Mit vitalen Bäumen für ein gutes Stadtklima

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Vitale, gut gepflegte Altbäume tragen effektiv zur Kühlung urbaner Räume bei – und sollten bereits bei der Planung von Baumaßnahmen mitgedacht werden. Foto: Adobe Stock/embeki

Urbane Räume werden im Sommer immer öfter zu Hitzespots – Stadtbäume aber können dagegenhalten. Damit sie effizient kühlen können, hält Grünexperte Hartmut Neidlein ein ausgefeiltes Konzept für notwendig. Er erklärt, worauf es für ein gutes Stadtklima ankommt.

Sommer mit Hitzeperioden werden immer häufiger, und vor allem in urbanen Räumen wird es dann heiß. Mit „urbanen Räumen“ sind nicht nur Städte im engeren Sinne gemeint. Denn die Hitze trifft auch kleinere Siedlungen, wo beispielsweise ein Marktplatz oder eine Einkaufsstraße städtischen Charakter haben können. In solchen Umgebungen kann es um bis zu 15 Grad wärmer sein als außerhalb von dicht bebauten Gebieten.

Denn Beläge von Straßen, Parkplätzen und Flächen, die beispielsweise dunkel asphaltiert sind, absorbieren bis zu 95 Prozent der Sonnenstrahlung. Bei einer Lufttemperatur von 30 Grad können sich solche Flächen auf 60 Grad erhitzen. Beträgt die Lufttemperatur 40 Grad – was immer öfter vorkommt –, können Flächen bis zu 80 Grad heiß werden: Asphalt, andere Beläge und Fassaden von Gebäuden speichern Wärme und geben sie nachts wieder ab. Erschwerend kommt hinzu, dass Hitzetage mit über 30 Grad immer häufiger von tropischen Nächten begleitet werden, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt. Die Kühlung urbaner Räume wird in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle spielen müssen.

Bäume tragen maßgeblich zur Kühlung von Städten und Gemeinden bei — dafür müssen sie aber vital sein. Doch die Realität sieht oft anders aus, vielen Stadtbäumen geht es schlecht. Das hat Konsequenzen: Ihr Durchschnittsalter liegt bei nur 20 bis 25 Jahren; etwa 30 Prozent der Baumpflanzungen überleben ihre ersten zehn Standjahre nicht. Das ist nicht nur schlecht für das Stadtklima, sondern auch teuer. Ist eine mehrmalige Bepflanzung eines Baumstandorts nötig, vervielfachen sich die Pflanz- und Pflegekosten.

Ein gesunder, gut gepflegter Baum kann mit seiner Blattmasse 200 bis 400 Liter Wasser am Tag verdunsten und trägt damit in Hitzephasen effektiv zur Kühlung von urbanen Räumen bei. Forscher haben errechnet, dass ein einzelner vitaler Baum dabei eine Leistung von 20 bis 30 Kilowatt erreicht, was mehr als zehn Klimaanlagen entspricht. Flächen unter Bäumen heizen sich kaum auf, da der Schatten der Baumkrone und die Verdunstung für Kühlung sorgen.

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Flächen unter Bäumen heizen sich kaum auf, da der Schatten der Baumkrone und die Verdunstung für Kühlung sorgen. Foto: Sachverständigenbüro Baum.Erfahrung

Die Kühlung muss gut geplant sein

Um aus Stadtpflanzen solche „Klimabäume“ zu machen, ist ein langfristiges Baum-Konzept notwendig: ein Qualitätsmanagementsystem für Stadtbäume, das es ermöglicht, Baumschutz, Baumplanung, Baumpflanzung und Baumpflege konkret, fachgerecht und nachweisbar umzusetzen.

Denn damit ein Jung- zu einem ausgewachsenen, kühlenden Klimabaum werden kann, ist vieles zu beachten. Die Baumgrube muss mit Substrat vorbereitet sein, es muss genügend durchwurzelbarer Raum zur Verfügung stehen, die Pflanze darf nicht zu tief eingegraben werden. Ein Jungbaum braucht zudem intensive Pflege: von der regelmäßigen Bewässerung bis zum Erziehungsschnitt, der etwa dafür sorgt, dass der Baum mit seinem Wuchs zum Standort und den dortigen Bedingungen passt. Diese Aufzählung ist unvollständig, zeigt aber, was alles schiefgehen kann.

Je älter, desto besser

Die effektive Kühlfunktion des Baumes startet erst im Alter von 20 bis 30 Jahren – damit wird klar, wie wertvoll ältere, vitale Bäume sind, die diese Funktion bereits erfüllen. Wird ein solcher Klimabaum entfernt, lässt er sich von der Kühlwirkung her nicht durch eine Neupflanzung ersetzen. Deshalb sollte das Qualitätsmanagementsystem für Stadtbäume bereits in der Vorplanung von Baumaßnahmen greifen: Steht von Anfang an fest, welche vorhandenen Bäume aufgrund ihrer Klimawirkung zu schützen sind, lässt sich dies in der Planung berücksichtigen.

Wenn ein Qualitätsmanagementsystem zum Einsatz kommt, sind von Anfang an alle relevanten Abteilungen der Kommune integriert. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit sorgt dafür, dass beispielweise die Entscheidung, ob ein  Baum als Klimabaum erhalten bleiben soll oder nicht, von Anfang an nachvollziehbar und fachlich begründet getroffen werden kann.

Das hat auch positive Konsequenzen für die weitere Umsetzung: So ist sichergestellt, dass Gutes geschützt und Neues fachlich korrekt realisiert wird. Kommunen, die in Bäume und grüne Infrastruktur investieren, beweisen Weitsicht. Das lässt sich nur langfristig und systematisch erreichen, muss aber sein. Denn vitale Bäume für die Kühlung werden zukünftig mehr denn je gebraucht.

Hartmut Neidlein


Der Autor

Mit seinem Sachverständigenbüro „Baum.Erfahrung“ berät Neidlein Kommunen und Grünflächenämter.