„Kommunen brauchen strategischen Ansatz“

Martin zur Nedden: „Die Digitalisierung kann die Bemühungen um eine nachhaltige Entwicklung unterstützen.“ - Foto: Difu

Die Digitalisierung verändert die gesellschaftliche und räumliche Entwicklung. Prof. Martin zur Nedden vom Deutschen Institut für Urbanistik erläutert, welche Chancen und Risiken für die Kommunen damit verbunden sind und welche Erwartungen an eine Smart-City-Strategie geknüpft sind.

Herr Prof. zur Nedden, Smart City ist ein begrifflich schillerndes Querschnittsthema der Stadtentwicklung, das ganz verschiedene kommunale Aufgabenfelder umfasst. Mit welchen Aspekten der Smart City beschäftigt sich das Deutsche Institut für Urbanistik zurzeit? Gibt es programmatische „Highlights“ im Jahr 2018?

zur Nedden: Das Difu beschäftigt sich in einer ganzen Reihe von Projekten mit dem Thema. Fragen der Akzeptanz und Kommunikationsstrategien beim Ausbau der IKT-Infrastruktur in Kommunen verfolgen wir bereits seit vielen Jahren. Das Thema Smart City ist seit 2014 dann mehr und mehr in den Fokus gerückt, nicht zuletzt deshalb, weil zahlreiche Kommunen mit Fragen auf uns zugekommen sind. Daher haben wir das Thema auch in unser Fortbildungsprogramm aufgenommen. Im letzten Jahr haben wir außerdem eine Umfrage zum Stand der Umsetzung in Deutschland vorgenommen und vertiefend analysiert, in welcher Beziehung das Konzept der Smart City eigentlich zu anderen Stadtkonzepten steht. Da sich von Smart-City-Projekten nicht zuletzt auch Steigerungen der Energie- und Ressourceneffizienz in den Bereichen Gebäude und Daseinsvorsorge versprochen wird, beschäftigen uns aktuell die Umwelteffekte von Smart-City-Infrastrukturen als ein Forschungsschwerpunkt.

Vernetzung aufgrund umfassender Digitalisierung steht im Zentrum vieler Smart-City-Ansätze. Was muss Ihrer Ansicht nach ein zukunftsweisendes Konzept leisten, das über die Beschreibung von Einzelmaßnahmen und -anwendungen hinausgeht?

zur Nedden: Die Digitalisierung beeinflusst alle Bereiche unserer gesellschaftlichen und räumlichen Entwicklung und verändert sie wesentlich. Das betrifft unser persönliches Umfeld, Stichwort „Smart Home“, die Wirtschaftsstrukturen, Stichwort „Industrie 4.0“, technische Infrastruktur und Siedlungsentwicklung wie auch Fragen der Verfügungsrechte über die entstehenden ungeheuren Datenmengen und dem sich daraus ergebenden Machtgefüge. All diese Aspekte stehen miteinander in Wirkungszusammenhängen. Ein zukunftsfähiges Konzept, egal ob auf Bundes-, Landes-, oder kommunaler Ebene, muss diese Zusammenhänge in unterschiedlicher Differenziertheit berücksichtigen. Nur so lassen sich die mit der Digitalisierung verbundenen großen Chancen, aber auch erheblichen Risiken ermitteln und abwägen, sodass in der Folge im Sinne des Allgemeinwohls verantwortungsvolle Entscheidungen getroffen und in Konzepten niedergelegt werden können.

Und im Blick auf die Kommunen nachgefragt: Brauchen sie einen Masterplan, um die Entwicklung in Einzelfeldern abbilden zu können?

zur Nedden: „Masterplan“ entwickelt sich langsam zu einem ähnlich schillernden Begriff wie „Smart City“. Sie brauchen in jedem Fall einen umfassenden strategischen Ansatz. Meiner Ansicht nach sollten die Integrierten Stadtentwicklungskonzepte (INSEK), die erfreulicherweise in immer mehr Kommunen als strategische Grundlage der Stadtentwicklung erarbeitet werden, unter dem Aspekt der Auswirkungen der Digitalisierung weiterentwickelt werden. Sinnvoll könnte in diesem Zusammenhang sein, das Thema „Digitalisierung“ sowohl in einem eigenen Fachkonzept als integralem Bestandteil des INSEK als auch als Querschnittsthema in allen anderen Fachkonzepten von der technischen Infrastruktur über Bildung, Umwelt bis zur Integration zu behandeln.

Die Mobilität ist ein Beispiel für die enge Verflechtung von Stadt und Umland. Die Kommunalentwicklung kann also nicht an den Stadtgrenzen Halt machen, sondern muss immer auch „anschlussfähig“ sein. Wird dieser Aspekt in Zukunft an Bedeutung gewinnen?

zur Nedden: Das ist zu hoffen. Die sachliche Notwendigkeit zur interkommunalen Zusammenarbeit besteht schon lange. Trotz einiger teilweise auch schon langjähriger Ansätze wie zum Beispiel im Bereich der technischen Infrastruktur mit Wasserverbänden und Verkehrsverbünden gibt es diesbezüglich sicher noch bundesweit gesehen erhebliches Entwicklungspotenzial. Das gilt sowohl für wachsende wie auch von Bevölkerungsrückgang geprägte Regionen.

Ist ein Trend erkennbar, dass aufgrund zunehmender Vernetzung zum Beispiel Projekte der interkommunalen Kooperation zunehmen?

zur Nedden: Es hat zu mindestens den Anschein, dass die Einsicht in die Notwendigkeit wächst. Inwieweit das Thema der digitalen Vernetzung hierbei schon eine wesentliche Ursache darstellt, ist schwer zu beurteilen. Der offensichtliche Handlungsdruck auf anderen Feldern wie der Bevölkerungsentwicklung, sei es nun in Form von Zu- oder Abnahme, und damit zusammenhängend Themen wie Wohnungsneubau und -leerstand, Gewährleistung der Daseinsvorsorge und natürlich Verkehr sowie Umwelt mit Klimawandel und -anpassung, dürfte zurzeit noch stärker im Vordergrund stehen. Die Bedeutung der Digitalisierung diesbezüglich wird aber zweifellos wachsen.

Ein Resultat des T-City-Projekts Friedrichshafen vor einigen Jahren bestand in der Feststellung, es sei nicht so recht gelungen, die Bürger in größerem Umfang zu beteiligen. Was verstehen Sie unter Bürgerbeteiligung in der Smart City?

zur Nedden: Digitalisierungsstrategien und die Umsetzung von Smart-City-Projekten bedürfen ganz generell einer frühzeitigen Beteiligung der Bürger. Das heißt vor allem dort, wo Städte und Entwickler sogenannte smarte Quartiere entwickeln, sind sie gut beraten, nicht nur neue technologische Möglichkeiten zu erproben, sondern auch die potenziellen Nutzer von Gebäuden und Infrastrukturen frühzeitig nach ihren Bedürfnissen zu befragen. Umgekehrt muss man aber auch sehen, dass es vonseiten sowohl der Bürgerschaft als auch der lokalen Wirtschaft eine gewisse Erwartung gibt, dass die Kommunen die digitalen Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung intensiv nutzen.

Vor Smarty City hat die Nachhaltigkeit Karriere gemacht als Schlagwort der Stadtentwicklung. Wo sind Berührungspunkte oder Überschneidungen zwischen beiden in der Stadt der Zukunft?

zur Nedden: Die Karriere wird hoffentlich weitergehen. Die Digitalisierung kann die Bemühungen um eine nachhaltige Entwicklung unterstützen. Das gilt für alle vier Elemente der Nachhaltigkeit: Ökologie, Ökonomie, soziale und kulturelle Belange. So kann sie zur Effizienzsteigerung bei der Nutzung unserer natürlichen Ressourcen beitragen, neue Wirtschaftsimpulse setzen, das längere Verbleiben älterer Bewohner in ihrem gewohnten Umfeld ermöglichen und neue Formen der Bildungsvermittlung schaffen. Auch hier zeigt sich aber die „Janusköpfigkeit“. So wird sie im ökonomischen Bereich sicher neue und neuartige Arbeitsplätze schaffen. Inwieweit diese aber die Verluste in negativ betroffenen Wirtschaftssektoren ausgleichen oder sogar übertreffen, ist überhaupt noch nicht absehbar.

Interview: Jörg Benzing

Zur Person: Prof. Martin zur Nedden ist wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Urbanistik in Berlin