Sanieren statt neu bauen: Sieben Referenzprojekte belegen die Vorteile lebenszyklusbasierter Planung

Kommunen können einen relevanten Anteil erbringen, die deutschen Klimaschutzziele zu erreichen: durch die Dekarbonisierung ihrer Gebäude und ihrer Bautätigkeit. Ein grundlegender Baustein dafür kann lebenszyklusbasiertes Bauen und Sanieren sein – das zeigt das Projekt „BauKlima-Kommunal“.

Lebenszyklusbasiertes Bauen
Die Sanierung der Schillerschule Oberhausen war eines der Referenzprojekte für „BauKlima-Kommunal“. Der Hintergrund für die Analyse der Bau- und Sanierungsvorhaben: „Mit rund zwei Dritteln der öffentlichen Gebäudeflächen tragen die Kommunen eine Schlüsselrolle bei der Transformation des Gebäudebereichs.“ Foto: SBO Servicebetriebe Oberhausen

Nachhaltiges Bauen und Sanieren ist ein zentraler Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität. Mit rund zwei Dritteln der öffentlichen Gebäudeflächen tragen Kommunen eine Schlüsselrolle bei der Reduzierung von Treibhausgasemissionen (THG-Emissionen). Entscheidend ist dabei die ganzheitliche Betrachtung des Lebenszyklus von Gebäuden – von Planung und Bau über Nutzung bis zum Rückbau. Mithilfe einer lebenszyklusbasierten Ökobilanzierung (Life Cycle Assessment, LCA) lassen sich die damit verbundenen Klima- und Umweltwirkungen systematisch erfassen und bewerten.

Diese Perspektive gewinnt durch neue gesetzliche Vorgaben an Bedeutung. Mit der novellierten EU-Gebäuderichtlinie und der EU-Energieeffizienzrichtlinie werden die Anforderungen verschärft – der energetische Zustand des Gebäudebestands muss verbessert und die THG-Emissionen im Gebäudesektor müssen gesenkt werden.

Ab 2028 sind die Lebenszyklus-THG-Emissionen für neue Gebäude über 1000 Quadratmetern und ab 2030 für alle Neubauten verpflichtend zu berechnen und im Energieausweis auszuweisen. Damit wird die lebenszyklusorientierte Planung von Gebäuden zunehmend Bestandteil der kommunalen Baupraxis.

Kooperation für Klimaschutz

Um Kommunen die Potenziale lebenszyklusbasierter Ansätze aufzuzeigen, haben die Deutsche Umwelthilfe, die TU München und die Bildungswerkstatt für nachhaltige Entwicklung im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative das Projekt „BauKlima-Kommunal“ durchgeführt (Laufzeit bis März 2026).

Sieben Referenzprojekte

Dafür wurden sieben Referenzprojekte – Schulsanierungen in Hannover, Bonn, Stuttgart, Plauen, Lübeck und Oberhausen sowie der Neubau einer Kindertagesstätte in Holzhybridbauweise in Böblingen – analysiert und hinsichtlich ihrer Klimawirkungen bewertet.

Die Ergebnisse wurden im Leitfaden „Kommunalen Klimaschutz durch lebenszyklusbasiertes Bauen und Sanieren stärken“ als praxisnahe Entscheidungshilfe für Kommunen auf bereitet. Ergänzend bietet die interaktive Deutschlandkarte einen Überblick über kommunale Leuchtturmprojekte.

Wie lassen sich die Potenziale nutzen?

Die Projektergebnisse zeigen, dass lebenszyklusbasierte Ansätze in vielen Kommunen bislang nur eine geringe Rolle spielen. Eine Umfrage ergab, dass nur rund zehn Prozent der kommunalen Bau- und Sanierungsvorhaben mithilfe einer Ökobilanz bewertet werden und lebenszyklusbedingte THG-Emissionen von Bauwerken bisher in keiner Kommune systematisch erfasst werden.

Welche Lösung ist klimafreundlich?

Gerade in frühen Planungsphasen fehlen häufig geeignete Bewertungsinstrumente und Fachwissen, um klimafreundliche Materialien auszuwählen oder Sanierung und Neubau fundiert zu vergleichen. Um diese Lücke zu schließen, wurde im Projekt der KI-gestützte Ansatz „Tender-AI LCA“ entwickelt.

Dabei werden Ausschreibungsunterlagen automatisiert ausgewertet und die damit verbundenen THG-Emissionen ermittelt. Die Methode ermöglicht eine präzisere Erfassung als bisherige Top-Down-Ansätze. Zugleich ist sie skalierbarer und weniger zeitaufwendig als herkömmliche Bottom-Up-Berechnungen. Der Ansatz wurde erfolgreich in Hannover erprobt und kann von Kommunen bundesweit genutzt werden.

Die untersuchten Referenzprojekte zeigen, dass Erhalt und Sanierung bestehender Gebäude in der Regel die klimafreundlichste Lösung ist. Insbesondere die Sanierungen der Grundschule am Wartberg in Plauen und der Schlossbachschule in Bonn weisen gegenüber einem Ersatzneubau erhebliche Vorteile bei den grauen THG-Emissionen auf – selbst im Vergleich zu einem Neubau in Holzhybridbauweise.

Bestandserhalt und Sanierung sollten daher grundsätzlich Vorrang vor Abriss und Neubau haben. Ergänzend können nachwachsende Rohstoffe die Klimabilanz verbessern, während Photovoltaik und Geothermie die Emissionen in der Nutzungsphase deutlich senken. Besonders wichtig ist der frühzeitige Einsatz der LCA. Denn zentrale Stellschrauben für Klimaschutz und Ressourceneffizienz (Konstruktion, Materialwahl und Energieversorgung) werden bereits in der Planungsphase festgelegt.

Vergabe stellt wesentliche Weichen

Ein weiterer Hebel liegt in der öffentlichen Beschaffung. Bei der Vergabe von Bau- und Sanierungsleistungen können Umwelt- und Klimaschutzkriterien berücksichtigt werden. Neben den Investitionskosten sollten Lebenszykluskosten und THG-Emissionen über den gesamten Gebäudelebenszyklus bewertet werden.

Die Berücksichtigung externer Umweltkosten (zum Beispiel CO₂-Schattenpreis) unterstützt Kommunen dabei, langfristig wirtschaftliche und klimaverträgliche Entscheidungen zu treffen. Ein solches Vorgehen wird in Frankfurt am Main bereits angewendet.

Die Ergebnisse aus „BauKlima-Kommunal“ zeigen, dass lebenszyklusorientiertes Bauen und Sanieren bereits heute erfolgreich umgesetzt werden kann. Wenn Kommunen ihre Bau- und Sanierungsentscheidungen konsequent am gesamten Lebenszyklus von Gebäuden ausrichten, leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Klimaneutralität – und sie schaffen die Voraussetzungen dafür, dass aus innovativen Vorhaben neue Standards für die kommunale Baupraxis entstehen.

Jurga Tallat-Kelpšaitė


Die Autorin

Jurga Tallat-Kelpšaitė ist Referentin Energie & Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe.


THG-Minderung durch lebenszyklusgerechtes Bauen

Neu bauen oder den Bestand sanieren? Das war eine der zentralen Fragen im Projekt „BauKlima-Kommunal“. Beteiligt sind die Deutsche Umwelthilfe, die TU München und die Bildungswerkstatt für nachhaltige Entwicklung. Im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative wurden sieben kommunale Referenzobjekte unter die Lupe genommen.

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