Fiber to the Landlords

Mobiles Internet: Wo bei der breitbandigen Erschließung ländlicher Orte ein Wille ist, findet sich auch ein Weg zum Ziel. Dabei ist wichtig, für Unkonventionelles offen zu sein. Foto: Wierink/Fotolia

Wer auf dem Land eine schnelle Datenleitung haben will, muss viel Geduld zeigen. Schneller zum Ziel kommt man, wenn die Verantwortlichen im Rathaus, Unternehmer und Bürger den Breitbandausbau selbst in die Hand nehmen. Das durchaus auch im wörtlichen Sinne, wie in der Stadt Hamminkeln.

Die Stadt Hamminkeln (Nordrhein-Westfalen) ist eine großflächige, ländlich geprägte Kommune mit rund 27.000 Einwohnern in sieben Ortsteilen mit sechs Gewerbegebieten. Die Breitbandversorgung in den Ortsteilen Hamminkeln und Dingden betrug bis vor nicht langer Zeit maximal 3 Mbit/s, in den Außenbereichen lag sie erheblich unter diesem Wert. In Loikum beispielsweise waren maximal 768 Kbit/s zu erreichen. Gut hatten es schon immer die Einwohner, deren Anwesen mit TV-Kabel erschlossen sind. So waren in Hamminkeln, Ringenberg und Dingden in Teilbereichen Download-Raten von bis zu 150 Mbit/s möglich.

Als eines Tages im Jahr 2006 der Wirtschaftsförderer Hamminkelns, Martin Hapke, den Anruf eines verzweifelten Gewerbetreibenden ob der schlechten Breitbandanbindung erhielt, wurde die Dramatik der Situation klar: Der Unternehmer hatte sich eben als erster in einer Erweiterungsfläche des Gewerbegebietes Dingden-Nord niedergelassen, und die Deutsche Telekom sah sich außerstande, ihm dort einen DSL-Anschluss anzubieten. Die verfügbare Bandbreite lag bei maximal 768 Kbit/s!

In der darauffolgenden Zeit bot ein regional tätiges Systemhaus an, eine Lösung für die Hamminkelner Gewerbegebiete zu finden. Der Versuch scheiterte indes am fehlenden Problembewusstsein ansässiger Betriebe, die zu der Zeit mehrheitlich keinen Mangel an Bandbreite erkennen wollten.

Im Jahr 2008 dann machten Hamminkelns Bürgermeister Holger Schlierf und Wirtschaftsförderer Hapke einen Vorstoß bei der Deutschen Telekom in Sachen Glasfaseranbindung des Ortsteils Dingden. Vom „magenta Riesen“ wollten sie wissen, wie hoch die Deckungslücke bei einer 3,5 Kilometer langen Glasfasertrasse zwischen dem Hauptverteiler in Ringenberg und Dingden ausfällt. Zahlen dazu wurden trotz vielfacher mündlicher, schriftlicher und persönlicher Nachfrage und trotz mehrfacher Zusage, diese zur Verfügung stellen zu wollen – der Stadt jedoch jahrelang nicht genannt. Nebenbei gesagt: Erst im Februar 2015(!) erhielt Wirtschaftsförderer Hapke die erbetenen Informationen.

Betriebe fordern Ausbaulösung

Nachdem mangelnde Bandbreite Firmen von der Ansiedlung im Gewerbegebiet Dingden abhielt, musste eine Lösung gefunden werden. Dies zumal auch bereits 2009 in der Kommune ansässige Betriebe zunehmend die Breitbandunterversorgung beklagten.

Die örtliche Mittelstandsvereinigung der CDU (MIT) nahm sich nun auch der Sache an. Martin Hapke stellte den Kontakt zur Hamminkelner Cosmotel IT und zur Bornet im benachbarten Borken her. Die MIT lud Ende 2010 beide Anbieter zu einer Präsentation ihrer unterschiedlichen Techniken vor den Gewerbetreibenden des Gewerbegebiets Dingden-Nord ein. Die Richtfunklösung der Cosmotel IT versprach eine rasche und kostengünstige Lösung, doch den größeren Anklang bei den Gewerbetreibenden fand die FTTH-Lösung von Bornet. Sie versprach in den Augen der Unternehmer mehr Zukunftssicherheit.

Um das Gewerbegebiet Dingden-Nord zu erschließen, war eine 4,5 Kilometer lange Leitung vom Bocholter Glasfasernetz nach Dingden nötig. Den Bau übernahm die Bocholter Glasfaser GmbH. Er startete im Mai 2011 und wurde bereits im September desselben Jahres abgeschlossen. Die Monate zwischen der Präsentation der Firmen und dem Baubeginn waren ausgefüllt mit den Recherchen zu Fördermöglichkeiten. Um Fördermittel in Anspruch nehmen zu können, hätte eine Technik unabhängige Ausschreibung erfolgen müssen. Weil das unter Umständen aber zu einer nicht optimalen Lösung geführt hätte, wurde auf ein Markterkundungsverfahren und letztendlich auf Fördermittel gänzlich verzichtet. Die Gewerbetreibenden bevorzugten die technisch ultimative Lösung Glasfaser.

Die Kosten für die Verbindungsleitung wurden ausschließlich über die Anschlussverträge der Betriebe finanziert. Die monatlichen Gebühren für die Datenleitungen sind vergleichbar mit den vorherigen Kosten bei Verträgen mit der Deutschen Telekom, ihnen steht aber unvergleichlich mehr Leistung mit synchronen Anschlüssen gegenüber. Das heißt, die Datenraten sind für den Upload genauso hoch wie für den Download.

Bereits als der Bau der Leitung beschlossen wurde, hatte Wirtschaftsförderer Hapke angeregt, auch die Ortslage von Dingden mit einem Glasfasernetz auszustatten. Sowohl die MIT als auch die Dingdener Interessen- und Werbegemeinschaft (DIWG) unterstützten diese Initiative. Als die Deutsche Glasfaser Ende 2011 ihre Bereitschaft signalisierte, diesen Ausbau vorzunehmen, wenn mindestens 40 Prozent aller Haushalte im Ausbaugebiet einen Glasfaseranschluss ordern, galt es, die Dingdener Bevölkerung von den Vorteilen der Lichtwellenleitertechnik zu überzeugen. Zwei Veranstaltungen Anfang 2012 informierten über die Chancen, die Glasfaseranschlüsse auch für private Haushalte mit sich bringen. Bis zum festgelegten Stichtag entschieden sich 54 Prozent aller Haushalte im Ausbaugebiet für einen Glasfaseranschluss.

Der Ausbau des Netzes startete im Sommer 2012 und heute sind alle Kunden, die einen Anschlussvertrag unterschrieben haben, auf der schnellen Datenautobahn unterwegs. Mittlerweile generiert die Deutsche Glasfaser in diesem Ortsteil nach eigener Aussage 20 bis 30 Neukundenverträge monatlich.

Schon zu Beginn der Ausbauplanungen für Dingden hatte das Unternehmen seine Bereitschaft signalisiert, den mit gerade einmal 384 Kbit/s versorgten Ortsteil Loikum auszubauen, wenn Dingden ein Erfolg würde. Mobilfunklösungen boten in Loikum keine Abhilfe, Satellitenlösungen waren nicht gewollt. Innerhalb von 14 Tagen nach Start der Interessensbekundung hatten sich 89 Prozent der Haushalte im Loikumer Ortskern von dem Glasfaserangebot überzeugen lassen. Da wollten dann die Bewohner der Außenbereiche Loikums, die „Landlords“, wie Herman van Voorst von der Deutschen Glasfaser sie nennt, nicht nachstehen. Sie verlangten ebenfalls nach der Möglichkeit, „auf der Überholspur“ surfen zu können.

Eigeninitiative senkt die Kosten

Indes: Vergleichswerte für Ausbaukosten im Außenbereich lagen nicht vor. Klar war jedoch, dass der Ausbau dort nicht zum gleichen Preis wie im Ortskern zu haben sein würde. In der günstigsten Variante der Deutschen Glasfaser standen immer noch rund 3000 Euro pro Anschluss zu Buche. „Das muss billiger gehen“, war die Devise der „Landlords“. „Was, wenn wir selbst Hand anlegen und unser landwirtschaftliches Gerät nutzen?“, war die Überlegung. Neue Kalkulationen ergaben Kosten von 1700 Euro pro Anschluss, sofern sich alle solidarisch erklären und zur Mitarbeit verpflichten. In dem Betrag enthalten sind Anschlusskosten, Mietgebühren für Geräte, die man bei Tiefbauunternehmen ausleihen muss und Prämien für Versicherungen, die bei solch einem Projekt als obligatorisch anzusehen sind.

Die „Landlords“ gründeten eine Teilnehmergemeinschaft, deren unermüdliches Organisatorenteam die Vertragsverhandlungen führte und die Koordinierung der Arbeitsschritte vornahm. Ein findiger Landwirt konstruierte einen alten Pflug zu einem lenkbaren Kabelpflug um. Mit Hilfe dieses und anderer landwirtschaftlicher Geräte, dem Einsatz schwerer Traktoren so wie jede Menge freiwilliger Arbeitsstunden der „Landlords“ wurde innerhalb eines halben Jahres der komplette Außenbereich mit Glasfaser ausgestattet. Auf 25 Kilometer Streckenlänge wurden über 100 Kilometer Glasfaserkabel verlegt!

Das Glasfaserfieber steckte an: Längst hatten sich auch 69 Prozent der Bewohner der Ortslage des Nachbardorfes Wertherbruch für den Ausbau mit Glasfaserkabel entschieden. Die Verlegung in Eigenregie kam im Wertherbrucher Außenbereich nicht in Frage. Es wurde daher eine Versorgung per WLAN realisiert. Die Wifi-to-You GmbH aus Ochtrup installierte fast unsichtbare Antennen auf dem Kirchturm. Dazu musste der Sakralbau mit einer Glasfaseranbindung ausgestattet werden. „Aus ‚Fiber to the Landlords“ wird in Wertherbruch ‚Fiber to the Lord‘”, scherzten die örtlichen Akteure. Fakt ist, dass die Außenbereichsanlieger derzeit drahtlos mit fast synchronen Bandbreiten von annähernd 100 Mbit/s versorgt werden können.

Mittlerweile hat die Deutsche Glasfaser den Ausbau der Ortsteile Hamminkeln, Brünen und Mehrhoog unter der Voraussetzung angekündigt, dass auch hier 40 Prozent Anschlussquote erreicht werden. Die Nachfragebündelung für die Gewerbegebiete und Teile der Ortslage Hamminkeln stehen unmittelbar bevor. Zurzeit werden mit WiFi-to-You weitere Standorte für Antennenanlagen geprüft, um binnen der nächsten zwei bis drei Jahre auch eine adäquate Versorgung der Außenbereiche sicherzustellen. „Mein Traum“, so Wirtschaftsförderer Hapke, „ist es, bis 2018 in der Stadt Hamminkeln flächendeckend mindestens 50 Mbit/s bieten zu können.“

Da die Deutsche Glasfaser ein Open-Access-Netz anbietet, sind die ausgebauten Ortsteile für die Zukunft bestens gerüstet. Nebenbei bedeutet eine gute Breitbandanbindung eine Wertsteigerung der Immobilien von bis zu fünf Prozent und deutlich verbesserte Chancen bei der Vermarktung von privaten und gewerblichen Immobilien und Grundstücken.

Mario Krüger

Der Autor
Mario Krüger, Berlin, ist freier Journalist