerung, Infrastruktur, Wissenschaft, Wirtschaft und Sport schafft hervorragende Voraussetzungen für nachhaltige Nachwuchsförderung – weit über die Spiele hinaus.

Mit welchem Ziel?

Hendrik Wüst: Unser Ziel ist es, Verbände, Vereine, Schulen und Sportwissenschaft noch enger zusammenzudenken. Wir wollen Talente früh fördern, sie mit Spitzenathletinnen und Spitzenathleten vernetzen und ihnen die bestmöglichen Trainingsbedingungen bieten. Dazu gehört auch, die Trainer im Nachwuchsleistungssport zu stärken. Deshalb stellen wir 3,5 Millionen Euro für eine bessere Bezahlung von Trainerinnen und Trainern im Nachwuchsleistungssport bereit. Unsere Talente und Stars von morgen sollen schon heute die besten Rahmenbedingungen haben, um dann im besten Fall vor heimischem Publikum auf dem Treppchen stehen zu können.

„Wer Kinder und Jugendliche begeistern will, braucht gute Sportstätten“

Wie beurteilen Sie den aktuellen Stand der Sportstätten in NRW?

Hendrik Wüst: Viele Sportstätten im Land sind in die Jahre gekommen, da muss angepackt werden. Wer Kinder und Jugendliche begeistern will, braucht gute Sportstätten. Unser Bekenntnis zur olympischen Idee ist deshalb untrennbar verbunden mit unserem Bekenntnis zum Breitensport: Mit unserer Sportmilliarde oder mit dem Programm „Moderne Sportstätte 2022“ sind wir in Nordrhein-Westfalen das Land, das mit Abstand die meisten Fördermittel für die sportliche Infrastruktur zur Verfügung stellt.

Die Mittel fließen in die Modernisierung, Sanierung und den Neubau von Sportstätten und Schwimmbädern. Kein anderes Land investiert in den nächsten Jahren mehr, breiter und nachhaltiger in den Sport. Das ist ein klares Bekenntnis zum Breitensport und eine Investition in den Nachwuchs vor Ort. Ein Teil der Sportmilliarde sind 600 Millionen Euro für Sportstätten, die ab diesem Jahr bereitstehen: jeweils ein Drittel für vereinseigene Sportstätten, für kommunale Schwimmbäder und für sonstige kommunale Sportstätten.

Worauf legen Sie dabei besonderen Wert?

Hendrik Wüst: Bei der Modernisierung der Sportstätten legen wir besonderen Wert auf Klimaschutz und Klimafolgenanpassungen, Barrierefreiheit sowie Digitalisierung. Gleichzeitig investieren wir in die Infrastruktur des Spitzensports. Wichtig ist doch: Eine moderne Ausstattung und temporäre Infrastrukturen kommen auch nach den Spielen dauerhaft den Vereinen, Kommunen und Leistungszentren zugute. Wir investieren unabhängig von Olympischen und Paralympischen Spielen in den Sport – weil die Landesregierung davon überzeugt ist, dass auch Sportinfrastruktur essenziell ist für die Millionen sportbegeisterten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen in unserem Land.

Sport darf in Kommunen keine Nebensache sein

Wie sollte die kommunale Planung aussehen?

Hendrik Wüst: Sportstättenplanung sollte heute stärker als Teil einer modernen, nachhaltigen Stadtentwicklung verstanden werden. Wir sollten über einzelne Sportplätze oder Hallen hinausdenken. Es geht hier um Orte, die Bewegung, Bildung, Gesundheit und das Miteinander verbinden. Dahinter steht eine klare Idee, die vielleicht gar nicht so oft wahrgenommen wird: Menschen, die in Vereinen aktiv sind, sind Teil einer Gemeinschaft. Sie bringen sich aktiv ein, pflegen ihre Bekanntschaften und stehen am Wochenende auf oder neben dem Platz. Damit sind sie weniger anfällig für extreme und radikale Meinungen. Sportstätten für alle sind auch ein Beitrag für eine gelingende Demokratie und Gesellschaft.

Gleichzeitig wissen wir: Sport ist für Kommunen keine klassische Pflichtaufgabe. Das bedeutet in der Praxis, dass Investitionen häufig hinter andere Aufgaben fallen. Genau deshalb darf Sport keine Nebensache sein, und genau deshalb unterstützt die Landesregierung hier die Kommunen – ob durch die Sportmilliarde oder durch die Übernahme kommunaler Altschulden.

Was erhoffen Sie sich von kommunalen Entscheidern?

Hendrik Wüst: Ich verstehe Sportpolitik als Zukunftspolitik. Deshalb sollten wir dem Sport auch künftig auf allen Ebenen den Stellenwert einräumen, den er für unsere Gesellschaft verdient. Genauso wichtig ist es, das Ehrenamt zu stärken und unnötige Bürokratie abzubauen. Mein Eindruck ist, dass allen Partnern klar ist, welche Chance wir durch unsere Bewerbung KölnRheinRuhr haben. Wir müssen weiter alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Dann können wir den Sport in Nordrhein-Westfalen nachhaltig stärken und vor Ort einen Unterschied machen.

Interview von Fabienne Acker

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