Lärmbelastung reduzieren

Straßenlärm: Die Weltgesundheitsorganisation und nun auch eine deutsche Gruppe von Fachleuten empfehlen die Absenkung der Schwelle zur gesundheitsgefährdenden Lärmbelastung durch Straßen- und Schienenverkehr. - Foto: Fotos 593/Adobe Stock

Um die Bevölkerung besser vor Lärm zu schützen, fordern Experten in einem Memorandum die Absenkung der Pegelgrenzwerte. Sie stützen sich dabei auch auf die Weltgesundheitsorganisation, die für Europa strengere Richtlinien im Lärmschutz empfiehlt.

Auf Einladung des Lärmschutzbeauftragten der Landesregierung Baden-Württemberg, Thomas Marwein, haben Lärmwirkungsfachleute Ende Februar in Stuttgart empfohlen, die bisher herangezogene Schwelle zur gesundheitsgefährdenden Lärmbelastung durch Straßen- und Schienenverkehr in einem ersten Schritt um 5 dB(A) auf 65 dB(A) tags und 55 dB(A) nachts abzusenken. Nach Ansicht der Fachleute ließe sich die Zahl verkehrsbedingter Herz-Kreislauf-Erkrankungen um bis zu etwa 15 Prozent senken. Außerdem würde die Zahl der stark Verkehrslärmbelästigten wie auch der verkehrsbedingt im Schlaf Gestörten um abgeschätzt etwa fünf bis zehn Prozent sinken. Davon würde insbesondere die hoch straßen- und bahnlärmbelastete Bevölkerung profitieren – eine ohnehin aufgrund ihrer eingeschränkten sozioökonomischen Ressourcen benachteiligte Personengruppe.

Die Lärmwirkungsfachleute haben ihre Forderungen im Memorandum „Lärm und seine Auswirkungen auf die Gesundheit“ festgehalten. Die Unterzeichner sind Dr. Mark Brink (ETH Zürich / Bundesamt für Umwelt, Bern), Christoph Lechner (Österreichischer Arbeitsring für Lärmbekämpfung – ÖAL), Prof. Dr. Susanne Moebus (Universitätsklinikum Essen, Zentrum für urbane Epidemiologie), Dr. Uwe Müller (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Köln), Dirk Schreckenberg (Forschungsunternehmen Zeus, Hagen) und Prof. Dr. Andreas Seidler (TU Dresden, Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin).

Ein wesentlicher Auslöser für die Einberufung der sogenannten Marwein-Runde war die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die im Oktober 2018 in Basel ihre „Leitlinien für Umgebungslärm in der Region Europa“ der Fachöffentlichkeit vorgestellt hat. Hiermit legte die WHO erstmals Werte für Straßen- und Schienenverkehrslärm vor, deren Überschreiten mit schädlichen gesundheitlichen Auswirkungen (Level day-evening-night, Lden) und mit Beeinträchtigungen des Schlafes (Lnight) verbunden ist. Für den Straßenverkehrslärm nennt die WHO die Geräuschpegel Lden 53 dB(A) und Lnight 45 dB(A), für den Schienenverkehrslärm die Geräuschpegel Lden 54 dB(A) und Lnight 44 dB(A).

Die WHO-Empfehlungen liegen etwa 15 dB(A) unter den heute als Schwelle zur Gesundheitsgefährdung durch Straßen- und Schienenverkehrslärm üblicherweise (etwa in der Verkehrslärmschutzverordnung oder den Lärmschutzrichtlinien StV) herangezogenen Pegeln von 70 dB(A) am Tag und bei 60 dB(A) in der Nacht.

Erkenntnisse der Lärmwirkungsforschung berücksichtigen

Die Stuttgarter „Marwein-Runde“ empfiehlt eine Absenkung dieser Werte um jeweils 5 auf zunächst 65 dB(A) am Tage und 55 dB(A) in der Nacht. Diese Absenkung ist ein wichtiger Zwischenschritt für die Verbesserung des Gesundheitsschutzes von Menschen in durch Straßen- und Schienenverkehrslärm belasteten Gebieten. Darüber hinaus sollten verstärkte Anstrengungen unternommen werden, den Verkehrslärm auch im Bereich unterhalb dieser Werte zu verringern und niedrige Pegel nach Möglichkeit nicht zu erhöhen.

Die empfohlenen Werte sollten den rechtlichen Regelungen zugrundegelegt werden, die zum Beispiel für die Beurteilung einer schalltechnisch wesentlichen Änderung von Straßen und Schienenwegen erforderlich sind wie auch für die Lärmsanierung, für Entscheidungen über straßenverkehrsrechtliche Maßnahmen oder die Lärmminderungsplanung.

Die Fachleute fordern zudem, dass „ein auf die Zukunft ausgerichtetes Lärmschutzkonzept für die Nacht nicht mehr ausschließlich nur auf gemittelten Lärmpegel wie dem Leq beruhen. Vielmehr sollten aus Sicht der Lärmwirkungsforschung insbesondere die durch die Geräuschereignisse erzeugten zusätzlichen Aufwachreaktionen und die durch einen gestörten Schlaf bedingten Krankheitsrisiken berücksichtigt werden.

Thomas Marwein / Christian Popp

Die Autoren
Thomas Marwein MdL ist Lärmschutzbeauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg, Christian Popp ist Vorsitzender der Geschäftsführung des Beratungsunternehmens Lärmkontor in Hamburg