Nicht nur in Großstädten, aber insbesondere dort scheint die Gesellschaft auseinanderzudriften – was gegen diesen Trend helfen kann, will das Deutsche Institut für Urbanistik gemeinsam mit neun Städten herausfinden: Gesucht werden dritte Orte als „Inkubatoren“ für das Gemeinwesen.

Mediale Berichterstattungen und sozialwissenschaftliche Befunde weisen immer häufiger auf verschiedene, teilweise miteinander zusammenhängende Fliehkräfte innerhalb der (Stadt-) Gesellschaften hin. Stichworte wie zunehmende Beschleunigung und Resonanzkrise, Polarisierung, Singularisierung und Individualisierung bis hin zu Einsamkeit oder Rückzug in die (digitale) „Blase“, Verlustangst und Erosion der Demokratie sind häufig genannte Ursachen oder Auslöser.
Entlang von Themen wie Zuwanderung und Integration, Klimakrise oder Verteilungsgerechtigkeit entzünden sich Diskurse von teils erheblicher Vehemenz. Protestwahlen oder ein bewusst radikales Wahlverhalten werden als Ergebnisse individueller Überforderungen in einer Welt gedeutet, die vielen als zunehmend fragmentiert erscheint.
Räume können Wirkung zeigen
Generell stellt sich daher die Frage, wie die Gesellschaft, speziell die städtischen Gemeinwesen, wieder mehr Zusammenhalt entwickeln können, wie der Austausch zwischen auseinanderdriftenden Gruppen gelingen und wie die Demokratie als ein Gemeingut gestärkt werden kann. Nicht nur sozialpolitische Maßnahmen sind hier gefragt, auch konkrete spezifische Räume und Orte können einen Beitrag zu mehr Gemeinsamkeit, Gemeinsinn und Demokratie leisten: So lautet die These.
Echte Begegnungen
Damit rücken „Dritte Orte“ in den Fokus, verstanden als niedrigschwellig zugängliche Räume, in denen Menschen außerhalb ihres eigenen Zuhauses („Erste Orte“) und ihres Arbeitsplatzes („Zweite Orte“) aufeinandertreffen, ins Gespräch kommen und dadurch Gemeinschaft und Zugehörigkeit mit allen dazugehörenden Reibungen „analog“ erleben (können).
Welcher Ort macht den Unterschied?
In vielen Städten gibt es bereits eine große Vielfalt solcher Orte: Kiezcafés, Bibliotheken, Vereine, Nachbarschaftszentren gehören dazu, aber auch Theater, Ausstellungsräume oder Volkshochschulen. Inwieweit „Dritte Orte“ in (noch) bedeutsamerem Maße einen Beitrag zur Stärkung des lokalen Gemeinwesens und zur Förderung lokaldemokratischer Prozesse leisten können, ist eine offene Frage.
Hier knüpft das Projekt „Dritte Orte als ‚Inkubatoren‘ für das Gemeinwesen“ an. Anfang 2025 hat das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) das Projekt gestartet – gemeinsam mit den Städten Berlin, Bielefeld, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Ludwigsburg, München, Oberhausen, Potsdam und Stuttgart. Die Kommunen finanzieren das Projekt anteilig, stehen als „Fallstudienstädte“ zur Verfügung, tauschen sich in einem geschützten Rahmen aus und beraten sich gegenseitig.
Zum Ende erstellen sie gemeinsam mit dem Difu eine Publikation mit zentralen Erkenntnissen und Hinweisen. Beworben hatten sich die Städte auf einen Projektaufruf des Difu, der in der Fachkommission Stadtentwicklungsplanung des Deutschen Städtetags, über den Städteverteiler des Difu und andere kommunale Kanäle kommuniziert worden war.
Übertragbar auf andere Kommunen
Gesucht wird nach innovativen, vielleicht auch ungewöhnlichen Maßnahmen und Projekten, Programmen und Angeboten, Organisations- und Finanzierungsprinzipien, Akteurskonstellationen und Vernetzungsstrategien, mit denen „einfache“ Dritte Orte zu „Inkubatoren“ für das Gemeinwesen, zu Dritten Orten „2.0“ werden können.
Auch die Rolle von Kommunalpolitik und -verwaltung steht dabei im Zentrum der Betrachtung. Aus den gemeinsamen Erfahrungen und Erkenntnissen soll Übertragbares abgeleitet und anderen Kommunen zur Verfügung gestellt werden.
Effekte für die Demokratie
Die neun projektbeteiligten Kommunen tauschen sich zu zahlreichen Fragen intensiv aus und bringen jeweils mindestens einen (potenziellen) Dritten Ort „2.0“ für eine wissenschaftliche Rundumperspektive ein.
Betrachtet und analysiert werden: inhaltliche Angebote, räumliche Nutzungsmöglichkeiten, Erreichbarkeit, Zielgruppen sowie Nutzerinnen und Nutzer, Gebäude und (Innen-) Architektur, stadträumliche Bezüge, Akteure und Prozesse, Betrieb und Finanzierung, Wirkungen und Effekte – und natürlich das jeweils Besondere im Hinblick auf Gemeinwesen und Demokratie. Die Ergebnisse und deren Veröffentlichung werden im Oktober 2026 vorliegen.
Stephanie Bock, Thomas Franke
Die Autoren
Dr. Stephanie Bock und Dr. Thomas Franke sind Mitarbeiter am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) im Forschungsbereich Stadtentwicklung, Recht und Soziales.




