Innovationen in der Praxis der Gesundheitsversorgung

Operation: Die Stadt Leipzig fördert im Cluster Gesundheitswirtschaft und Biotechnologie neue Ideen im Bereich der digitalen Gesundheitsversorgung. - Foto: Universitätsklinikum Leipzig

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens unterstützt die Sicherung einer qualitativ hochwertigen und bezahlbaren medizinischen Versorgung. In München etwa sorgt ein großes Praxisnetz für effizienten Datenaustausch. In Leipzig fördert der Smart Infrastructure Hub innovative Start-ups.

Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen wächst. Leistungserbringer, Kostenträger, aber auch Kommunen müssen sich daher vermehrt die Frage stellen, wie eine qualitativ hochwertige und zugleich bezahlbare Gesundheitsversorgung für alle Bürger langfristig sicherzustellen ist. Dazu kann die Digitalisierung des Gesundheitswesens auf vielfache Weise beitragen. Beispielsweise erleichtern telemedizinische Anwendungen eine zeitnahe und bedarfsorientierte Behandlung von Patienten

Elektronische Patientenakte

Welche Chancen sich durch die neuen Technologien ergeben können, zeigt das Beispiel des 2006 gegründeten Praxisnetzes München West. Darin sind 258 niedergelassene Haus- und Fachärzte aus 102 Praxen organisiert. Im Jahr 2009 wurde mit der AOK Bayern ein Selektivvertrag zur integrierten Versorgung nach Paragraf 140a ff Sozialgesetzbuch (SGB) V abgeschlossen. Dieser beinhaltet zusätzliche Leistungen wie etwa eine Beratung für Chroniker zur Polypharmakotherapie. Allerdings mussten die teilnehmenden Ärzte sich zum Aufbau einer elektronischen Vernetzungsstruktur, die den Austausch der Ärzte untereinander ermöglicht, sowie zum Einsatz einer elektronischen Patientenakte bereit erklären. Für ihr 2011 gestartetes Vorhaben entschieden sich sie sich dazu, die Netzsoftware „X.comdoxx“ zu verwenden. Außerdem entschieden sie sich für eine einheitliche Praxis-EDV.

Inzwischen nutzen 60 Praxen die Vorteile der vernetzen Kommunikation. Christian Brucks, Gesundheitsökonom und Geschäftsführer des Netzbüros, erläutert: „Da Informationsdefizite bei der Übermittlung von ärztlichen Diagnosen verhindert werden, lassen sich Doppeluntersuchungen und Fehlmedikationen vermeiden. Gerade multimorbide ältere Menschen profitieren davon.“ Dazu gehören auch Patienten, die nicht am AOK-Vertrag teilnehmen. Zudem trage die neuartige Form des Datenaustausches im Praxisnetz zu einer Zeitersparnis von bis zu 20 bis 30 Prozent bei. „Auch dieser Effekt kommt den Patienten unmittelbar zugute“, so Brucks, „denn dadurch werden Kapazitäten für die sprechende Medizin frei“. Die Versorgungsqualität habe sich ebenso verbessert wie die Effizienz, was nicht zuletzt die Kassen freue.

Regelmäßig Medienbrüche

Unverzichtbar ist nach Brucks Ansicht jedoch ein funktionierender Datenschutz. „Eine zentrale Datenspeicherung auf einer Cloud ist nicht empfehlenswert“, betont Brucks. Das Praxisnetz speichert die Patientendaten stattdessen dezentral in den einzelnen Praxen, und zwar auf der Grundlage einer Zertifizierung durch TÜV-Rheinland. Zudem bestimmen die Patienten über einzelne Datenschutzerklärungen darüber, ob und welche Daten an welche Praxen weitergeleitet werden dürfen.

Brucks weist darauf hin, dass bundesweit rund 160 unterschiedliche ärztliche Verwaltungssysteme existieren, die regelmäßig zu Medienbrüchen führen. Einen Fortschritt verspricht er sich vom Interoperabilitätsverzeichnis, das mit dem E-Health-Gesetz geschaffen wurde. Eine flächendeckende Lösung im Bereich der Gesundheitstelematik sei derzeit dennoch nicht in Sicht.

Nach zwei Jahren Entwicklungsarbeit hat das Praxisnetz seit Dezember 2017 den nächsten Schritt gewagt und ist nun in der Lage, Notfalldaten mit einem Krankenhaus auszutauschen. Als Partner wählte man das Helios-Klinikum München-Pasing. Geplant ist, im Bedarfsfall auch Kontaktdaten von Angehörigen der Patienten zu übermitteln.

Den Kommunen rät Brucks, die Gründung regionaler Verbünde zu unterstützen, auf Basis der lokalen Gegebenheiten zu handeln und sich dafür einzusetzen, dass vor Ort in IT sowie in fachlich qualifiziertes Personal investiert wird. „Eine qualitativ bessere Versorgung ist nicht nur für Patienten wünschenswert, sondern kann darüber hinaus zur Kostensenkung beitragen.“

Start-ups finden Platz zum Wachsen

Andere Einsatzmöglichkeiten der Digitalisierung im Bereich der Gesundheit eröffnet die Digital-Hub-Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi). Dahinter steht die Idee einer Zusammenarbeit von Gründern, etablierten Unternehmern und Wissenschaftlern auf engem Raum, die als besonders innovationsfördernd gilt. Als einer von zwölf Standorten erhielt Leipzig, gemeinsam mit Dresden, den Zuschlag.

In Leipzig konzentriert man sich auf die Themen Energie, Smart City und E-Health. Dazu erklärt Wirtschaftsbürgermeister Uwe Albrecht: „Durch den Smart Infrastructure Hub machen wir auf die lange Tradition des Medizinstandortes Leipzig aufmerksam und versuchen, neue Ideen im Bereich der digitalen Gesundheitsversorgung zu befördern.“ Die Stadt verfügt über ein breites Spektrum an Hochleistungsmedizin und Forschung, an regenerativer Medizin und Biotechnologie. Diese bilden den Cluster Gesundheitswirtschaft und Biotechnologie mit 41.000 Beschäftigten und 6000 Auszubildenden.

Das „SpinLab – The HHL Accelerator“, begleitete in den vergangenen Jahren zahlreiche Gründerteams, die ihre Ideen in der Gesundheitsbranche in Leipzig weiter entwickelt haben. Durch die Zusammenarbeit mit der Krankenkasse AOK Plus werde der Gesundheitsbereich im Programm des Accelerators verstetigt, sagt Albrecht. „Als Kommune versprechen wir uns davon, dass unsere Bürger zuerst von innovativen Lösungen profitieren und neue Unternehmen in Leipzig einen idealen Platz zum Wachsen finden. Deshalb unterstützen wir eine aktive Vernetzung der Akteure durch die Förderung mehrerer Netzwerkorganisationen.“

Wie Hannelore Strobel, Pressesprecherin der AOK PLUS erläutert, haben sich bislang 50 Start-ups mit ihren E-Health-Produkten für das sechsmonatige Mentoring-Programm beworben. „Die Vielfalt der Ideen hat uns gezeigt, welche Innovationskraft die Start-ups in den Gesundheitsmarkt bringen. Schlussendlich haben uns Yolawo und Mindance überzeugt.“

Die Plattform Yolawo wurde 2017 in Freiburg gegründet. Sie bündelt Sportangebote und ermöglicht es ihren Nutzern, Kurse und Trainingseinheiten zu finden und zu buchen. Bei Mindance, 2017 in Leipzig entwickelt, handelt es sich eine Mentaltraining-App, die für die betriebliche Gesundheitsförderung und Personalentwicklung eingesetzt werden kann. Sie soll durch regelmäßig durchgeführte kurze Audioübungen Stress reduzieren und die Leistungsfähigkeit fördern.

Michaela Allgeier

Die Autorin
Michaela Allgeier, Essen, ist Autorin und Beraterin in den Themenfeldern Demografische Entwicklung und Gerontologie sowie Integration