Tradition bewahren, Zukunft gestalten: Wie ein Fachwerkhaus fit für die Zukunft wird

Wie lässt sich an Tradition anknüpfen, während man gleichzeitig auf der Höhe des aktuellen Bauhandwerks bleibt? Und wie kann man schonend mit einem Gebäudeumfeld umgehen, das sich an neue Nutzungskonzepte anpassen muss? Ein Beispiel aus Schorndorf zeigt, wie es gehen kann.

Sanierung historischer Bausubstanz
Ein Fachwerkhaus in Schorndorf erzählt von 400 Jahren Geschichte – hinter der Fassade ist aber ein moderner Baukörper aus den 1970er Jahren. Jetzt wird beides für die Zukunft fit gemacht. Foto: Arnold Kumordzie

Mitten im baden-württembergischen Schorndorf steht ein Haus, das vielen vertraut ist: das Ärzte- und Apothekerhaus am Marktplatz 2. Seine Fachwerkfassade erzählt die Geschichte aus vier Jahrhunderten. Doch hinter dem historischen Äußeren verbirgt sich ein moderner Baukörper aus den 1970er Jahren – damals wie heute ein Vorzeigeprojekt.

Aktuell wird das Haus mit viel Liebe zum Detail modernisiert. Ziel ist es, die historische Substanz zu bewahren und zugleich zeitgemäße Räume für die medizinische Nutzung zu schaffen – eine Verbindung aus Tradition und Gegenwart, die Fingerspitzengefühl verlangt.

Fachwerk aus dem 17. Jahrhundert

Das Gebäude gehört zur Palm-Stiftung und ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Gesundheitsversorgung in Schorndorf. Im Erdgeschoss befindet sich die traditionsreiche Dr. Palm‘sche Apotheke. Das Fachwerk des vierstöckigen Hauses stammt ursprünglich aus dem 17. Jahrhundert.

Anfang der 1970er Jahre stand das Stifterpaar Elsa Maria und Johann-Philipp Palm vor einer schwierigen Entscheidung: Der alte Bau war im Kern nicht mehr sanierungsfähig. Statt die Immobilie aufzugeben, entschieden sie sich für einen mutigen Weg. Die Fassade wurde sorgfältig zurückgebaut, instandgesetzt und anschließend vor einen komplett neuen Baukörper gesetzt. So entstand ein modernes Gebäude mit historischem Gesicht – ein Konzept, das bis heute überzeugt. Seither prägt das Apotheken- und Ärztehaus das Stadtbild der schwäbischen Kreisstadt.

Sanieren mit Gespür für die Substanz

Fünf Jahrzehnte später wird das Haus erneut umfassend modernisiert. Im Laufe der Jahre sind bereits mehrere Renovierungen erfolgt – zuletzt 2024, als die Dr. Palm‘sche Apotheke im Erdgeschoss vollständig kernsaniert und neu gestaltet wurde. Die Modernisierung erfolgt schrittweise – von unten nach oben.

Aktuell werden die Räume im dritten Obergeschoss modernisiert, nachdem eine Praxis 2021 ausgezogen ist. Auf rund 150 Quadratmetern entstehen neue, flexible Flächen. Zusätzlich wird das Treppenhaus erneuert.

Architekt Felix Stammler aus Schorndorf begleitet die Arbeiten. Sein Großvater Karl-Friedrich hatte den damals hochmodernen Gebäudekern gemeinsam mit den Palms entworfen und gebaut.

Für Felix Stammler ist der respektvolle Umgang mit der gewachsenen Bausubstanz entscheidend: „Wir gehen heute ehrlich und offen damit um“, sagt er. Denn was in den 1970er Jahren bewusst hinter Holzverkleidungen verborgen wurde, darf nun wieder sichtbar werden. Im Treppenhaus werden alte Wandflächen freigelegt, gemauerte Strukturen neu verputzt und Betonelemente betont herausgearbeitet. Die nun klare Trennung zwischen historisch und modern verleiht dem Gebäude Charakter.

Offene und flexible Grundrisse

Schon beim Neubau in den 1970er Jahren setzten das Ehepaar Palm und die Planer auf moderne Konstruktionsprinzipien. Die Decken spannen weit, tragende Innenwände fehlen nahezu vollständig – stattdessen sorgen lange Stahlträger für Stabilität. So entstanden offene, flexible Grundrisse, die sich bis heute an neue Anforderungen anpassen lassen.

Diese Flexibilität ist wichtiger denn je. Die Räume können damit gezielt auf die Bedürfnisse der Mieterinnen und Mieter im Gesundheitswesen zugeschnitten werden. Ärztinnen und Ärzte arbeiten zunehmend in Gemeinschaftspraxen und benötigen größere Flächen. Im Zuge der Modernisierung werden daher neue Leitungen für Strom, Wasser und Daten installiert.

Zudem besteht die Möglichkeit, die Praxis im dritten Obergeschoss über eine interne Treppe mit der darunterliegenden Etage zu verbinden. So kann bei Bedarf eine zusammenhängende Fläche von rund 300 Quadratmetern entstehen.

Behutsame Modernisierung

Auch das Dachgeschoss mit seiner Maisonettewohnung und dem Blick über die Altstadt wird neu gestaltet. Eine leichte Stahltreppe ersetzt die bisherige schwere Holzstiege und schafft ein helleres, offeneres Raumgefühl. So wird im Treppenhaus künftig deutlich, dass hier privates Wohnen und medizinische Nutzung im Haus harmonieren und sich doch unterscheiden.

Bis Frühjahr 2026 sollen alle Arbeiten abgeschlossen sein. Dann wird sich am Schorndorfer Marktplatz ein Gebäude zeigen, das Vergangenheit und Gegenwart in Balance hält. Die klare, substanzschonende Formensprache macht sichtbar, wo historische Bausubstanz endet – und wo moderne Architektur beginnt.

Dialog über die Zeiten hinweg

Damit wird das Traditionsgebäude für die nächsten 50 Jahre zukunftsfähig bleiben und den Stiftungsauftrag erfüllen: ein modernes, funktionales Ärzte- und Apothekenhaus an einem attraktiven Standort, das zur innerstädtischen Gesundheitsversorgung beiträgt.

Die aktuelle Modernisierung zeigt, wie verantwortungsvoll mit historischer Architektur umgegangen werden kann. Hinter der denkmalgeschützten Fassade präsentiert sich ein selbstbewusster, moderner Kern – der nun wieder sichtbar wird und so ein Beispiel dafür ist, wie Tradition und Gegenwart architektonisch in Dialog treten können.

Daniel Mudroh


Der Autor

Daniel Mudroh ist Geschäftsführer der Palm GmbH & Co. KG in Schorndorf.


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