Kommunalpolitik für den öffentlichen Raum: Plädoyer für eine gemeinsame Gestaltung

Bürgerinnen und Bürger haben immer weniger Begegnungsräume – so sollte es aber nicht sein: Dafür plädiert die Heinrich-Böll-Stiftung. Für die Stiftung legt Michael Stognienko dar, welche Akzente Kommunalpolitik für den öffentlichen Raum setzen sollte.

Kommunalpolitik für den öffentlichen Raum
Der Appell an die Kommunalpolitik: den öffentlichen Raum so für die vielfältigen Ansprüche öffnen, dass er zukunftsfähig wird. Foto: Adobe Stock/zefart

Der öffentliche Raum ist weit mehr als nur Straßen und Plätze: Er ist Teil einer umfassenden öffentlichen Infrastruktur, die unser tägliches Leben erst möglich macht. Verkehrswege, Stromnetze, Krankenhäuser, Kitas – vieles nehmen wir selbstverständlich hin und merken erst im Krisenfall, wie zentral diese Infrastrukturen für das Funktionieren einer Gesellschaft sind. Das gilt auch für den öffentlichen Raum: Ohne ihn drohen Spaltung, Rückzug und soziale Isolation.

Kommunalpolitik für den öffentlichen Raum: Begegnung und Miteinander als zentrale Anliegen

Öffentliche Räume sind Treffpunkte, Märkte, Erholungsorte und vor allem Orte der Demokratie sowie Teilhabe. Sie sind physisch greifbar: Parks, Spielplätze, Bibliotheken, Sportplätze, Eckkneipen.

Zugleich sind sie Teil einer geistigen Infrastruktur: Räume, in denen sich Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft (zufällig) begegnen, austauschen, sich einbringen und Gemeinschaft erleben. Auch digitale Räume wie soziale Netzwerke prägen diese Öffentlichkeit zunehmend mit.

(Frei-)raum ist heiß begehrt und massiv unter Druck

Doch vielerorts steht der öffentliche Raum unter Druck. Autos beanspruchen überproportional viel Fläche, während Zonen für Fußgängerinnen, Radfahrer und Aufenthalt knapp sind. Kommerzialisierung, Überwachung und Versiegelung beeinträchtigen Zugänglichkeit und Aufenthaltsqualität.

Der Klimawandel verschärft die Probleme: Hitzeinseln, mangelndes Stadtgrün und fehlendes Regenwassermanagement zeigen, wie eng soziale, ökologische und bauliche Aspekte zusammenhängen. Die Grenzen öffentlicher Haushalte tun ein Übriges.

Die Gestaltung des öffentlichen Raums liegt unmittelbar in der Verantwortung der Kommunalpolitik. Eine zukunftsfähige Stadt- und Gemeindepolitik muss sicherstellen, dass öffentliche Räume allen gehören und alle sie nutzen können – unabhängig von Alter, Einkommen oder Herkunft. Wichtige Schwerpunkte sind:

  • Flächen neu verteilen – Bebauungspläne anpassen: Mehr Platz für Menschen statt Autos. Verkehrsberuhigte Zonen, Fußgängerbereiche und Radwege stärken nachhaltige Mobilität und schaffen mehr Raum für Begegnung.
  • Grünflächen sichern und ausbauen: Bäume, Parks und entsiegelte Flächen verbessern das Stadtklima, kühlen in heißen Sommern und laden zum Verweilen ein. Grünflächen sind Teil einer zukunftsfähigen Infrastruktur.
  • Kommerzialisierung und Privatisierung steuern: Gastronomie, Märkte und Events beleben, dürfen aber den freien Zugang nicht verdrängen. Ein fairer Ausgleich schützt das Gemeinwohl.
  • Öffentliche Räume inklusiv und barrierefrei gestalten: Sitzgelegenheiten, Trinkwasserstellen, Spielbereiche, barrierefreie Wege und gut zugängliche Einrichtungen wie Kitas, Schulen oder Bibliotheken fördern Teilhabe und Integration.
  • Beteiligung stärken: Bürgerinnen und Bürger sollen öffentliche Räume nicht nur nutzen, sondern mitgestalten. Partizipation in der Planung schafft Akzeptanz und fördert Verantwortungsgefühl.
  • Konflikte sozial regeln: Unterschiedliche Interessen – Jugendliche, Anwohner, Gewerbe – lassen sich nicht mit Verboten lösen. Prävention, klare Regeln, soziale Arbeit und Mediation helfen.
  • Sicherheit und Sauberkeit gewährleisten: Angsträume abbauen, Beleuchtung verbessern, lebendige Nutzungen fördern – all das wirkt oft besser als nur Überwachungstechnik.

Langfristige Politikaufgabe

Öffentliche Räume gehören in eine Gesamtstrategie für eine starke öffentliche Infrastruktur. Nur so können Demokratie und soziale Teilhabe gelingen – nicht nur in Krisenzeiten, sondern dauerhaft. Gute öffentliche Räume tragen zur Bildung, Gesundheit, Kultur und Nachbarschaft bei. Sie schaffen Vertrauen und Gemeinschaft. Sie verhindern gesellschaftliche Segregation, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land, in Bildung und in der digitalen Welt. Ohne funktionierende öffentliche Räume – analog wie digital – kann eine sozial durchlässige, gerechte Gesellschaft nicht bestehen.

Die Pflege und Weiterentwicklung öffentlicher Räume ist eine politische Aufgabe mit langfristiger Wirkung. Sie erfordert Mut, klare Regeln, faire Interessenabwägung und nachhaltige Investitionen. Die Kommunalpolitik bestimmt, ob der öffentliche Raum konsumorientierte Transitfläche bleibt oder als Herzstück einer lebendigen, demokratischen Stadtgesellschaft gesichert wird.

Öffentlichen Raum (zurück-) gewinnen

Gerade jetzt ist der Moment, öffentliche Räume neu zu denken, zu beleben und zukunftsfähig zu gestalten. Damit alle teilhaben können – heute und morgen.

Michael Stognienko


Der Autor

Michael Stognienko ist Projektmanager Politische Bildung bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin.


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